Immer öfter muss die Feuerwehr Wohnungstüren öffnen. Eine Folge der Corona-Kontaktbeschränkungen oder der allgemein zunehmenden Anonymisierung in urbanen Gebieten?	Symbolfoto: mm Archiv
+
Immer öfter muss die Feuerwehr Wohnungstüren öffnen. Eine Folge der Corona-Kontaktbeschränkungen oder der allgemein zunehmenden Anonymisierung in urbanen Gebieten?

Landkreis FFB

Hilflos in der Wohnung: Immer öfter muss die Feuerwehr Schlösser knacken

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
    schließen

Immer öfter müssen die Feuerwehren ausrücken, um verschlossene Türen zu öffnen. Meist benötigt jemand in einer Wohnung Hilfe, kann aber selbst nicht mehr öffnen. In zehn bis 20 Prozent der Fälle kommt aber jede Hilfe zu spät. Auch das eine Folge der Pandemie?

Fürstenfeldbruck Die Vermutung liegt nahe, dass die vermehrten Wohnungsöffnungen in Zusammenhang mit dem Kontaktverbot wegen Corona stehen. Menschen, die ohnehin kaum Besuch bekommen und nun völlig alleine sind. Der Fürstenfeldbrucker Feuerwehrkommandant Michael Ott kann das nicht mit Gewissheit sagen. „Aber wir sind 2021 bislang zu 20 Einsätzen ausgerückt, rund die Hälfte davon waren Türöffnungen“, sagt er. Die Zahl steigt definitiv.

Ebenso sieht es bei der Wehr in Puchheim Bahnhof aus. Heuer rückten die Einsatzkräfte bereits einmal für eine Türöffnung aus. „Und auch in den zurückliegenden Jahren waren das recht häufige Einsätze“, sagt Sprecher Alexander Sabaraj. In der Mehrzahl der Fälle werde man vom Rettungsdienst nachgefordert, wenn jemand in der Wohnung Hilfe braucht, aber nicht mehr öffnen kann.

In manchen Fällen erwartet die Feuerwehrleute aber ein unschönes Szenario: Bei zehn bis 20 Prozent der Einsätze können sie nur noch den Tod des Bewohners feststellen. Für die Einsatzkräfte ist das eine belastende Situation – vor allem wenn der Tote unter Umständen schon eine geraume Zeit in der Wohnung liegt. Den unangenehme Geruch einer Leiche bekommen die Einsatzkräfte oft wochenlang nicht mehr aus der Nase.

Die Jüngeren fernhalten

Andererseits sei der Leichengeruch auch eine Vorwarnung, wie Ott erklärt. „Das riecht man oft schon durch die geschlossene Tür.“ Dann weiß auch der Einsatzleiter, was zu tun ist. „Wenn möglich, werden nur Leute rein geschickt, die damit umgehen können“, sagt Ott. Als Kommandant lerne man seine Leute einzuschätzen. „Außerdem halten wir die Jüngeren von so etwas eher fern.“

Ähnlich handhabt das auch Josef Gigl. Für den Olchinger Kommandanten ist die letzte Türöffnung, bei der eine Leiche aufgefunden wurde, erst ein paar Tage her. „Das Essen, das dem Bewohner gebracht wurde, stand unangetastet vor der Tür.“

Die Nachbarn hätten daraufhin Alarm geschlagen. „Für solche Einsätze wählt man seine Leute schon entsprechend aus.“ Während des Lockdowns sei das sogar einfacher, weil die Dienstleistenden zum Beispiel durch Homeoffice besser verfügbar seien. In manchen Fällen sei es aber nicht planbar, dass ein erfahrener Feuerwehrler die Wohnung betritt, sagt Alexander Sabaraj.

Nachbetreuung

Dann muss auch mal ein Jüngerer ran. Die werden danach aber nicht mit der Situation alleine gelassen, wie der Puchheimer Feuerwehrsprecher betont. „In der Nachbetreuung führen wir interne Gespräche in der Wehr.“ Darüber hinaus gebe es die sogenannte PSNV-E, die Psychosoziales Notfallversorgung für Einsatzkräfte, in der auch psychologische Einzelgespräche geführt würden. Wichtig ist laut Ott, dass man den Feuerwehrleuten erklärt, dass es durchaus normal sei, wenn man nach einem derart belastenden Einsatz mal eine Woche nur schlecht schlafen kann.

Zumindest einem ausufernden Leichengestank ist Christian Weirauch, Kommandant der Gröbenzeller Feuerwehr persönlich bislang entkommen. Auch wenn die Gröbenzeller ein- bis zweimal im Jahr einen Toten vorfinden: „In 20 Jahren Dienst hatte ich aber noch nie einen, der bereits ein halbes Jahr ein seiner Wohnung gelegen hat.“

Es gibt auch Stammkunden

Über vermehrte Wohnungsöffnungen berichtet auch Michael Kleiber von der Germeringer Wehr: „Die Einsätze werden schon seit längerem mehr.“ Rund 30 verzeichnet Kleiber im Jahr. Zwischen Wohnungsöffnungen 15 und 20 pro Jahr sind es laut Kommandant Christian Weirauch in Gröbenzell. Hier über die vergangenen Jahre allerdings relativ konstant. „Zum Teil haben wir sogar so etwas wie Stammkunden“, berichtet Weirauch. Also ältere Leute, die mehrmals im Jahr stürzen, ehe sie ein Einsehen hätten und in eine betreute Einrichtung gehen.

Der Olchinger Kommandant Josef Gigl vermutet einen Grund für die vielerorts steigenden Zahlen in der grundsätzlich wachsenden Anonymisierung und Vereinsamung vor allem in urban geprägten Kommunen. Auch die Olchinger mussten 2020 bei knapp 100 Einsätzen etwa 15-mal Türen öffnen. Tendenz steigend.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare