Vom Schreibtisch seiner Kanzlei aus wird er das Geschehen aber weiter verfolgen, sagt der nach wie vor praktizierende Rechtsanwalt.
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Vom Schreibtisch seiner Kanzlei aus wird er das Geschehen aber weiter verfolgen, sagt der nach wie vor praktizierende Rechtsanwalt.

Fürstenfeldbruck

In verworrenen Lagen wies er schon mal den Weg: Der Älteste im Stadtrat sagt Servus

  • Ingrid Zeilinger
    vonIngrid Zeilinger
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Er war das größte und älteste Mitglied des Stadtrats. Die mahnende Stimme bei juristischen Themen. Der Pragmatiker, der in verworrenen Lagen den Weg wies. Nach 31 Jahren hat Franz Neuhierl sein Mandat niedergelegt.

Fürstenfeldbruck – Wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag kündigte Franz Neuhierl seinen Abschied aus dem Stadtrat an. Auf das älteste folgt nun das jüngste Mitglied des Gremiums. Der Sohn eines Fraktionskollegen – etwas, das es zu Neuhierls politischen Anfängen noch verboten war. Als er im Jahr 1990 seinen ersten Eid als Stadtrat schwor, durfte nur ein Familienmitglied im Kommunalparlament sitzen.

Erinnerung an die Vereidigung

Wenn auch mit zeitlichem Abstand, so trat jedoch auch Neuhierl in die politischen Fußstapfen seines Vaters, eines Bäckermeisters, der früher einmal im Gemeinderat gesessen hatte. Vor der Wahl 1984 klopfte dann Konditormeister Max Wimmer bei Franz Neuhierl an und fragte, ob der Anwalt auf die CSU-Liste wolle. Für den Einzug ins Kommunalparlament reichte es nicht und sechs Jahre später habe die CSU ihn nicht mehr gefragt, erinnert sich Neuhierl. Dafür aber der Vorsitzende der Freien Wähler, Karl Bock. Neuhierl ließ sich breitschlagen und wurde mit drei weiteren Freien Wählern in den Stadtrat gewählt.

An die erste Sitzung erinnert sich der 79-Jährige noch genau. Max Steer vereidigte ihn. Wenige Tage später war der schon nicht mehr Bürgermeister – die Stimmen der Stichwahl wurden nachgezählt und dann war Eva-Maria Schumacher Stadtoberhaupt. Neuhierl übernahm bei den Freien Wählern das Amt des Fraktionsvorsitzenden und füllte es die meiste Zeit aus. Große Freude machte ihm die Arbeit in der Städtepartnerschaft – vor allem mit Almunecar und mit Livry-Gargan. für ihn wichtig mit Blick auf die Aussöhnung der Deutschen und Franzosen.

In den 31 Jahren sah sich Neuhierl stets als Entscheider und Kontrollorgan. „Man darf sich aber nicht um Verwaltungsangelegenheiten kümmern.“ Das Ohr bei den Bürgern und sachkundige Informationen zur Entscheidungsfindung bezeichnet er als wichtig. Im Stadtrat war seine Meinung geschätzt – vor allen, wenn es um juristische Themen ging. Die eine oder andere Belehrung über die Geschäftsordnung ließ er fallen, den einen oder anderen zielführenden Hinweis. „Es hat doch dem einen oder anderen Stadtrat ganz gut getan, was ich zu bieten hatte“, findet der 79-Jährige. So auch in einer seiner letzten Sitzungen, als über das Tübinger Modell diskutiert wurde. Neuhierl lenkte die Ratskollegen dahin, den Aufbau von Corona-Schnellteststationen zu beschließen.

Franz Neuhierl zog 1990 erstmals für die Freien Wähler in den Stadtrat ein 

Neuhierls größte politische Niederlage beschreibt ein Wort: Deichenstegtrasse. 25 Jahre habe er für den zweiten Amperübergang gestritten. „Ich verstehe die Leute nicht“, sagt er. „Sie wollen Wohnraum schaffen, aber es gibt keine vernünftige Verkehrserschließung.“ Ihm könne es egal sein. Er fahre stets mit dem Rad zu seiner Kanzlei in der Ludwigstraße. Aber es gehe um die Sache. Die Niederlage hat er jedoch inzwischen akzeptiert.

Dritter Bürgermeister

Neuhierls Meinung war so geschätzt, dass die Stadträte ihn für die Jahre 2002 bis 2008 zum Dritten Bürgermeister wählten. Das Dreigespann mit OB Sepp Kellerer und Klaus-Peter Ernst bezeichnet er als „bestes Team“. „Wir haben alle am gleichen Strang gezogen.“ Vieles wurde in der Runde diskutiert, vieles auf den Weg gebracht: die Gestaltung des Geschwister-Scholl-Platzes, die Bebauung des Uhl-Grundstücks, Schulen und Kindergärten – und nicht zuletzt Kellerers Lieblingsprojekt, das Veranstaltungsforum Fürstenfeld. „Ich war dagegen“, sagt Neuhierl. Er hätte nicht so viel Geld gebunden. Wenn er heute das Ergebnis sehe, könne er aber gut damit leben.

In diese Zeit fällt auch ein schwerer gesundheitlicher Schlag. Im Jahr 2007 erlitt Franz Neuhierl eine stressbedingte Herzerweiterung. Viele Bürger bangten um das Leben des beliebten Politikers und kamen zur Bittmesse. „Meinen 65. Geburtstag habe ich im Koma gefeiert.“ Doch er erholte sich und ackerte viele Jahre als Stadtrat weiter.

Mehr Egoismus

In der Zeit beobachtete er einen Wandel in der politischen Arbeit. Früher hätten die Fraktionen einheitlicher dagestanden. „Es gab weniger persönliche Eitelkeiten und man hat mehr auf ein gemeinschaftliches Ziel hingearbeitet.“ Die Gesellschaft sei egoistischer geworden, das spüre man auch im Stadtrat. Was heute wie damals gelte: „Eine deutliche Führung sei wichtig.“ Kellerer habe gewusst, wie er als OB die Leute für seine Vorhaben gewinne.

31 Jahre sollten es eigentlich nicht werden. Als Neuhierl aber 2013 seinen Abschied plante, verließ Gabriele Fröhlich ein halbes Jahr vor der Wahl 2014 die Fraktion – und er trat nochmal für die Freien Wähler an. Doch nun zieht er einen Schlussstrich. Auch als Anwalt spielt er mit dem Gedanken, sich zur Ruhe zu setzen. Seine freie Zeit will er für E-Bike-Touren nutzen. Die lokale Politik werde er aber weiter verfolgen. „Und ich werde vielleicht auch mal nachmaulen.“

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