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„Die Leute machen sich Gedanken über die Produkte“: Wolfgang Lastner in seinem Pelzgeschäft.

Interview zu Laden-Leerstand

Geschäftsbesitzer: „Wir sollten die Stadt gemeinsam gestalten“

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Geschäftsbesitzer Wolfgang Lastner über Laden-Leerstand, Amazon und die Zukunft der Stadt Fürstenfeldbruck.

Fürstenfeldbruck – Es gibt Menschen, die hassen Montage. Sie tun sich schwer, vom Freizeitmodus am Wochenende in den Arbeitsalltag zu schalten. Wolfgang Lastner (56), Inhaber des traditionsreichen Pelzgeschäftes Berchtold, gehört wohl nicht dazu. Gut gelaunt empfängt er einen um 9 Uhr in seinem Geschäft in der Augsburger Straße. Der erste Kunde an diesem Tag ist das Tagblatt. Im Interview spricht Lastner über die Gründe des Laden-Leerstands in Bruck, Herausforderungen des Einzelhandels und die Zukunft der Stadt.

Herr Lastner, wann waren Sie das letzte Mal in der Innenstadt beim Einkaufen?

Wolfgang Lastner: Ich kaufe immer in Bruck ein. Ich finde hier alles. Haushaltswaren, Betten, Textilien...Wenn man nicht unbedingt einen exotischen Geschmack hat, kann man alles in Bruck bekommen.

Trotzdem kaufen manche Menschen lieber bei Amazon ein, anstatt in die Stadt zu fahren.

Wolfgang Lastner: Das ist momentan ein Vorurteil, das ich widerlegen möchte. Es gibt Kunden, die bestellen bei Amazon, weil sie meinen, es sei billiger. Dabei zahlen sie garantiert mehr als irgendwo anders. Der Trend geht wieder dahin, sich im Internet zu informieren und dann vor Ort zu kaufen.

Das ist aber vielen nicht bewusst. Schließlich ist das Angebot im Internet größer. Und mehr Angebot heißt: Mehr Schnäppchen.

Wolfgang Lastner: Falsch. Nur weil man etwas online kaufen kann, ist es nicht billiger. Außerdem: Zwar steckt der Geiz-ist-Geil-Gedanke noch in den Köpfen. Aber die Menschen legen inzwischen Wert auf etwas anderes. Ein Beispiel: Als ich vor mehr als 40 Jahren angefangen habe, waren unsere Kunden meistens älter als 50. Heute sind wir bei 20 plus. Die jungen Kunden haben zwar oft wenig Geld, aber sie sagen: Lieber kaufe ich mir für meinen Parker einen echten Fellstreifen. Da weiß ich, wo es herkommt und wo es produziert wird. Es ist das Gleiche wie beim Essen. Die Leute machen sich Gedanken über die Produkte.

Mein Eindruck ist aber, dass es im Einzelhandel noch nicht ganz so weit ist wie beim Essen. Einige Läden in Bruck stehen schließlich leer.

Wolfgang Lastner: Die Probleme, die dahinter stecken, sind sehr vielfältig. Auch die Nutzung ist manchmal ein Problem. Da drüben (deutet in Richtung Straße) gab es einmal einen Schuhladen. Der Besitzer wollte früh morgens anliefern lassen. Er hat mit der Stadt wegen einer Sonderregelung angefragt. Die Stadt hat das verweigert. Manchmal fehlt der Verwaltung das Fingerspitzengefühl. Man könnte einige Probleme lösen, wenn man nicht immer nach Schema F arbeiten würde, sondern flexibler und offener wäre.

Sie vermissen die Bereitschaft des Stadtrates, einfach mal etwas auszuprobieren.

Wolfgang Lastner: Die Stadträte probieren etwas aus. Das sieht man an der Bebauung des Viehmarktplatzes. Ist alles recht und schön. Doch es geht nicht darum etwas auszuprobieren, sondern das jetzt funktionsfähige Zentrum Fürstenfeldbrucks beizubehalten. Wir sind eine Kreisstadt, ein Mittelzentrum. Wir brauchen Leute, die nach Bruck fahren zum Einkaufen. Am Viehmarkt haben wir viele Parkräume. Aber in der Planung wird das vernachlässigt. Schließlich will man, dass die Leute auf das Auto verzichten und stattdessen mit dem Rad oder Bus kommen.

Aber bedeuten weniger Autos nicht mehr Lebensqualität? Die Luft wäre zum Beispiel besser.

Das Interview: Wolfgang Lastner im Gespräch mit Tagblatt-Redakteur Thomas Radlmaier.

