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Der Brucker Markt in der Nachkriegszeit mit amerikanischer Flagge.

Serie zum Kriegsende im Landkreis FFB

Erinnerungen aus Amerika an Amerika

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
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Die Tagblatt-Serie über das Ende des Zweiten Weltkrieges ist bis in die USA vorgedrungen. Der ehemaligen Bruckerin Ursula Ginder fiel ein Ausschnitt der Heimatzeitung in die Hände. Der Artikel hat ihre eigenen Erinnerungen an den Schrecken des Krieges und den Einzug der amerikanischen Besatzungskräfte wieder geweckt.

FürstenfeldbruckUrsula Ginder hat ihren Doktor der Kunstgeschichte an der University of California, Santa Barbara, in den USA erworben und lebt nun auch im sonnigen Kalifornien. Das Kriegsende hat die heute 80-Jährige aber in Fürstenfeldbruck erlebt. Ihre Familie war viele Jahre in Bayern verwurzelt. In den 1930er-Jahren hatte es Ginders Eltern aus beruflichen Gründen nach Stuttgart verschlagen, wo sie 1939 geboren wurde.

Zur Tante nach Fürstenfeldbruck

„1944 verloren wir durch Bombenangriffe unsere Wohnung in Stuttgart und zogen mit meiner Mutter zu einer Tante, die in Fürstenfeldbruck wohnte“, erzählt Ursula Ginder. Die Tante besaß ein großes Haus und einen Laden in der Mitte der Stadt. „Wir waren drei Geschwister im Alter von fünf, sechs und neun Jahren“, erinnert sich die 80-Jährige. Der ältere Bruder war vermisst, der Vater in russischer Kriegsgefangenschaft.

Vom Leben im Haus der Tante blieb Ursula Ginder vor allem die Vielfalt der Herkunft der Bewohner in Erinnerung. Unter anderem lebten dort ein jüdischer Mann namens Jakob und seine hübsche Partnerin Paula. „Später, als ich Filme mit Gina Lollobrigida sah, dachte ich oft: So hat die Paula ausgesehen.“ Jakob selbst, ein großer knochiger Mann, lachte gerne mit den Kindern. „Wie wir das bereits verstanden, war er auf dem Schwarzmarkt engagiert, was oft der Ursprung von Razzien der Militärpolizei war.“

Im Speicher lebte eine Frau, die einfach nur „die Französin“ genannt wurde, und die Ursula Ginder nie zu Gesicht bekommen hat. Sie erinnert sich aber, dass die Frau Grund für eine militärische Intervention war, die sich im Treppenhaus abgespielt hatte. „Sie blieb mir deshalb als rätselhaftes Drama in Erinnerung.“

Daneben lebte noch ein junges, polnisches Ehepaar in der ehemaligen Waschküche, von dem sich bei Ginder die dunklen Locken und goldenen Zähne des freundlichen Mannes eingeprägt haben. Warum diese Menschen im Haus der Tante lebten, weiß Ginder heute nicht mehr. „Auf alle Fälle waren die Mitbewohner für uns Kinder faszinierend, und wir fanden es immer spannend, wenn plötzlich die Militärpolizei auftauchte und Unruhe verursachte.“

Beim Todesmarsch am Straßenrand

Ursula Ginder berichtet auch von beängstigenden Ereignissen, deren Bedeutung ihr erst viele Jahre später bewusst geworden sei. So erinnert sie sich an einen Zug von Menschen, die sich in mehreren Reihen auf der Dachauer Straße dahinschleppten, zum Teil fielen. „Ich fühle noch heute den starken Arm meiner Tante, der uns zurückhielt“, sagt sie. Ihre Schwester habe den Menschen ein Stück Apfel geben wollen. Erschreckt von herrischen Stimmen und Befehlen und geschoben von der Tante seien sie zurückgewichen. Erst viele Jahre später habe sie eine Erklärung für diesen Moment gefunden: „Ich wusste dann, dass meine kleine Heimatstadt die Bühne für einen sogenannten Todesmarsch war.“

Einzug der fremden Soldaten

Ganz anders war der Einzug der Amerikaner, den Ursula Ginder vom Erkerfenster des Ladens ihrer Tante an der Ecke Schöngeisinger Straße und Lederergasse aus erlebte. „Und dann konnte ich sie sehen: Stramme Männer in frischen, beigen Uniformen, die Gesundheit ausstrahlten.“ Doch das Staunen war ihr nur kurz gegönnt. Der Onkel habe ihr abrupt das Fenster vor der Nase zugeschlagen. „Es wurde gezischt und geflüstert, dass bald die Häuser durchsucht würden und das alles mit dem Zeichen verschwinden müsse.“ Gemeint war das Hakenkreuz der Nazis.

Für die Kinder jedoch seien die Amerikaner wie Weihnachtsmänner gewesen. „Es gab Donuts, Schokoriegel und Kaugummi“, erinnert Ursula Ginder sich. In einem Hinterhof kurz nach der Ecke Kirch- und Hauptstraße habe es eine Küche für die Amerikaner in der Stadt gegeben. „Da standen wir zusammen mit den Nachbarskindern und fingen die Donuts auf, die uns von einem munteren Koch aus einem großen Fenster im Erdgeschoss zugeworfen wurden.“

Die Serie

Zum Kriegsende vor 75 Jahren veröffentlich das Tagblatt eine Serie mit Fakten und Zeitzeugen.

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