Landrat Thomas Karmasin trägt bei öffentlichen Auftritten im Corona-Jahr korrekt eine Maske. Wie viele Brillenträger kämpft er bisweilen mit den Gummibändern
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Landrat Thomas Karmasin trägt bei öffentlichen Auftritten im Corona-Jahr korrekt eine Maske. Wie viele Brillenträger kämpft er bisweilen mit den Gummibändern. (Archivfoto)

DAS AKTUELLE INTERVIEW - Landrat Karmasin blickt zurück – und auch etwas voraus

In der Krise muss man an einem Strang ziehen

  • Thomas Steinhardt
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Nach der Kommunalwahl folgte Krisenmanagement: Im Interview mit dem Tagblatt blickt Thomas Karmasin, Landrat des Kreises Fürstenfeldbruck zurück - aber auch etwas voraus.

Herr Karmasin, als Sie im März wieder gewählt wurden, stand der Abend schon im Zeichen der Pandemie. Wie bitter war es für Sie, dass es nach dem Wahlkampf praktisch nicht möglich war, den Erfolg zu genießen, sondern gleich Krisenmanagement (samt Urlaubssperre) anstand?

Landrat Thomas Karmasin: Naja, es war ein bisschen, wie wenn man nach einer anstrengenden Bergtour feststellt, dass die Hütte zu ist und man gleich weiter gehen muss. Richtig schade fand ich, dass ich nicht einmal die Möglichkeit hatte, den vielen Helferinnen und Helfern wenigstens ein Fass Bier auszugeben, wie das bei uns sonst der Brauch ist, um sich zu bedanken...

Im Laufe des Jahres fielen viele Veranstaltungen aus, auf denen Sie gewesen wären. Haben Ihnen Versammlungen, Gespräche und Ähnliches gefehlt? Auch hinsichtlich der ungewöhnlichen Lage?

Ich gebe zu, dass das vor allem im Sommer auch mal ganz erholsam war. Nicht alle Versammlungen sind ja immer reines Vergnügen. Aber auf die Dauer fehlt der direkte Kontakt zu den Menschen schon. Natürlich kann man Sachfragen auch per Videokonferenz klären, aber Stimmungen und Empfindungen erlebt man im persönlichen Kontakt viel stärker. Und es gibt im Landkreis viele tolle Persönlichkeiten, bei denen man sich einfach freut, wenn man sie bei einer Veranstaltung oder einem Fest trifft und sich ein bisschen austauscht.

Haben Sie in Ihrer langjährigen Amtszeit Situationen erlebt, die Sie mit der aktuellen vergleichen könnten oder wollten?

Die Zuwanderungskrise mit ihrem Höhepunkt im Jahr 2015 war für mich persönlich noch wesentlich anstrengender und belastender als die Corona-Krise. Natürlich kann man die Sorge für die Unterbringung von Menschen inhaltlich nicht mit einer Pandemie vergleichen. Aber wir kamen seinerzeit so nah an das absolute Ende unserer Ressourcen, dass viele von uns die Situation ganz persönlich als ausweglos empfunden haben. Im Unterschied zu heute waren damals die meisten Menschen nicht selbst betroffen und hatten daher kein Verständnis, wenn ich auf das drohende Ende der Ressourcen hingewiesen habe.

Gab es gerade im Frühjahr Situationen, in denen Sie befürchteten, die Lage gerade in der Kreisklinik könnte wegen Corona außer Kontrolle geraten?

Wir waren schockiert durch die Bilder aus Italien, aber eben auch vorgewarnt. Wir haben in der Klinik sofort reagiert, in erheblichem Maße Betten frei gehalten und die Infrastruktur auf die Pandemie ausgerichtet. Wir sind daher Gott sei Dank nicht in die Nähe eines Kontrollverlustes gekommen.

Mit der Einführung des Wechselunterrichts bald nach dem Ende der Sommerferien brach ein Sturm der Entrüstung über Sie und die Kreisbehörde herein. Haben Sie die Kritik der Eltern verstanden?

Sagen wir mal so: Ich habe verstanden, dass die Eltern vor großen Schwierigkeiten standen, sich zum Teil sogar existenzielle Sorgen gemacht haben und daher den Wechselunterricht nicht wollten. Trotzdem fand ich, dass die Kritik falsch platziert war. Um es in einem Bild zu sagen: Ich verstehe, dass man nicht krank sein will, ich verstehe, dass man keine bittere Medizin schlucken will, aber ich verstehe nicht, wenn man den Arzt beschimpft, der sie einem verabreichen muss. Das Problem war: Das Kultusministerium hat einen Plan gemacht und stand dann nicht zu dessen Anwendung. Wir hatten uns an diesen (aus meiner Sicht nach wie vor sinnvollen) Plan gehalten. Andere Landratsämter kamen zu einer anderen Einschätzung. Dadurch ist bei den Eltern der Eindruck entstanden, es gehe eben doch auch anders. Und wer schluckt noch die bittere Medizin, wenn andere Kranke sie nicht schlucken müssen...

Wurden Sie auch persönlich angegriffen?

Ja, ich könnte ein paar herzhafte Dinge erzählen, aber es ist die staade Zeit, da passen die nicht hin...

Haben Sie persönlich den Kurs der Staatsregierung immer mit getragen, oder gab es Situationen, in denen Sie anders gehandelt hätten beziehungsweise sich ein anderes Handeln gewünscht hätten?

Ich halte es für wichtig, in Zeiten der Krise an einem Strang zu ziehen. Natürlich gab es immer ein paar Kleinigkeiten, die man sich anders gewünscht hätte, aber die große Richtung war in Ordnung. Anders gemacht hätte ich tatsächlich den Umgang mit den Schulen. Es war einen ganzen Sommer lang Zeit, einen Plan zu machen. Wenn am Ende dieser Zeit wissenschaftlich begründet ein Plan steht, der Voraussetzungen für Maßnahmen definiert, dann muss ich bei Eintreten dieser Voraussetzungen auch die Maßnahmen vollziehen. Sonst werden die Maßnahmen als disponibel empfunden und die ganze Linie franst aus.

Was fehlt Ihnen beim derzeitigen Lockdown persönlich am meisten?

Die Möglichkeit spontaner Kontakte, sei es im Freundeskreis, sei es auch am Arbeitsplatz. Den Menschen immer nur mit Abstand und hinter Masken zu begegnen, ist traurig, aber im Moment halt notwendig.

Sie haben mal gesagt, die größte Gefahr beim Maskentragen bestünde darin, dass sich die Brille mit der Maske verheddern könnte. Wie oft ist Ihnen das selbst passiert?

Das passiert mir gelegentlich immer noch. (schmunzelt)

Wir haben ein komplett ungewöhnliches Jahr hinter uns, und womöglich auch schwere Zeiten vor uns. Gibt es Überlegungen, die in Ihnen Optimismus reifen lassen?

Die anlaufenden Impfungen geben Anlass zu der Hoffnung, dass Corona zwar nicht schnell ausgerottet werden kann, aber dass zumindest so viel Schutz vorhanden sein wird, dass unser Gesundheitssystem nicht in Gefahr gerät. Wenn wir erst soweit sind, wird es auch wieder aufwärts gehen. Ich glaube, dass sich die Menschen bei uns nicht hängen lassen, sondern wieder anpacken. Wir haben als Land die Kraft, so eine Krise durchzustehen.

Das Interview führte Thomas Steinhardt

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