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Erinnerungen an das Olympia-Attentat: Als Genscher vom Fursty-Tower brüllte

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Obwohl das Café in der Aumühle rappelvoll war, hörte man während des Vortrags kaum ein Räuspern oder Besteck-Klimpern: Mit Henning Remmers berichtete ein damaliger Augenzeuge präzise und spannend von der gescheiterten Geiselbefreiung 1972, durch die es Fürstenfeldbrucks Militärflugplatz kurzzeitig zu trauriger Bekanntheit brachte.

Fürstenfeldbruck –   Der heute 77-Jährige ließ rund 50 Gäste an seinen Erinnerungen teilhaben – im Rahmen des „Erzählcafés“, das Brucker Forum, Mehrgenertionenhaus LiB und Stadtbibliothek in einer neuen Reihe gemeinsam anbieten.

Der Pilot und Ausbilder war während der Olympischen Spiele von München als Betreuer für einfliegende hochrangige Militärs abgestellt, die – wie übrigens auch viele normale Besucher in Chartermaschinen – Fürstenfeldbruck als zweiten Flughafen neben Riem nutzten. Als er am (dienstfreien) Abend des 5. September, Stunden nach der Geiselnahme im Olympischen Dorf, die sich nähernden beiden Hubschrauber hörte, machte er sich mit dem Auto auf den Weg von seiner rund zwei Kilometer entfernten Wohnung zum Fliegerhorst. Die Hauptwache passierte er ohne Problem, erst am Zaun zur – für den damaligen Zivilverkehr – gesperrten „Zone A“ riet ihm ein Posten zur Vorsicht: Hier braue sich was zusammen.

Hauptmann Remmers suchte Deckung hinter dem Bahngleis, das von Maisach kommend hier endete und saß damit in knapp 200 Metern Entfernung auf einem Beobachtungsposten, der einen guten Blick auf das hell erleuchtete Tower-Vorfeld erlaubte. Remmers sah zwei oder drei Gestalten in Sportkleidung, einer mit Hut, zu einer parkenden Boeing 727 gehen und nach einigen Minuten zurückkehren. Dass man palästinensischen Terroristen offenbar keine High-Tech-Kenntnisse zutraute, hält Remmers heute noch für einen der vielen schweren Fehler der deutschen Sicherheitskräfte und politisch Verantwortlichen. Denn der Treibstoff hätte nur für ein paar hundert Kilometer gereicht, wie die Anzeige unmissverständlich zeigte. Nicht für einen Flug in den Nahen Osten. Diese „leichtfertige Täuschung“ sei wohl der „Zündfunken“ zur Eskalation gewesen.

Noch war es mucksmäuschenstill, als der Beobachter aus seinem Versteck die markante Stimme des damaligen Bundesinnenministers Hans-Dietrich Genscher hörte: „Nun schießt doch endlich. Mein Gott, warum schießt denn keiner?“ glaubt Remmers sich an den Wortlaut zu erinnern. Es begann ein wildes Feuergefecht, von einer „ziellosen Ballerei“ spricht er heute. Was er noch sehen konnte waren die beiden Explosionen in den Hubschraubern und die Fliegerhorst-Feuerwehr, die den Brand in den Helikoptern löschte, mit ihrem Strahl aber auch einen der Geiselnehmer umwarf.

Wenig später endete die Schießerei, kurz vor Mitternacht räumte Remmers seinen Posten und konnte zuhause sogar gut schlafen. Die Ereignisse waren „noch nicht an mich rangekommen“. Am nächsten Mittag erlebte er vom Kommandeurszimmer im Tower noch ein Nachspiel: Die Bergung eines auf dem Bauch liegenden toten Attentäters, unter dem eine Handgranate vermutet wurde. Er wurde mittels einer langen, an seiner Kleidung befestigten Stahltrosse umgedreht. Die Granate tat ihr Werk. Den Anblick im Einzelnen wollte Remmers seinem Publikum ersparen.

Soweit der Augenzeugenbericht. Manches andere, was später erzählt oder spekuliert wurde, erwähnte Remmers, ohne es weiter zu kommentieren. Etwa, dass ein israelisches Team vor Ort auf dem Flugplatz gewesen sein soll, dessen Einsatz aber abgelehnt wurde. Dass die drei überlebenden Terroristen eine Zeit lang im Brucker Krankenhaus behandelt wurden, dass die Sanitäter auf dem Weg dorthin mit dem Gedanken spielten, die Transfusionen zu unterbrechen. Remmers gestand auch ein, dass Erinnerungen verblassen oder sich verschieben können. Für die Authentizität des Gesagten könne er aber „ziemlich sicher“ bürgen.

Henning Remmers war nach seiner Zeit auf Fursty auf der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, bei der NATO in Heidelberg, als Militärattaché in Norwegen und schließlich noch im Bonner Verteidigungsministerium. 1993 schied er als Oberstleutnant aus der Bundeswehr. Er lebt heute wieder mit seiner Frau in Bruck.  (op)

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