Erschreckendes Ergebnis: Die Anzahl der Polizisten, die in Bruck und an Verbrechen beteiligt waren, ist hoch.

Gröbenzeller Historiker enthüllt

„Judenmörder“: Die dunkle Vergangenheit der Brucker Polizeischule

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Kaum jemand wusste über die dunkle NS-Vergangenheit der Polizeischule in Fürstenfeldbruck Bescheid - bis der Gröbenzeller Historiker Sven Deppisch (35) mit seiner Doktorarbeit angefangen hat. Wir haben mit ihm über das Thema gesprochen. 

Fürstenfeldbruck - Deppisch enthüllt in seinem Buch „Täter auf der Schulbank“, wie in Bruck Kriegsverbrecher und Judenmörder ausgebildet wurden und welche Bedeutung die Polizeischule für die Stadt hatte. Ein Gespräch mit dem Autor

Herr Deppisch, haben Sie im Rahmen Ihrer Forschung etwas entdeckt, das Sie so nicht erwartet hätten?

Ja. Die Anzahl der Polizisten, die in Bruck waren und sich an Verbrechen beteiligten, ist erschreckend hoch. Sowohl auf Seiten der Schüler als auch auf Seiten der Lehrer. Es gab nur ganz, ganz wenige, von denen man sagen kann, die haben sich geweigert. Der erstaunlichste Aspekt war für mich aber, dass so viele prominente NS-Täter aus der Polizei in der Brucker Schule ausgebildet wurden beziehungsweise dort gelehrt haben.

Hunderte Polizisten aus ganz Deutschland und Österreich kamen zur Ausbildung nach Bruck. Warum erlangte gerade diese Polizeischule so eine Bedeutung im Dritten Reich?

1936 ist die Polizeischule in Berlin-Köpenick eingerichtet worden. Als zentrale Stelle, die Offiziere ausbilden sollte. Allerdings war der Bedarf an Offizieren so enorm, dass 1937 eine zweite Schule gegründet wurde. Es gibt zwar keine Quelle, die die Gründe nennt, warum die Wahl auf Bruck fiel. Fest steht aber: Im Zuge des Aufbaus der Wehrmacht standen die Gebäude so gut wie leer. Die Nazis fanden dort alles, was sie für eine Offiziersschule brauchten. Die Anlage eignete sich perfekt dazu. Ein wichtiger Punkt war auch die Nähe zu München. Da lag es nahe zu sagen, wir gehen nach Bruck – auch als Pendant zu Berlin in Süddeutschland. Während des Krieges büßte Berlin dann an Bedeutung ein. Das lag auch daran, dass die Schule kriegsbedingt umziehen musste, erst nach Oranienburg, dann ins Sudetenland. Bruck wurde dadurch zur wichtigsten Lehranstalt der uniformierten Polizei in ganz Deutschland.

Der Gröbenzeller Historiker Sven Deppisch (35). 

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, zur Polizeischule Fürstenfeldbruck zu forschen?

Ich wollte für meine Dissertation, wenn möglich ein NS-Thema bearbeiten. Irgendetwas mit bayerischem Bezug und etwas Institutionsgeschichtliches, also eine Behörde, ein Amt untersuchen. Nachdem ich in München nicht auf Anhieb fündig geworden bin, habe ich mal vor meiner eigenen Haustür geschaut und erinnerte mich an die Polizeischule in Bruck. Als ich gemerkt habe, dass diese eine der zwei bedeutendsten Polizeischulen im Dritten Reich war, war ich sofort Feuer und Flamme.

Wie haben Sie recherchiert? Wie war die Quellenlage?

Es war eine Puzzlearbeit. Erfreulicherweise gibt es zur Polizeischule einen umfangreichen Quellenbestand im Hauptstaatsarchiv München. Ich musste aber auch viel reisen und in anderen Archiven in der ganzen Republik forschen. Ich war beispielsweise oft in Berlin und Münster, wo die oberste Polizeischule Deutschlands ist. Und auch in Washington D. C. habe ich recherchiert.

Nach Willen der Nationalsozialisten sollten in Bruck und Berlin die leitenden Gesetzeshüter zu linientreuen „Polizeisoldaten“ erzogen werden. Wie wurde das gemacht?

