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Olympia-Attentat wird zur Familiensache

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Von: Helga Zagermann

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Der ausgebrannte Hubschrauber auf dem Fliegerhorstgelände 1972.
Der ausgebrannte Hubschrauber auf dem Fliegerhorstgelände 1972. © Repro: Oliver Bodmer

Guido Schlosser (68) war einer der Streifenpolizisten, die auf dem Brucker Fliegerhorst die Geiselnehmer ausschalten sollten. Und seine Tochter, Journalistin Patrizia Schlosser (32), machte seinen Bericht über diese Terror-Nacht zum Kernstück ihres Podcasts und Buches über ein untergetauchtes RAF-Trio. Das Olympia-Attentat von 1972 hat den Vater und seine Tochter einander näher gebracht. Jetzt arbeiten die beiden an einer Serie speziell über das Olympia-Attentat.

Fürstenfeldbruck – Alles beginnt 2016. Patrizia Schlosser hört beim Abspülen Nachrichten. Es geht um Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg, die zur RAF gehört haben sollen und vor über 25 Jahren abgetaucht sein sollen. Jetzt sind sie wieder da. Die RAF-Rentner. Zumindest sollen DNA-Spuren belegen, dass das Trio in ganz Deutschland Überfälle auf Supermärkte und Geldtransporter begeht. Das ist sie, ihre Geschichte, denkt Patrizia Schlosser. Sie will sich auf die Suche nach den RAF-Rentnern machen. Wer sind die drei? Wie überleben sie im Untergrund?

Guido Schlosser erinnert sich noch gut an den 5. September 1972

Auch ihren Vater bewegen die Nachrichten über das Trio. So sehr, dass er seine Tochter aufgeregt auf dem Handy anruft. Seine Stimme klingt verstört, denkt sie. Warum wühlt ihn das so auf? Sie weiß zwar, dass er 1972 beim Olympia-Attentat dabei war, aber nicht, was er genau erlebt hat. Sie beschließt, auch das herauszufinden – und fragt ihren Vater, ob er ihr bei der Suche nach dem Trio hilft. Der Hauptkommissar im Ruhestand blockt ab. Schlägt vor, sie solle doch ein normales Thema recherchieren, wie ein normaler Journalist. Am besten ganz bodenständig für den Bayerischen Rundfunk. Aber seine Tochter gibt nicht nach – bis er dabei ist. Erst grantig und pessimistisch, dann immer engagierter. Das Ergebnis nach einem Jahr: ein Podcast, der 2018 den Deutschen Radiopreis gewinnt. Und jetzt ist das auf der Audio-Serie basierende Buch erschienen: „Im Untergrund – Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ (siehe unten).

Patrizia Schlosser hat mit ihrem Vater Guido Schlosser recherchiert. Sie hat über das untergetauchte RAF-Trio einen Podcast und ein Buch veröffentlicht.
Patrizia Schlosser hat mit ihrem Vater Guido Schlosser recherchiert. Sie hat über das untergetauchte RAF-Trio einen Podcast und ein Buch veröffentlicht. Das Foto ist in Jordanien entstanden. © privat

Kernstück ist jeweils die Terror-Nacht auf dem Fliegerhorst. Der 21-jährige Guido Schlosser ist 1972 als Hauptwachtmeister einer Einsatzhundertschaft der Stadtpolizei München bei Olympia im Einsatz: Er kümmert sich um Verkehrssachen und gibt Touristen Auskunft. Morgens um 6 Uhr am 5. September 1972 werden er und einige Kollegen in der Kaserne plötzlich aufgeweckt. Sie erfahren vom Attentat: Acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ waren ins Olympische Dorf eingedrungen, hatten zwei Israelis getötet und neun als Geiseln genommen.

Geiseln und Terroristen werden nach Fürstenfeldbruck gebracht

Schlosser und einige Kollegen werden gefragt, ob sie an einem Sondereinsatz teilnehmen wollen. Aber nur die, die nicht verheiratet sind und keine Kinder haben. „Es hieß immer“, so Schlosser, „dass das Ganze im Olympischen Dorf gelöst werden soll.“ Nur im Notfall werde man auf den Brucker Fliegerhorst ausweichen.

Gegen 17 Uhr werden er und sechs Kollegen mit Hubschraubern nach Bruck geflogen. Dann kommt es zum Notfall: Die Verhandlungen in München mit den Geiselnehmern sind gescheitert – die acht Terroristen und ihre neun Geiseln werden mit Hubschraubern zum Fliegerhorst gebracht.

Guido Schlosser ist ganz nah am Geschehen

Dort steht das von den Geiselnehmern geforderte Flugzeug bereit, eine Boeing 727. Darin hinter Sitzen versteckt oder als Crew verkleidet: Guido Schlosser, seine sechs Kollegen und sieben Leute der Funkstreife. Jeder hat noch schnell eine zweite Pistole in die Hand gedrückt bekommen. Es herrscht Stille. Alle warten. „Und dann hat unser Anführer gesagt: Das ist doch ein Selbstmordkommando. Wie willst du in einem Flugzeug groß schießen?“ Die Gruppe diskutiert. Sie entscheiden, die Boeing zu verlassen und sich draußen zu postieren. Schlosser wird als Melder eingeteilt. Er soll zwischen der Einsatzleitung und der kämpfenden Truppe hin- und herlaufen.

