Heute erinnert dort eine Gedenktafel an Richard Higgins.
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Heute erinnert dort eine Gedenktafel an Richard Higgins.

Der Fliegerhorst und die Stadt

Serie zu Straßennamen: Ein Pilot bewahrte Bruck vor einer Tragödie

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Selbstlos rettete ein amerikanischer Testpilot wohl die Leben zahlreicher Brucker. Bis heute erinnert die Stadt an den Mann, der dabei 1957 sein Leben verlor.

Fürstenfeldbruck – Der 5. April 1957 war ein sonniger Tag mit frühlingshaften Temperaturen. Richard Higgins, in Bruck stationierter Pilot der US Air Force, freute sich, als er die Gelegenheit bekam, bei dem schönen Wetter zu fliegen. Ein einsitziges Kampfflugzeug stand nach Reparaturarbeiten zum Probeflug bereit. Es gab nur drei US-Testpiloten, die während des Aufbaus der Deutschen Luftwaffe in Fursty für diese Flüge eingesetzt wurden. Der eigentlich vorgesehene Captain war an jenem Morgen ausgefallen und Higgins sprang ein. Es sollte sein letzter Flug werden.

An der Absturzstelle untersuchten US-Soldaten 1957 das Wrack. 

34 Jahre war der Jetpilot damals alt. Er stammte aus Framingham in Massachusetts im Osten der USA. Während des Zweiten Weltkriegs trat der begeisterte Sportler und Laienschauspieler in die US-Luftwaffe ein. 1944, kurz nach seiner Heirat, erhielt er den militärischen Flugzeugführerschein. Ein Foto von damals zeigt einen Anfang 20-Jährigen mit weichen, jungenhaften Gesichtszügen und offenem Blick. Das Fliegen wurde seine große Leidenschaft. Nach dem Krieg hielt er es nur kurze Zeit als leitender Angestellter bei einer Firma in seiner Heimatstadt aus. Aus Liebe zur Fliegerei trat er wieder in die Air Force ein und wurde in den 1950er Jahren mit Ehefrau Elisabeth und zwei Kindern in Bruck stationiert. Sein jüngster Sohn Peter wurde 1956 hier geboren.

Higgins war ein überaus erfahrener Pilot mit 2476 Flugstunden. Nur deshalb kam er für den Werkstattflug mit dem Kampfflugzeug vom Typ Republic F-84 F Thunderstreak mit dem Kennzeichen BA-102 in Frage. Die Maschine gehörte zur Waffenschule der Luftwaffe 30 und hatte erst 103 Flugstunden absolviert. Wenige Monate zuvor waren die ersten F-84 F in einem feierlichen Akt in Anwesenheit des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß an die Deutsche Luftwaffe übergeben worden. Um 10.49 Uhr hob Higgins in der Thunderstreak in Richtung Osten ab.

Richard Higgins

Kaum in der Luft, traten erste Probleme mit dem Triebwerk auf. Augenzeugen berichteten von einer Rauchfahne hinter dem Flugzeug und ungewöhnlichen Geräuschen. Für einen Startabbruch war es jedoch zu spät. Higgins drehte eine Rechtskurve nach Süden, um schnell wieder eine Landebahn anzusteuern. Er schaffte es im Steigflug auf 300 Meter Höhe, doch über der Klosterkirche verschlimmerte sich die Lage. Das Flugzeug ging in einen immer steileren Sinkflug, Rauch und Feuer schlugen aus dem Abgasrohr.

Über dem westlichen Ortsrand erhielt Higgins vom Kontrollturm den Befehl zum Rettungsausstieg. Doch der Pilot verzögerte die Betätigung des Schleudersitzes, bis er über unbewohntem Gebiet war – und verhinderte damit eine Katastrophe, die unweigerlich viele Brucker das Leben gekostet hätte. Erst in 80 Metern Höhe ließ Higgins sich aus dem Flugzeug katapultieren – zu tief, als dass der Fallschirm sich vollständig hätte öffnen können.

Der dreifache Vater starb noch an der Unfallstelle. Sein letzter Flug hatte nur zwei Minuten und 18 Sekunden gedauert. Als Absturzursache wurde später ein Materialfehler im Triebwerk festgestellt.

Die Richard-Higgins-Straße im Brucker Westen, nur etwa einen Kilometer von der Absturzstelle entfernt, erinnert bis heute an den amerikanischen Offizier, der Bruck vor einer Tragödie bewahrte. Im Jahr 2000 benannte die Bundeswehr eine Ausbildungseinrichtung nach dem Piloten. Und seit Weihnachten 2002 trägt die ehemalige Grundschule West den Namen Richard-Higgins-Grundschule.

Die Serie:

Viele Straßen in Fürstenfeldbruck sind nach verdienten Bürger, Künstlern und Äbten benannt. In der Tagblatt-Serie werden die Persönlichkeiten vorgestellt.

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