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Johannes Mathesius (1504 - 1565): Der reformatorische Pfarrer, Pädagoge und Tischgenosse Martin Luthers hielt sich um 1527 ein ganzes Jahr bei Zacharias Weichsner in Bruck auf und studierte dort anscheinend lutherische Schriften.

Zu 500 Jahre Reformation

Ein Pfarrer zwischen zwei Konfessionen

Vor 500 Jahren, als Martin Luther seine Thesen verbreitete, sympathisierte ein katholischer Pfarrer aus Bruck mit der Reformation. Ein Mitglied des Historischen Vereins hat das Leben des Zacharias Weichsner erforscht.

Fürstenfeldbruck Welch eine Zerrissenheit und welch eine Gefahr muss das ganze Leben des Zacharias Weichsner bestimmt haben? Ausgerechnet er, ein katholischer Pfarrer direkt im streng katholischen Oberbayern, hegte Zeit seines Lebens mehr als nur Sympathien für die reformatorischen Gedanken, welche sich ab 1517 von Deutschland aus in die Welt verbreiteten. Deshalb hat ihm die Wissenschaft das Etikett eines „Wanderers zwischen den Welten“ angeheftet.

Nico Pietschmann hat den Reformations- Pfarrer erforscht.

Ein Historiker, der sich mit Weichsner intensiv beschäftigt hat, ist der Wolfratshausener Nico Pietschmann (32). Er wohnte früher in Bruck und ist beim Historischen Verein aktiv. Im Arbeitskreis Kloster sei man über Weichsner gestolpert, als man 2012 das Thema Reformation ins Auge gefasst hatte, erinnert sich Pietschmann.

2014 übernahm er die Forschung zu dieser bisher wenig bekannten lokalhistorischen Gestalt, betrieb als einer der ersten zu Weichsner intensives Quellenstudium und konnte 2016 einen Aufsatz in den Brucker Blättern veröffentlichen. Bei all diesen Arbeiten wurde er enorm vom Historischen Verein unterstützt, betont er. Pietschmanns Forschungsergebnisse sind ein Stück Lokalgeschichte aus der Anfangszeit der Reformation.

Der Epitaph an der Ostseite von St. Magdalena. Das Grabdenkmal zeigt einen Bernhard Weixner, Pfarrer in Fürstenfeldbruck. Historiker Pietschmann vermutet in ihm entweder den Vater oder den Onkel des Zacharias Weichsner.

Zacharias Weichsners Familie kam aus Fürstenfeldbruck, er wurde hier zwischen 1490 und 1495 geboren. Ein altes Zeugnis an der Außenwand der St. Magdalena-Kirche weist auf die Weichsners hin. Dort befindet sich ein Epitaph für einen Bernhard Weixner, wahrscheinlich der Vater oder Onkel des Zacharias, vermutet Pietschmann.

Pfarrer nimmt Reformatoren auf

Nach seinem Studium in Ingolstadt wurde Zacharias Weichsner 1515 Pfarrer von Pfaffing-Bruck, er residierte im Pfarrhaus der Kirche St. Magdalena zusammen mit Frau und Kindern. Hier wirkte Weichsner mehr als 50 Jahre lang als katholischer Seelsorger – und gleichzeitig als Freund und Förderer reformatorischer Ideen und Personen, die diesen zugeneigt waren. Es ist eine paradoxe Vorstellung, doch sie ist gut belegt. So nahm Weichsner immer wieder Personen, die später einen starken Bezug zur Reformation aufwiesen, in sein Pfarrhaus auf. Nicht nur das, er gab ihnen auch Schriften von Martin Luther zu lesen – so zum Beispiel im Fall des bekannten Luther-Biografen Johannes Mathesius, der 1528 ein ganzes Jahr im Hause Weichsners verbrachte und sich später gern an diese Zeit zurückerinnerte.

„Bei Mathesius klingt es so, als hätte Weichsner schon jahrelang Kontakt mit der Reformation gehabt“, sagt Pietschmann. Die Schlussfolgerung liegt also nahe, dass sich Weichsner schon kurz nach Aufkommen der Reformation mit dieser anfreundete und etwa entsprechende Bücher besorgte. Keine Seltenheit, vermutet Nico Pietschmann. Auch unter den in den 1520er-Jahren massiv auftretenden Täufern im Brucker Land seien einige Geistliche gewesen, erläutert er. Pietschmann weist in diesem Zuge auch auf die nahe Reichsstadt Augsburg hin, wo die Reformation sich im im Gegensatz zum wittelsbachischen Herzogtum durchsetzen konnte. Weichsner hatte in dieser Zeit definitiv Kontakte in die Fuggerstadt.