Tage danach gibt es für diese Entscheidung eine Rüge vom Polizeipräsidenten. „Er hat uns Feiglinge genannt“, erinnert sich Schlosser. Und der Innenminister sagt viel später in einem Interview, dass das Verlassen des Flugzeugs der Knackpunkt gewesen sei, der entscheidende Fehler. „Da habe ich mir gedacht, du hast doch echt einen Vogel“, sagt Schlosser.

Die Möglichkeit, die Terroristen auszuschalten, wurde vertan

Mittlerweile ist bekannt, was die wirklichen Fehler an diesem Tag und in dieser Nacht waren. Via Fernsehen sind die Terroristen live dabei, als die Polizei eine Befreiungsaktion startet. Man hatte vergessen, den Geiselnehmern den Strom abzudrehen. Die Aktion wird abgebrochen. In Bruck müssen Streifenbeamte als Scharfschützen herhalten, einer liegt in der Schusslinie der anderen; es sind nur fünf Scharfschützen, weil erst kurz vorher in München klar wird, dass es nicht fünf, sondern acht Geiselnehmer sind; die Hubschrauber werden in Bruck falsch geparkt, sodass nicht auf die Terroristen gezielt werden kann; Panzerwagen werden zu spät angefordert; es gibt keine Funkverbindung zu den Einsatzkräften draußen und überhaupt keinen Plan.

Aus den Ermittlungsakten weiß Schlosser inzwischen, dass es in Bruck eine Möglichkeit gegeben hätte, fünf Terroristen auf einmal auszuschalten. „Aber die hat man übersehen.“

Schlosser ist bei der Einsatzleitung im obersten Stockwerk des Towers – bis die Fenster zerschossen werden. Alle fliehen einen Stock tiefer. Direkt vor Schlosser kriecht Strauß auf allen vieren und den Kopf voraus eine steile Treppe hinunter. „Das Bild werde ich nie vergessen, wie dieser Riesenarsch verschwunden ist“, sagt er über das Hinterteil des Politikers.

Die Bilder von dem Tag beschäftigen Guido Schlosser bis heute

Andere Bilder beschäftigen ihn natürlich viel mehr – bis heute. Der Augenblick etwa, als er über einen erschossenen Kollegen steigen musste. Oder der ausgebrannte Hubschrauber. Oder die überlebenden Terroristen, die verängstigt und patschnass vom Löschschaum waren.

Gleich in der Früh müssen die beteiligten Polizisten zusammen einen Bericht schreiben. „Ihr dürft nichts Genaues reinschreiben“, heißt es damals. Guido Schlossers Kollegen werden danach noch befragt – nur er nicht. „Entweder die wollten nicht, dass ich etwas aus dem Kreis der Einsatzleitung erzähle, oder ich bin durchgerutscht.“ Mittlerweile geht er davon aus, „dass da einiges unter den Teppich gekehrt wurde“.

Nach diesen RAF-Terroristen wird immer noch gefahndet: Burkhard Garweg (l.), Ernst-Volker Staub und Daniela Klette.
Nach diesen RAF-Terroristen wird immer noch gefahndet: Burkhard Garweg (l.), Ernst-Volker Staub und Daniela Klette. Oben die Fahndungsfotos, unten Alterssimulationen. © dpa

Seiner Tochter hat der 68-Jährige die Erlebnisse dieser Nacht in einem Rutsch geschildert. „Das war wahnsinnig emotional. Er hat das noch nie jemandem so ausführlich erzählt“, sagt sie. Seitdem ist ihr klar, warum ihn das plötzliche Auftauchen des RAF-Rentner-Trios so bewegt: Weil er mittendrin im Terror war. Und der hatte auch mit der RAF zu tun: Mit der Geiselnahme am 5. September 1972 sollten nicht nur Palästinenser freigepresst werden, sondern auch die RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die in Deutschland in Haft saßen.

Über 40 Jahre nach dem Attentat sind noch nicht alle Fragen geklärt

Die Arbeit an Podcast und Buch hat Vater und Tochter zusammengeschweißt und ihnen verdeutlicht, wie viele Fragen noch offen sind. Deshalb arbeiten sie jetzt an einem Podcast nur über das Olympia-Attentat. Guido Schlosser durchforstet Unterlagen des Bayerischen Staatsarchivs. Patrizia Schlosser beschäftigt sich derzeit mit der Vorgeschichte, zum Beispiel mit dem damaligen Verhältnis zwischen Deutschland und Israel. Und sie recherchiert, wie die drei in Bruck festgenommenen Terroristen nur wenige Wochen später durch eine Flugzeugentführung freigepresst wurden.

