Deutschunterricht für Flüchtlinge in Fursty
+
Deutschunterricht für Flüchtlinge in Fursty

Fürstenfeldbruck

Ehrenamtliche Asyl-Arbeit: Fünf Flüchtlingshelfer blicken zurück

„Wir schaffen das“, sagte Kanzlerin Angela Merkel 2015, als zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland strömten. Von Beginn an engagierten sich unzählige Helfer für die Geflüchteten. Und auch heute noch spielen Ehrenamtliche eine wesentliche Rolle bei der Integration.

  • Etliche Helfer engagieren sich in der Flüchtlingshilfe
  • Dabei stoßen sie auf vielerlei Schwierigkeiten
  • Die Helfer zeichnen ein differenziertes Bild

Fürstenfeldbruck – Als sich die Flüchtlingskrise zuspitzte, hat Lilo Nitz 60 bis 70 Stunden in der Woche den Ankommenden geholfen. Sie organisierte Spenden, unterstützte bei der Wohnungssuche und beriet die Asylsuchenden zu allen Fragen des Lebens in Deutschland. Das alles macht sie auch heute noch, wegen der Corona-Einschränkungen aber auf ihrer Terrasse. „Da steht ein zwei Meter langer Tisch, damit wir auch Abstand halten können“, erzählt die 72-Jährige.

Erst Freude, dann Frust

Die Rentnerin ist seit 2013 im Asylhelferkreis in Gröbenzell aktiv. Bis 2019 hat sie ihn geleitet. „Zu Beginn war die Stimmung gut“, meint sie. Es hätte viele Ehrenamtliche gegeben, und auch in der Bevölkerung gab es wenig Kritik an deren Einsatz. Das habe sich allerdings langsam geändert. Anfang 2016 habe sich die Tonlage in der Politik immer mehr verschärft, insbesondere das Landratsamt sei immer weniger kooperativ gewesen. „Da durften die Flüchtlinge dann zum Beispiel eines Tages plötzlich keine eigenen Möbel mehr in ihren Unterkünften haben“, erzählt die Gröbenzellerin.

Diese Behandlung habe sowohl bei Flüchtlingen als auch bei Helfern zu viel Frust geführt. Deshalb hätten dann viele Helfer über die Zeit hinweg aufgegeben. „Insgesamt war die Integration aber schon erfolgreich,“ meint die Rentnerin. Sie hätte ihrer Meinung nach aber noch erfolgreicher sein können, wenn nicht so häufig bereits aufgebaute Verbindungen dadurch kaputt gemacht worden wären, dass die Flüchtlinge in einen anderen Ort verlegt wurden.

Momentan sei vor allem die Wohnungssuche für die Geflüchteten ein Problem. Insbesondere bei dunkelhäutigen Menschen sei dies sehr schwierig. „Da gibt es leider viele Vorurteile“, sagt Nitz. Selbst wenn der potentielle Vermieter keine hätte, würden häufig die Nachbarn Druck ausüben.

Insgesamt ist sie aber glücklich mit dem, was sie erreicht hat. „Wenn man ein Kind sieht, dem man geholfen hat und das jetzt einen Schulabschluss hat, fühlt sich das gut an.“

Hohe Motivation

Diese erfolgreichen Fälle sind auch für Marlies Eller aus Puchheim eine große Quelle der Motivation. Menschen, die vorher nur kurzzeitig planen konnten, würden mit ihrem ersten Gehalt im neuen Job plötzlich an die Zukunft denken und Geld zurücklegen. Das zu sehen sei für die Helfer ein sehr gutes Gefühl.

Doch der Weg dorthin ist nicht immer einfach. „Es gibt zu viele bürokratische Hürden. Um damit umzugehen müsste eigentlich jeder Rechtsanwalt sein“, meint die 60-jährige Textildesignerin. Die Behörden seien sehr rigide, und die Flüchtlinge müssten regelmäßig auf Anhörungen und Bescheide warten. In Bayern gebe es viele falsche Ansätze im Umgang mit den Flüchtlingen, meint die Puchheimerin.

Deutsch-Stunden

In der Erstaufnahme auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck hat Klaus Erzberger solche Probleme kaum beobachtet. Der 67-Jährige Rentner ist dort seit 2014 aktiv, kümmert sich um die Kleiderkammer und gibt ehrenamtlich Deutschstunden für die Flüchtlinge. „Wir haben einen gut geeigneten Raum zur Verfügung,“ sagt er. Auch sonst würde er ausreichend Unterstützung durch das Rote Kreuz und die Regierung von Oberbayern erhalten. Bis sich alles so eingependelt hatte, habe es aber etwas gedauert. „Zu Beginn war die Kleiderkammer in einer Garage“. Die Tätigkeit auf dem Fliegerhorst findet er sinnvoll und erfüllend. Aufgrund der Corona-Pandemie fällt allerdings momentan der ehrenamtliche Deutschunterricht komplett aus, auch die Kleiderkammer musste lange geschlossen sein.

Sport für Flüchtlinge

Dirk Hasenjaeger ist ebenfalls in der Erstaufnahme auf dem Fliegerhorst aktiv. Er organisiert ein sportliches Angebot für die Flüchtlinge. Der 56-jährige Automobilverkäufer hat einen Sportraum mit Kickertischen und Tischtennisplatten aufgebaut. Momentan beschäftigt er sich mit dem dortigen Computerraum. Außerdem organisiert er zwei Mal im Jahr ein Fußballturnier für die Asylsuchenden. All diese Aktivitäten müssen allerdings momentan wegen der Corona-Pandemie ausfallen.

„Zu Beginn war ich überrascht und entsetzt, wie viele Dinge auf Ehrenamtliche geschoben werden“, meint der Fürstenfeldbrucker. Ohne Freiwillige hätte während der Flüchtlingssituation 2015 seiner Meinung nach totales Chaos geherrscht.

Heute stört ihn vor allem die Behandlung derjenigen Asylsuchenden, die keine guten Chancen haben, bleiben zu dürfen – wie zum Beispiel Nigerianer. Diese würden aufgrund der Regelungen ohne Beschäftigung in den Unterkünften sitzen. Es gebe für sie keine Integrationsangebote, und auch arbeiten dürften sie nicht.

Zu viel Hilfe schadet

Über zu viele bürokratische Hürden klagt auch Sonja Salomon-Maier aus Türkenfeld. Es gebe außerdem keine echte Willkommenskultur im Umgang mit den Flüchtlingen, meint die 57-Jährige. Doch auch zu viel Hilfe könne ihrer Meinung nach schaden, weil dadurch die Eigeninitiative der neu angekommenen Menschen eingeschränkt würde. Nach mehreren Jahren sei nun allerdings nicht mehr so viel Hilfe für die Flüchtlingsfamilien nötig, die vor Jahren in der Gemeinde untergebracht worden sind. (Sven Behrens)

Auch interessant: Betrachtungen zur Flüchtlingskrise: Eine Kraftanstrengung, die andauert

Auch interessant

Kommentare