Messer-Mann ersticht Frau mitten auf der Straße - Täter auf der Flucht

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Der Krieg machte aus Helmut Zierers Großvater ein seelisches Wrack. In seinem Buch sucht der Enkel nach Ursachen.  

Brucker schreibt Buch über seinen Großvater

Er erzählt vom Schicksal eines Kriegsopfers

Seinen Großvater hat Helmut Zierer (76) nie kennengelernt. Und doch war der Mann, der im Ersten Weltkrieg getötet wurde, immer im Leben seines Enkels präsent. Jetzt hat Zierer ein Buch geschrieben. Das Schicksal seines Großvaters hat ihn inspiriert.

Fürstenfeldbruck Vor über 100 Jahren stirbt der aus dem Dorf Eilsbrunn bei Regensburg stammende Kleinbauer Johann Spies in Belgien. Er ist einer von über 44 000 deutschen Gefallenen, die auf dem Zentralen Soldatenfriedhof in Langemark liegen. Helmut Zierer hat mit seiner Frau das Massengrab besucht, hat den Namen seines Opas auf dem Grabstein entdeckt und hat sich innerlich mit ihm ausgesöhnt. Mit dem Mann, den er sehr lange für einen ausgesprochenen Unmenschen gehalten hatte – bis eines Tages eine alte Feldpostkarte auftauchte. In seinem Buch „Ein Bauernopfer für den Größenwahn des Kaisers“ rollt Zierer die Geschichte seines Opas auf.

Bei einem Heimaturlaub 1917 soll Johann Spies äußerst kaltherzig und abweisend auf die Nachricht von der Geburt seines fünften Kindes – ein Mädchen, das später Zierers Mutter wurde – reagiert haben. Das nahm ihm sein Enkel jahrzehntelang übel. Zufällig stieß Zierer vor ein paar Jahren auf eine alte Feldpostkarte. Sie zeigte eine ganz andere Seite des Großvaters. Eine fürsorgliche und liebevolle Seite. Erst da begriff er, dass es der Krieg war, der aus dem treusorgenden Vater ein seelisches Wrack gemacht hatte. Dass der Großvater psychisch längst tot war, als er im Kugelhagel starb.

In seinem Buch geht der ehemalige Brucker SPD-Stadtrat, der sich sein Leben lang sozial engagiert hat, auf die Suche nach Ursachen. Er will Erklärungen finden für die schrecklichen Ereignisse, die in seiner Familie traumatische Spuren hinterlassen haben. An ihrer Geschichte verdeutlicht er die historischen Entwicklungen, die das vierjährige Massensterben namens Erster Weltkrieg entfesselten.

Dutzende Bücher hat er dazu gelesen und zahlreiche alte Fotos aufgetrieben. Militarismus und Nationalismus waren die Triebfedern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im ganzen Land Kriegervereine entstehen ließen – auch im Juradörfchen Eilsbrunn. Zierers Urgroßvater war, so stellte sich im Laufe der Buch-Recherchen heraus, erster Gründungsvorstand des dortigen Vereins. Dies müsse für ihn eine große Ehre gewesen sein, vermutet Zierer. „Wo er doch nur ein Kleinstlandwirt war, der zusätzlich als Waldarbeiter schuftete, um seine Familie mit sieben Kindern zu ernähren.“ Der Urgroßvater hatte 1870/71 im Krieg gegen Frankreich gekämpft. Zierer kann sich vorstellen, dass er in geselliger Runde beim Kriegervereins-Stammtisch mit seinen Erfolgen geprahlt hat. „Ich hoffe, er hat zumindest gelegentlich auch an die 130 000 Toten gedacht.“

Doch indirekt sieht Zierer seinen Urgroßvater ebenfalls als Opfer, denn über den späteren Tod seines Sohnes kam der alte Mann nie hinweg. „Kriegsgeschädigt war aber auch meine Oma, zwar nicht körperlich, aber psychisch.“ Sie stand nach dem Tod ihres Mannes mit fünf Kindern ohne Ernährer und ohne Witwenrente da und musste zusehen, wie sie die Familie über die Runden brachte.

Dem Brucker war es wichtig, dass sein Buch noch 2017 erschien, 100 Jahre nach dem Tod seines Großvaters. Das ist gelungen, wenn auch knapp. „Ich musste das loswerden“, sagt Zierer. Zutiefst beunruhigt es ihn, „dass Mitglieder der neuen Rechten, die zwischenzeitlich im Bundestag sitzen, sich menschenverachtend äußerten“. Daher hat er zuletzt noch seine Einleitung umgeschrieben und zitiert darin nun den verstorbenen Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ (Ulrike Osman)

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