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Helmut Ziererwar 17 Jahre SPD-Stadtrat. 

Nachruf

Für seine Ideale und politische Überzeugung brachte er Opfer

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Politisches Bewusstsein hatte Helmut Zierer schon früh. Und er war bereit, Opfer zu bringen für das, woran er glaubte. 

Fürstenfeldbruck – Weil er als überzeugter Pazifist keinen Wehrdienst leisten wollte, ging er als junger Mann nach seiner Schriftsetzerlehre für vier Jahre in die Schweiz. Zurück in München, begegnete er seiner großen Liebe. Doch erst im zweiten Anlauf wurde daraus eine Ehe, die nächstes Jahr ihr goldenes Jubiläum gefeiert hätte.

Beim Tanzen in einem Café lernte Helmut Zierer seine spätere Frau kennen. Doch nach kurzer Zeit machte sie mit ihm Schluss. „Ich fand, dass es doch nicht so passte“, erzählt Hildegard Zierer. Der überzeugte Sozialdemokrat – der bei den Münchner Jusos unter anderem Seite an Seite mit Christian Ude aktiv war – erschien der eher musisch interessierten jungen Frau einfach zu politisch. Monate später begegneten sich die beiden nachts in der Straßenbahn zufällig wieder. „Zwei Tage später bekam ich einen Brief von ihm“, erinnert sich Hildegard Zierer. „Er hat sich sehr um mich bemüht.“ Und bald war auch ihr klar, dass es eben doch passte.

Geheiratet wurde 1970. Tochter Ulrike kam 1972 zur Welt, Sohn Matthias zwei Jahre später. Inzwischen lebte die junge Familie schon in Bruck. Helmut Zierer hatte sich im Bereich Typographie weitergebildet und kümmerte sich bei einer Münchner Bank um Gestaltung, Layout und Druck von Geschäftsberichten, Prospekten und Werbedrucksachen.

Im sozialen Bereich engagiert

Nebenbei engagierte er sich auf vielfältige Weise im sozialen Bereich. Als Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt baute er den ambulanten sozialen Pflegedienst und eine Hausaufgabenbetreuung auf. Im Stadtrat, dem er von 1985 bis 2002 angehörte, war er Schulreferent und Mitglied im Sozial-, Kultur- und Werkausschuss. Zierer setzte sich für die Schaffung eines Behindertenbeirats ein und kämpfte für den Bau einer Kinderkrippe, lange bevor das Thema mehrheitsfähig war.

Es ging dem aus dem Dörfchen Eilsbrunn bei Regensburg stammenden Bauernsohn nie um Theorie und Ideologie, sondern immer um praktische Hilfen für die kleinen Leute, für Arbeitnehmer und sozial Schwache. Den Kurs der rot-grünen Bundesregierungen in Sachen Rente, Gesundheitsversorgung und Hartz IV kritisierte er scharf – damals war er Ortsvorsitzender des VdK. 2002 kehrte Zierer der SPD nach 36 Jahren Mitgliedschaft den Rücken.

„Helmut war ein sehr korrekter Mensch“, erzählt seine Frau. Als er einmal für sein ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet werden sollte, strich er aus der Liste seiner Tätigkeiten die Bauernhofführungen auf dem Jexhof. Sie zählten in seinen Augen nicht zum Ehrenamt, weil er dafür eine geringe Aufwandsentschädigung bekam. Die Erinnerung zu pflegen an das frühere karge Leben in der Landwirtschaft war ihm – der als Bub kein eigenes Bett besessen hatte – wichtig.

Noch mehr aber beschäftigte ihn die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, deren desaströse Auswirkungen seine Herkunftsfamilie traumatisiert hatten. Zierers Großvater war einer der vielen, die unbedarft und unkritisch auf die Großmacht-Fantasien des Kaiserreichs hereinfielen und dafür mit dem Leben bezahlten. Über die Ursachen des Ersten Weltkriegs schrieb Zierer ein Buch, aufgehängt an seiner Familiengeschichte. Das große Medienecho überraschte ihn. Sogar für das englische Fernsehen wurde er interviewt.

In diesem Sommer fuhr der Hobby-Historiker zum letzten Mal in sein Heimatdorf, um das traditionelle Fest zu Fronleichnam mitzuerleben. Kurz darauf wurde bei ihm eine Krebserkrankung diagnostiziert, die nicht mehr zu behandeln war. Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte Helmut Zierer daheim, gepflegt von seiner Familie und dem ambulanten Palliativteam Bruck. Er wurde 78 Jahre alt. 

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