Wolfgang Lastner: Die Frage ist: Lebensqualität für wen? Es geht doch nicht nur um uns, sondern vorwiegend um die Kunden aus dem Umland. Das Thema Umweltbelastung lösen wir nicht in Bruck. Die Fehler mit der B 2 wurden früher gemacht. Wir haben das Problem und können es nicht ändern. Mir scheint, als würden die Autofahrer verteufelt. Ich fahre auch gern mit dem Radl, aber manche Strecken sind einfach zu weit. Wir haben ja auch viele ältere Leute, die auf das Auto angewiesen sind. Und wo sollen die parken?

Was würden Sie sich als Einzelhändler wünschen von der Stadtpolitik?

Wolfgang Lastner:Es ist heutzutage sehr schwierig, ein Geschäft zu eröffnen. Die Stadt sollte es den Firmengründern leichter machen. Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, neuen Unternehmen bei der Gewerbesteuer entgegenzukommen und in den ersten beiden Jahren nur die Hälfte zu kassieren. Zumindest bis sich der Unternehmer die Werbung leisten kann, oder bis er akzeptiert wird. Auch die kommunale Parküberwachung sollte mehr Fingerspitzengefühl beweisen. Und auch ihr, die Medien, solltet mehr darüber berichten, wenn ein Laden neu aufmacht und nicht nur, wenn einer zumacht. Wir sollten uns miteinander Gedanken machen, wie wir die Innenstadt in Zukunft gestalten wollen.

Und wie schafft man das Miteinander?

Wolfgang Lastner: Jeder muss sich einbringen: die Alten, die Jungen, Parteien, Ladenbesitzer. Da ist jeder tangiert, der in Bruck lebt. Ich bin kein Politiker, ich muss mir keine Gedanken machen, wie wir das bewerkstelligen. Aber ich finde, es muss transparenter zugehen in Bruck. Man sollte die Bürger mit ins Boot holen. Das hat nichts damit zu tun, ob man hier und da ein paar Blumen aufhängt. Es geht um wirtschaftliche Belange. Und der Stadtrat ist gewählt, um sich Gedanken über die Zukunft zu machen.

Also fehlt die Vision?

Wolfgang Lastner: Es fehlt nicht die Vision, sondern das grundsätzliche Verständnis für die Infrastruktur. Schlagworte alleine reihen nicht, sondern ich muss aufnehmen, was die Menschen wollen. Und die wollen eine interessante, zukunftsfähige Stadt. Kulturell sind wir gut aufgestellt. Aber wir sollten aufpassen, dass wir uns in anderen Bereichen nicht verzetteln. Wir müssen uns der Verantwortung bewusst sein, was eine Kleinstadt für die Kunden und Besucher bieten muss. Vielleicht gehört auch ein bisschen Marketing dazu.

Aber müssten sich nicht auch die Einzelhändler umstellen, um Leerstand in der Stadt zu vermeiden? Viele Geschäfte schließen um 18 Uhr, wenn die meisten aus der Arbeit kommen.

Wolfgang Lastner: Die Geschäfte, die gut geführt sind, richten sich nach den Kundenströmen. Ich mache auf, wenn die meisten Kunden zu mir kommen, nach persönlicher Vereinbarung sowieso. Die Geschäftsinhaber wissen sehr wohl, wann sie da sein müssen. Wer in der Diskussion die Geschäftszeiten als Argument nennt, hat noch nie einen Einzelhandel geführt. Ich sperre auf, wenn die Kunden kommen. Alles andere wäre kontraproduktiv.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass manche Einzelhändler mit Gewalt versuchen, dass stets Altbewährte in die Zukunft zu retten?

Wolfgang Lastner: Nein. Wer das versucht, hat schon längst zugemacht. Heutzutage muss man sich jeden Tag neu erfinden. Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist aber Planungssicherheit. Wenn ich heute ein Geschäft eröffne, muss ich wissen: Aha, die Stadt will dahin oder die Stadt will nur eine Schlafstadt sein.

Wie könnte die Stadt in 20 Jahren aussehen?

Wolfgang Lastner: Eine bunte Mischung aus Restaurants und Geschäften.

Und was ist mit dem Berchtold in 20 Jahren?

Wolfgang Lastner: Es hat sich bis dahin sicher wieder geändert. Ohne Zweifel. Wir haben oft überlegt, ob wir einen Online-Shop machen sollen. Ich halte in unserem Bereich einen Online-Shop nicht für zwingend notwendig. Es geht bei uns viel um Haptik, um das Gefühl für Material. Das kann ich jemanden nicht online vermitteln. Das muss man fühlen.

Ist Ihnen als Einzelhändler nicht Angst und Bange wegen der Zukunft?

Wolfgang Lastner: Nein. Wir erfinden uns jeden Tag neu. Ich rede mit den Kunden, ich frage: Was tragen Sie gerne in der Freizeit? Ich höre zu und setze das um. Zuhören und Umsetzen. Die Zukunft ist zuhören und miteinander reden.

Das Gespräch führte Thomas Radlmaier.

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