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In der Kleiderkammer des BRK

Besuch in der Unterkunft am Fliegerhorst

Blick hinter die Kulissen: So funktioniert das Ankerzentrum für Asylbewerber in Fürstenfeldbruck 

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Die bei den Tumulten vom vergangenen Oktober zerstörten Türen sind repariert, einige organisatorische Verbesserungen wurden vorgenommen: Jetzt ermöglichte die Regierung von Oberbayern einen Blick hinter die Kulissen des Ankerzentrum Fürstenfeldbruck.

Fürstenfeldbruck – Vertreter verschiedener auch überregionaler Medien waren der Einladung zur Begehung der Asylunterkunft am Brucker Fliegerhorst gefolgt. Sogar Kamerateams begleiteten die Tour durch die alten Gänge und Räume der früheren Luftkriegsschule, in denen derzeit um die 800 Asylsuchende untergebracht sind.

Das Brucker Ankerzentrum hatte vor allem gegen Ende vergangenen Jahres für Schlagzeilen gesorgt. Nach dem Einzug namentlich nigerianischer Flüchtlinge kam es damals wiederholt zu massiven Tumulten, zu einer Demo sowie zu entsprechend spektakulären Polizeieinsätzen. Beim schlimmsten Tumult wurden damals mehrere Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes leicht verletzt, schwere Brandschutztüren zerschlagen, Scheiben eingeworfen und sogar Polizisten angegriffen. Dem folgten mehrere Verhaftungen unter anderem wegen des Vorwurfs schweren Landfriedensbruchs.

Aufgeräumt und friedlich

Am Dienstag zeigte sich die Einrichtung in friedlicher und aufgeräumter Atmosphäre – auf den Gängen spielten Kinder und im Raum der Berufsschule fand Unterricht statt. Das Niveau sei zwar nicht hoch, meinte ein Lehrer. Berücksichtige man die großen Hürde, namentlich die Sprachbarriere, lernten die jungen Leute aber schnell.

Ankerzentrum Fürstenfeldbruck: Regierung öffnet Türen - Fotos

Sowohl in der Kleiderkammer des Roten Kreuzes im alten Kino als auch bei der Caritas erfuhren die Besucher, dass die Zahl der ehrenamtlich engagierten Helfer zurück gegangen ist. Zählte die Caritas dereinst rund 200 Freiwillige, so sind es jetzt noch um die 80. In der auf den ersten Blick gut gefüllten Kleiderkammer sind noch regelmäßig 20 Helfer aktiv. Mangel herrscht hier vor allem an Herrenschuhen – Spenden bei der Annahmestelle in der Innenstadt– natürlich auch anderer Art – sind willkommen.

Sicherheitskonzept verbessert

Wie Regierungspräsidentin Maria Els sagte, habe man natürlich auf die Vorkommnisse vergangenen Jahres reagiert. Das Sicherheitskonzept etwa sei verbessert worden und man arbeite daran, den Alltag in der Unterkunft für die weitgehend beschäftigungslosen Geflüchteten besser zu strukturieren. Unter anderem soll ein externer Anbieter Sportangebote unterbreiten. Eine entsprechende Ausschreibung laufe. Wie Els betonte, gebe es auch die Möglichkeit von 80-Cent-Beschäftigungen in der Unterkunft. 85 Geflüchtete nähmen diese Möglichkeit derzeit wahr, etwa in der Kantine, in der Betreuungsorganisation oder bei der Pflege der Außenanlagen.

Als günstig stelle es sich dar, dass wieder Menschen aus verschiedenen Nationen in der Unterkunft lebten. Waren es zuletzt um die 90 Prozent Nigerianer, so kommen nun nur noch 70 Prozent aus diesem afrikanischen Land. Die meisten anderen Bewohner stammen aus Afghanistan, dem Jemen, Jordanien und Syrien, wobei 480 Männer in der Dependance des Manching Ankerzentrums untergebracht sind, 190 Frauen und 110 Minderjährige. Eingeführt werden soll zusätzlich zum geschrumpften Betreuungsangebot der Caritas aufsuchende Sozialarbeit – gesucht wird eine Art Kümmerer, wie Els sagte.

