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Klaus Heinsius ging als junger Mann zur See. Auch weil er seinen Onkel Rudi so bewunderte, der ihm einst eine wilde Geschichte über den Verlust eines Fingers erzählt hatte.

Über Raucherkarriere und verlorenen Ringfinger

Fürstenfeldbruck sammelt bemerkenswerte Geschichten von früher

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Über die Raucherkarriere eines Bruckers, wie sich Hypnotiseur Wanja Yoga am Sportplatz vergraben ließ und wo Onkel Rudis Ringfinger hin ist – diese „Brucker Geschichten“ können die Bürger jetzt online lesen.

Fürstenfeldbruck – Es war ausgerechnet ein Amerikaner. Ausgerechnet ein Mann aus den USA, der Bruck schon vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt hat. Er brachte Sabine Wildmann von der Stadt auf die Idee, die Rubrik „Brucker Geschichten“ ins Leben zu rufen. „Er ist noch sehr eng mit der Stadt verbunden und schaut immer wieder auf unsere Homepage“, sagt Wildmann. „Und er meinte, eine Sparte mit Anekdoten wäre schön.“

Doch die Gefahr, dass sich dann niemand meldet, wollte Wildmann nicht eingehen. Sie nahm also erst einmal Kontakt auf zu Altbruckern wie Robert Wienzierl, Ehrenvorsitzender des Historischen Vereins und Klaus Heinsius – ebenfalls ein alteingesessener Brucker. „Wir sind mit vier Autoren gestartet.“ Und die nahmen kein Blatt vor den Mund.

„Meine Raucherkarriere begann im Emmeringer Hölzl“

Geschichte Nummer 1: Hier berichtet Robert Weinzierl über den Start und das abrupte Ende seiner Laufbahn als Raucher. Die Kinder der Siedlung nahe der Stadelberger Straße hielten sich bis Ende des Zweiten Weltkriegs oft im Emmeringer Hölzl auf.

Am Amper-Ufer schlang sich eine ganz bestimmte Pflanze an Sträucher und Bäumen empor, deren Namen wir nicht, aber deren Eigenart wir kannten. Bei den im Winter abgestorbenen Trieben umschlang eine harte Schale den schwammartigen porösen Kern. Die ehemalige Saftbahn in der Mitte des Kerns wirkte wie eine Luftröhre. Wir schnitten einen Stängel auf Zigarettenlänge ab und entzündeten den dürren Kern mit einem Zündholz.“

Nach Kriegsende änderte sich die Raucherei laut Weinzierl deutlich. Der Grund: Die Amerikaner kamen, und mit ihnen die Zigaretten.

Die Stummel, von uns Hugo genannt, sammelten wir, entnahmen den Tabak und trockneten ihn. Dann drehten wir uns mit Zeitungspapier eine Zigarette.“

Als sich die Soldaten später in die Siedlungen zurückzogen, gab es keine Zigarettenstummel mehr. Weinzierl besorgte sich das getrocknete Blatt einer Tabakpflanze des Nachbarn:

Das bekam mir aber schlecht. Mir wurde hundeübel, ich schwitzte und kam vor Angst fast um, denn jeden Augenblick konnte die Mutter heimkommen. Doch Glück muss der Mensch haben. Meine Mutter verspätete sich. Das war das Ende meiner jugendlichen Raucherkarriere.“

„Onkel Rudis Finger“

Klaus Heinsius fragt sich bis heute, wie es möglich war, dass sich ein Magier unterm Fußballplatz begraben lassen und nach dem Spiel wieder auferstehen konnte.

Klaus Heinsius berichtet über den Finger seines Onkel Rudi.

Meistens zur Sommerzeit kam Onkel Rudi aus Frankfurt zu Besuch. Er quartierte sich im „Gasthaus zum Bad“ ein und hatte immer eine Korbflasche mit Äppelwoi dabei, die erst zwei Tage ruhig stehen musste, damit sich – wie er sagte – die Äppelwoigeister beruhigen konnten. Onkel Rudi war überhaupt allen leiblichen Genüssen sehr zugetan, was man an seiner stattlichen Figur erkennen konnte.“

Der junge Klaus Heinsius bewunderte seinen stattlichen Onkel. Auch deshalb interessierte es ihn, was mit dessen linken Ringfinger passiert war. Der fehlte Rudi nämlich.

Als ich ihn einmal fragte, wo er denn den Finger verloren hat, erzählte er mir folgende Geschichte: Du weißt ja, ich war im Krieg als Obermaat bei der Kriegsmarine. Als wir einmal mit unserem Zerstörer weit draußen auf dem Ozean waren, sind plötzlich alle Maschinen und die Funkanlage ausgefallen. So trieben wir Tag um Tag manövrierunfähig umher. Bald waren alle Essensvorräte zu Ende und wir sahen uns schon einen grausamen Hungertod sterben. Da hatte der Smut die rettende Idee: Wenn jeder einen Finger opfern würde, könnte er daraus eine kräftige Fleischsuppe kochen. Alle an Bord, vom Matrosen bis zum Kommandanten, opferten einen Finger und so konnten wir überleben.“

Später ging auch Klaus Heinsius selbst zur Marine. Doch:

Beschäftigt hat mich noch lange die Frage, ob jeder seinen eigenen Finger zum abknabbern bekommen hat. Onkel Rudi hat sie mir nie beantwortet.“

„Der Hypnotiseur Wanja Yoga“

Hypnotiseur Wanja Yoga ließ sich unter dem Sportplatz begraben.

Auch daran, wie sich ein Hypnotiseur bei lebendigem Leibe unter der Erde eines Brucker Sportplatzes begraben ließ, erinnert sich Klaus Heinsius noch genau.

Anfang der 50er Jahre, dann eine Sensation in Bruck: Ein Hypnotiseur namens Wanja Yoga, trat in der Jahnhalle auf. Die Zuschauer mussten ihre Arme hinter dem Kopf verschränken und diejenigen, die sie nach einigen Beschwörungen nicht mehr lösen konnten, wurden vom Meister auf die Bühne geholt. Dort mussten sie sehr zur Gaudi des Publikums Tiere nachmachen oder, steif zwischen zwei Stuhllehnen liegend, als Sitzgelegenheit für Wanja Yoga dienen.“

Auch am Fußballplatz der Stadt Fürstenfeldbruck, der damals nahe der Pucher Straße lag, zauberte Yoga.

Vor einem Spiel wurde auf dem Platz ein Grab gegraben. Wanja Yoga hat sich in einen schwarzen Sarg gelegt, der dann im Grab versenkt und zugeschüttet wurde. Dann lief das Fußballspiel ganz normal darüber hinweg ab. Nach Spielende wurde Wanja Yoga wieder ausgegraben und der Sarg geöffnet. Ein Brucker Arzt hat den „Toten“ untersucht und nach einiger Zeit verkündet, dass er wieder einen Puls fühlen könne. Dann ist Wanja Yoga auferstanden und hat sich vom sehr zahlreichen Publikum feiern lassen.“

Was genau damals passierte, kann Klaus Heinsius bis zum heutigen Tag nicht sagen. Klar ist aber: Die Stadtverwaltung plant, seine Geschichten und die Erinnerungen weiterer Brucker in einem Buch abzudrucken.

Wer Geschichten beisteuern will, 

findet alle Infos dazu online unter www.fuerstenfeldbruck.de. Sabine Wildmann ist erreichbar unter Telefon (0 81 41) 2 81 14 16.

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