Zwischendurch telefonieren die beiden. Und wenn die Journalistin, die zwischen München, Hamburg und Frankfurt pendelt, mal daheim in Mering (Kreis Aichach-Friedberg) ist, suchen sie nach Zeitzeugen. Bei einem alten Polizei-Kollegen waren sie schon. Jetzt soll über die frühere Fursty-Feuerwehr nach Kontakten gesucht werden: „Das waren die Helden“, sagt der 68-Jährige. „Die waren zum Teil unter Beschuss, haben trotzdem den Hubschrauber gelöscht und Polizisten Deckung gegeben.“

Vater und Tochter wollen zusammen zurück nach Fursty

Im Zuge der Recherchen möchten die beiden eine Führung auf Fursty machen. Denn auf dem Flugplatz war Guido Schlosser seit der Terrornacht nie wieder. Nur einmal am Denkmal davor mit seiner Tochter. „Das war aufwühlend“, sagt er. Trotzdem will er rein. Der Tower ist zwar inzwischen umgebaut, „aber vielleicht gibt es die steile Treppe noch“, sagt er.

Und noch ein Kreis wird sich schließen: Die Audio-Serie über das Olympia-Attentat, die nächstes Jahr fertig sein soll, erscheint beim Bayerischen Rundfunk. Man könnte also sagen, Patrizia Schlosser recherchiert ein normales Thema, wie ein normaler Journalist. Und das Ergebnis ist – wie vom Vater vor drei Jahren gewünscht – beim BR zu hören.

Auf der Suche nach dem abgetauchten RAF-Rentner-Trio zu einer neuen Sichtweise gefunden

Das dürfte keine Überraschung sein: Die Journalistin Patrizia Schlosser hat bei ihrer Recherche keine Spuren gefunden, die sie zum RAF-Rentner-Trio geführt haben. Sie traf auf eine Mauer des Schweigens. Aber das macht ihr nichts aus, sagt sie – auch wenn sie noch heute bei jedem Brief und jeder E-Mail, die sie bekommt, auf den einen entscheidenden Hinweis hofft. Für die 32-Jährige war der Erfolg des Podcasts und des Buches, dass wieder über die RAF-Zeit, über Terror und Staatsgewalt gesprochen wird. Und dass sie ihren Vater so genau kennengelernt hat, animiere Leser vielleicht dazu, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen.

Alles voller Material über die RAF: Der Flur in Patrizia Schlossers Wohnung während der Recherche.
Alles voller Material über die RAF: Der Flur in Patrizia Schlossers Wohnung während der Recherche. © privat

Auch wenn die Suche nicht zum eigentlichen Ziel führte, hat sich die aufwendige Recherche für die Autorin und vor allem für die Leser gelohnt. Patrizia Schlosser spricht mit einem Verfassungsschützer, einem Anwalt und einem Ermittler, mit RAF-Sympathisanten und -Aussteigern. Sie taucht in die linke Szene Hamburgs ein und fliegt mit ihrem Vater sogar nach Jordanien, um mit Leila Khaled zu sprechen, einst die Ikone des palästinensischen Widerstands. 

Patrizia Schlosser kann die linken Ideale der RAF besser nachvollziehen als ihr Vater

Sie und ihr Vater müssen sich bei einem RAF-Sympathisanten den Satz „Dass jemand wie Schleyer beseitigt wurde, war gut so“ anhören. Trotzdem versuchen beide, auch Gesprächspartnern, „die sich so menschenverachtend äußern“ (Guido Schlosser), offen zu begegnen. Der jungen Journalistin fällt das anfangs leichter. Sie hegt Sympathien für linke Ideale. Ihr Vater, ganz der Polizist, sieht zuerst nur Täter: „Das waren unsere Gegner damals. Für einen Polizisten hat es Gut und Böse gegeben. Und man hat gegen das Böse gekämpft.“ 

Im Laufe der Recherche ändern sich die Sichtweisen. Vater und Tochter streiten nicht mehr so oft miteinander. Patrizia Schlosser hinterfragt sich: Warum hat sie bisher Linksextreme für weniger gefährlich gehalten als Rechtsextreme? Und Guido Schlosser denkt über das System nach: „Die RAF hat den Staat in den Wahnsinn getrieben. Er hat zu Notmaßnahmen gegriffen und Gesetze erlassen, die man in einer Demokratie nicht braucht.“ Hat der Rechtsstaat seine Grenzen bei der Jagd auf die RAF überschritten? Konnte er gar nicht anders?

Das Buch „Im Untergrund – Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen (18 Euro). Den sechsteiligen Podcast „Im Untergrund – Auf den Spuren der RAF“ kann man bei Audible herunterladen.
Das Buch „Im Untergrund – Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen (18 Euro). Den sechsteiligen Podcast „Im Untergrund – Auf den Spuren der RAF“ kann man bei Audible herunterladen.

Auch dieses Jahr wurde wieder an die Opfer des Attentats auf dem Fliegerhorst gedacht. Henning Remmers, ein Augenzeuge von damals, berichtet ebenfalls über seine Erfahrungen vom Olympia-Attentat von 1972. 

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