Uwe Koop am Steuer des betagten Kutters, mit dem er zwei Wochen vor der libyschen Küste kreuzte.

Auf Rettungsmission

Ein Eichenauer wollte nicht mehr tatenlos zusehen, wie Flüchtlinge sterben

Noch immer sterben Flüchtlinge beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Uwe Koop (66) aus Eichenau wollte nicht mehr tatenlos zusehen. Zwei Wochen war er mit der Hilfsorganisation Sea-Eye vor der Küste Libyens unterwegs. 

Eichenau – Der Funkspruch der Italiener kommt um 16.30 Uhr. „Schiff in Seenot“ – rund 30 Seemeilen von der Position der Seefuchs entfernt. An Bord wird es still. Nur noch das monotone Blubbern des 60 Jahre alten Schiffsdiesels ist zu hören. Mit voller Kraft pflügt die Seefuchs durch die Wellen. Doch gerettet wird an diesem Tag niemand. Die Dunkelheit bricht herein, um 20.15 Uhr beendet das „Maritime Rescue Coordination Center“ (MRCC) in Rom den Einsatz. Frustration macht sich breit. Wieder sind wahrscheinlich Menschen gestorben.

Genau das wollte Uwe Koop eigentlich verhindern. „Menschen dürfen nicht sinnlos sterben“, sagt der Vater dreier Kinder. Ein Beitrag im Fernsehen bringt den Eichenauer auf die Regensburger Hilfsorganisation „Sea Eye“, die Helfer für ihre Missionen im Mittelmeer suchen. Wenige Monate später steht der gebürtige Hamburger am Steuer der Seefuchs. Aus seinem Heimathafen Rostock müssen sie den 60 Jahre alten Kutter, der in der DDR unter dem Namen Heringshai auf Fischjagd ging, ins Mittelmeer überführen. Durch die Ostsee, die Nordsee, den Atlantik und die Straße von Gibraltar geht es nach Malta, wo die Seefuchs seitdem stationiert ist. In Hamburg geboren, ist Koop mit der See vertraut, dank seines Sportküstenschifferscheins darf er den Kutter steuern.

Einen Tag bevor seine Rettungsmission beginnt hat der Eichenauer seine Crew kennengelernt – eine Ärztin, ein Kapitän, Steuerleute, ein Maschinist und mehrere Nothelfer. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, mussten aber als Team funktionieren.“

Das Retten wird den Helfern vor der Küste Libyens nicht leicht gemacht

Der Weg zu ihrem Einsatzort ist lang. Mehr als 24 Stunden braucht der betagte Kutter von Malta bis vor die libysche Küste – Zeit, die Koop und der Rest der Crew nutzen, um Abläufe zu üben. „Wir sind ja keine professionellen Retter“, erklärt der Betriebswirt. Deshalb trainieren sie, ihr Schlauchboot zu Wasser zu lassen, Flüchtlingsboote anzufahren, Funkkontakt zu halten oder Verletzte zu übergeben. Ziel ihrer Reise sind die Gewässer vor der libyschen Küste.

Doch das Retten wird ihnen nicht leicht gemacht. Wochen zuvor hat die libysche Regierung eine „Search and Rescue“-Zone ausgewiesen, die weit in internationale Gewässer reicht. Hilfsorganisationen wurden aufgefordert, diese nicht anzusteuern. Dass es die Libyer ernst meinen, musste der Maschinist der Seefuchs bereits am eigenen Leib erfahren. Nachdem die Marine sein Schiff übernommen hatte, verbrachte der Ingenieur mehrere Tage in libyscher Haft. Erst nach Intervention der Bundesregierung kam er wieder frei.

Gemeinsam mit einer Ärztin, einem Kapitän, Steuerleuten, einem Maschinisten und mehrere Nothelfern war der Eichenauer im Mittelmeer unterwegs, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten.

Das soll sich nicht wiederholen. Deshalb kreuzen Koop und die anderen Retter weit draußen im Mittelmeer und warten darauf, zu einer Rettungsmission alarmiert zu werden. Auf eigene Faust ziehen die Sea-Eye-Helfer nicht los. Erst wenn das „Maritime Rescue Coordination Center“ (MRCC) in Rom sie anfordert, steuern sie die genannten Koordinaten an.

Drei Mal geht das noch so während der Mission. Drei Mal schmeißen sie den 60 Jahre alten Schiffsdiesel an und steuern mit voller Kraft auf den Unglücksort zu. Doch jedes Mal, wenn sie die ihnen genannten Koordinaten erreichen, hat das Meer die Menschen bereits verschluckt. „Das ist extrem frustrierend“, sagt Koop.

Der Eichenauer macht sich keine Illusionen. „Was wir machen, ist ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagt er. Natürlich sei jedes gerettete Leben den Aufwand wert. An den Ursachen der Flucht von Millionen Menschen ändere sich dadurch aber nichts. „Dafür sind die Politiker zuständig.“

Tobias Gehre

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