Bürger beschweren sich über Weichsner

Den damaligen Bruckern fiel natürlich auf, dass Weichsner kein linientreuer katholischer Seelsorger mehr war. So schrieben sie zum Beispiel um 1530 einen Beschwerdebrief an die Landesherrschaft, worin sie die Pfarrer von Bruck anklagten, ihrer Pflicht nicht mehr genügend nachzukommen. Weichsner lese zum Beispiel keine Messen mehr. Außerdem nahm dieser anscheinend später einige Änderungen an der Liturgie vor. Das Ave Maria wurde weggelassen und es wurden neue Psalmen-Übersetzungen, reformatorisch angehaucht, verwendet.

Dass der Pfarrer trotz solch starker Verdachtsmomente über lange Jahre unbehelligt sein Amt ausüben konnte, spricht laut Pietschmann für eine gewisse Umsichtigkeit und Vorsicht des Geistlichen. Ebenfalls ein Faktor dürfte die enge Freundschaft zu Johannes Pistorius und dessen „schützender Hand“ gewesen sein. Pistorius bekleidete in Fürstenfeld von 1527 das Amt des Priors, seit 1539 war er gar Abt. Diese illustre Gestalt, obwohl Abt eines Wittelsbacher Hausklosters, war sozusagen ein Gesinnungsgenosse Weichsners.

Sein Interesse an der Reformation rührte wohl aus seiner Geisteshaltung als Humanist. Pistorius veröffentlichte zum Beispiel eine Schrift, in der wenig verklausuliert die Öffnung für reformatorisches Gedankengut klar wurde.

Doch als Pistorius 1547 abtreten musste, wurde auch die Luft für Weichsner dünner. Gleichzeitig zog die katholische Kirche die Zügel an. Auf dem Konzil von Trient (ab 1545) wurden gegenreformatorische Maßnahmen beschlossen. Eine davon war die stärkere Kontrolle innerhalb der Bistümer. Eine solche „Visitation“ wurde auch 1560 in Bruck durchgeführt.

Bei Weichsner wurde lutherische Schriften gefunden

Weichsners Gesinnung wurde dabei aufgedeckt. Man fand lutherische Schriften in seinem Haus, für die er reklamierte, er benütze sie nur zu religionswissenschaftlichen Zwecken. In den Befragungen gab Weichsner schließlich auch etwas Unerhörtes zu: Er, der katholische Priester, glaubte nicht an die Wandlung der Hostie und des Weines in Leib und Blut Christi. „Über das heilige Abendmahl sagte er, dass die Substanz des Brotes nach der Konsekration bleibe“, hat Pietschmann in den Akten gefunden.

Außerdem warb er gegenüber den Visitatoren für die Abschaffung des Zölibats. Dass Weichsner seine protestantischen Standpunkte so unumwunden zugab, erklärt Pietschmann sich auch mit einer Trotz-Haltung: „Er ist wohl einfach müde geworden und hatte keine Lust mehr, sich zu verstecken.“

Weichsner stand zu seiner Überzeugung – gebracht hat es aber nichts. Er wurde nach der Visitation sofort in der Pfarrei entmachtet, ihm wurde ein anderer Pfarrer vorgesetzt, wohl um den Renegaten an die Kandare zu legen. Noch einige Jahre wirkte Weichsner in Bruck, spätestens um 1570 ist er gestorben.

Wurden Dokumente über ihn vernichtet?

Die Missbilligung der Kirchenoberen wirkte aber wohl auch noch nach dem Tod. Denn ein Grund, warum es keine Bilder, keine schriftlichen Zeugnisse von ihm selbst gab, könnte eine „damnatio memoriae“ durch die Kirche gewesen sein, vermutet Pietschmann. Sprich, jegliche Erinnerung an Weichsner wurde versucht zu tilgen.

Eine Sache ist Pietschmann bei seinen Recherchen aufgefallen: Man müsse Weichsner hoch anrechnen, dass er seine Heimat und seine Freunde nie verlassen habe. Sicherlich hätte er in protestantische Gefilde auswandern können, doch er blieb. Auch deshalb ist er für Pietschmann einer der Ersten, der den Nährboden für die Reformation in dieser Region bereitet hat.

von Fabian Dilger

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