Die Ausbildung war schon in der Vorkriegszeit sehr militärisch. Es gab aber noch einige Inhalte, die erkennen ließen, dass hier Führungskräfte der Polizei geschult wurden. Ein Lehrgang dauerte in dieser Phase etwa ein Dreivierteljahr, während des Krieges teilweise nur noch um die drei Monate. 1943 hat Heinrich Himmler als oberster Polizeichef dann die Ausbildung auf eine rein militärische eingestampft.

Und was waren die Inhalte?

Die Inhalte wurden zu großen Teilen aus der Weimarer Polizeiausbildung übernommen. Für die deutsche Staatsgewalt war über viele Jahrzehnte hin klar: Der Gegner steht links, formiert sich zu bewaffneten Banden und ist sehr gefährlich. Schon in der Weimarer Republik kämpfte sie gegen Partisanen und fürchtete sich vor kommunistischen Terror. An dieses Feindbild knüpften die Nazis an. Zudem gelang es ihnen, es antisemitisch und ideologisch aufzuladen.

Interessant ist, dass sich in den Quellen der Fürstenfeldbrucker Polizeischule kein brutaler Antisemitismus nachweisen lässt. Es ist aber schon davon auszugehen, dass die Schüler genau wussten, auf welche Einsätze sie vorbereitet wurden. Sie trainierten theoretisch und praktisch, was sie in Osteuropa tun sollten. Allerdings war in den Akten der Schule nie vom Judenmord die Rede, sondern immer nur vom Kampf gegen Banden und Partisanen. Die eingeübten Einsatzmuster mussten dann in den besetzten Gebieten nur noch abgerufen werden.

In Ihrem Buch schildern Sie auch Biographien von zahlreichen Tätern, die in Bruck waren. Gibt es eine, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, zum Beispiel die von Gerret Korsemann, der von April bis Oktober 1939 die Schule leitete. Während des Krieges war er unter anderem als Höherer SS- und Polizeiführer in der besetzten Sowjetunion tätig. Beispielsweise war er verantwortlich für die Ermordung von rund 15 000 Juden aus Charkow. Nach dem Krieg wurde er an Polen ausgeliefert. Nachdem er aus der Haft entlassen worden war, lebte er wieder in Deutschland und wurde eine Größe der rechtsradikalen Szene.

Oder Hans Hösl. Er war Lehrer in Bruck und hat unter anderem das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 geleitet, das in Griechenland massive Kriegsverbrechen begangen hat. Seit 1953 war er in der Bayerischen Polizeischule zunächst in München, ab 1957 wieder in Bruck maßgeblich für die Ausbildung der bayerischen Nachkriegspolizei zuständig. Bis in die 1970er-Jahre hinein wurde noch der Kampf gegen Banden geübt.

Welche Rolle spielte die Polizeischule im Alltag der Brucker?

Die Schule war aus dem Stadtbild gar nicht wegzudenken. Jedes Mal, wenn eine Feier stattfand, zum Beispiel an Hitlers Geburtstag, war die Schule mit dabei. Nach Dienstschluss haben die Schüler Wirtshäuser besucht und in den Läden eingekauft. Viele Lehrer haben auch in der Stadt gewohnt. Die Polizeischule war sogar ein beliebtes Motiv für Postkarten. Ein Stück weit verdankt Bruck auch der Schule seinen Aufstieg zur Stadt im September 1935. Denn dafür war eine weiterführende Schule notwendig. Und mit der Polizeischule konnte man eine vorweisen.

Wie ging es mit der Schule nach dem Krieg weiter?

1946 haben die Amerikaner die Schule der Bayerischen Landpolizei übergeben. Sie nahm wieder ihren Betrieb auf und bildete zunächst vor allem Schüler für den mittleren Dienst aus. 1957 ist sie wieder zur bedeutendsten Polizeischule in Bayern aufgestiegen. Das ist sie bis heute.

Wie sollte die Schule Ihrer Meinung nach mit ihrer dunklen Vergangenheit umgehen?

Die Polizeischule steht voll und ganz hinter ihrer Geschichte, die sie bis dato auch gar nicht in diesem Ausmaß kannte. Sich mit ihr zu beschäftigen, ist auch für die heutige Polizei ungeheuer wichtig. Ich hoffe daher, dass die Erkenntnisse aus meiner Studie in die polizeiliche Ausbildung in Fürstenfeldbruck und darüber hinaus einfließen.

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