Heißes Wasser verfügbar

Heißes Wasser für Kinder bekommen Mütter aus 24 Stunden am Tag verfügbaren Spendern in den Büros der Sicherheitskräfte, berichtete Einrichtungsleiter Lars Pfaff in diesem Zusammenhang. Außerdem werden zwei Teeküchen eingerichtet. Damit sei auch dieses Problem gelöst – in den Stuben sind Wasserkocher streng verboten.

In der vom Dienstleister MKT geführten Arztpraxis in der Dependance stehen Ärzte speziell für Kinder, für Gynäkologie, Allgemeinmedizin und Psychiatrie zu Verfügung. Die Anlaufstelle werde stark nachgefragt, berichtete ein MKT-Sprecher. In den vergangenen elf Monaten zählte er 8500 Versorgungen. Hier hofft man, eine Hebamme einstellen zu können.

Bei Rückführungen nicht besonders erfolgreich

Die Dauer der Asylverfahren liege in Bruck bei rund sechs Monaten, wobei sich meist noch Gerichtsverfahren anschlössen, sagte Regierungspräsidentin Els. Berichtet wurde auch von den praktisch täglichen Versuchen, abgelehnte Asylbewerber in das Land zurück zu bringen, wo sie erstmals europäischen Boden betraten. Im Jahr 2018 habe es allerdings nur 38 solcher Rückführungen gegeben, hieß es. „Wir sind da nicht sehr erfolgreich“, räumte eine Regierungsmitarbeiterin ein. Oftmals treffe die Polizei – ohnehin wegen verschiedener, häufig auch kleinerer Einsätze fast täglich in der Unterkunft – abzuschiebende Personen schlicht nicht in deren Zimmer an. Andere Rückführungen scheitern am Widerstand der Betroffenen.

Gezählt wurden 2018 auch zehn freiwillige Ausreisen, wobei es vorkomme, dass Asylbewerber ohne Nachricht zu hinterlassen die Unterkunft verlassen und dort nie mehr gesehen werden.

Waschmaschinen und Hausausweise

Die Unterkunft am Fliegerhorst wird seit Oktober 2014 betrieben. Aufgelöst werden soll sie Ende 2023. Eine höchstens zweimalige Verlängerung um je ein Jahr ist nur einvernehmlich möglich, steht in einer Vereinbarung zwischen Stadt und Innenministerium. Zur Dependance des Ankerzentrums Manching wurde die Unterkunft im Jahr 2018. 

Die Verpflegung in der Unterkunft erfolgt nach dem Sachleistungsprinzip. Die Asylbewerber bekommen drei Mahlzeiten am Tag, werden medizinisch versorgt und bekommen MVV-Tickets. Die zuständige Niederlassung des Bundesamts für Migration (BAMF) liegt in München. Die Geflüchteten bekommen Taschengeld (ein alleinstehender Erwachsener erhält als Beispiel 95 Euro im Monat). 

Kochgeräte verboten

Die Benutzung von Kochgeräten in den Stuben ist aus Brandschutzgründen verboten. Am Eingang herrscht Ausweispflicht. Wenn ein Flüchtling das Areal verlässt, muss er seinen Hausausweis abgeben. So weiß die Leitung, wer außer Hauses ist. 

Alkohol ist in der Einrichtung offiziell verboten. Die Zimmer – früher von Soldaten genutzt – haben verschieden Größen: Es gibt vier, sechs, aber auch Acht-Bett-Räume. In den Zimmer stehen Stockbetten, je ein Tisch und Spinde. Grundschüler besuchen Regel-Einrichtungen in der Stadt und bekommen nach der öffentlichen Kritik inzwischen verbesserte Pausenpakete mit auf den Weg. 

Frauen-Café geplant

In der Flüchtlingsunterkunft stehen auch Waschmaschinen und Trockner zur Verfügung. Hier arbeiten Asylbewerber auf 80-Cent-Basis. In der Unterkunft gibt es Angebote der Kinderbetreuung, ehrenamtliche Deutschkurse. Für besonders verletzliche Personen wie etwa Schwangere oder Kranke gibt es eigene Bereiche. Zur Verfügung stehen Sporträume, Computerraum. Geplant ist ein Frauen-Café. Ständig vor Ort sind Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes.

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