Die Apothekerinnen Elisabeth Pfister und Barbara Geyer in Gröbenzell unterstützen die Initiative. Foto: Peter Weber

Fürstenfeldbruck

Richtiger Umgang mit Antibiotika: Neue Ärzte-Initiative um Sensibilisierung bemüht

  • Ingrid Zeilinger
    VonIngrid Zeilinger
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Antibiotika sind „das“ Heilmittel bei bakteriellen Infekten. Doch es ist auch Keim eines Übels: denn immer mehr Bakterien werden resistent – das Medikament wirkt nicht mehr.

Fürstenfeldbruck Eine Antibiotika-Resistenz-Initiative will den Verbrauch auf das Nötigste beschränken. Mit Aufklärung, Leitlinien und einem Antibiotikapass.

Wer kennt das nicht: Trotz gurgeln, inhalieren, Schleim- und Hustenlöser geht die Erkältung nicht weg. Nach drei Wochen hat man die Nase gestrichen voll und geht erneut zum Arzt. Die Forderung endlich „was Gescheites“ zu bekommen, hört auch Dr. Rainer Jund immer wieder.

Antibiotika nicht immer nötig - es geht auch ohne „chemische Keule“

Viele Ärzte lassen sich weichklopfen und verschreiben Antibiotika, obwohl diese gar nicht helfen. Denn gerade Infekte der oberen Atemwege sind überwiegend von Viren verursacht – und gegen die kann das Antibiotikum nichts ausrichten. „Ich spreche mit den Patienten, zeige ihnen Befunde und messe zu Demonstrationszwecken die Entzündungsparameter“, erklärt der HNO-Arzt aus Puchheim. Immer häufiger komme die Einsicht, dass die chemische Keule vielleicht doch nicht nötig ist.

Genau dieses Bewusstsein bei Ärzten genauso wie bei Patienten will die Fürstenfeldbrucker Antibiotika-Resistenz-Initiative (Bari) schärfen. Der Zusammenschluss aus Klinikärzten, dem ärztlichen Kreisverband, niedergelassenen Medizinern, dem Gesundheitsamt und Apothekern hat sich zu Jahresbeginn am Klinikum gegründet, berichtet der ärztliche Direktor Dr. Florian Weis.

Leitlinien für die richtige Medikamentenverordnung - Ärzte begeistert

Im Klinikum gibt es seit vier Jahren eine Antibiotic Stewardship (ABS)-Initiative. Kollegen können sich bei komplizierten Infektionen an Weis und Schubert wenden, die bei der Behandlung unterstützen. Bei einem ABS-Treffen erfuhr sein Stellvertreter, Dr. Hermann Schubert, von einer Initiative von Kinderärzten, und war begeistert. „Es war eine attraktive Idee, das auch den niedergelassenen Ärzten anzubieten“, sagt Weis. Denn sie sollen für ein richtiges Verordnungsverhalten sensibilisiert werden – die Hauptstoßrichtung der Initiative.

Gemeinsam mit der Mikrobiologin Beatrice Grabein von der LMU München und den Fachärzten aus dem Landkreis wurden Leitlinien für die Therapie aller gängigen Infektionen zusammengestellt und auf der Internetseite www.bari-ffb.de veröffentlicht.

Antibiotika verbannen ist nicht das Ziel

So können die Mediziner rasch sehen, wann und welches Antibiotikum sie verabreichen sollen. „Wir haben Substanzen mit möglichst wenigen Nebenwirkungen ausgewählt, bei deren Gabe möglichst wenige Resistenzen entstehen“, erklärt Weis. Zudem gibt es den Hinweis, dass kürzere Therapiezyklen ausreichen, ohne einen Rückfall zu riskieren.

Eines ist den Aktiven wichtig: Es geht nicht darum, Antibiotika zu verbannen. „Dass wir die Medizin und Biologie nicht ändern können, ist uns klar“, sagt Dr. Rainer Jund. Vielmehr ist Aufklärung gefordert. Jund ist Referent der Landesärztekammer und hält Fortbildungen zu diesem Thema. „Wir möchten die Ärzte noch mal sensibilisieren, ihr Verordnungsverhalten zu überdenken.“

Neues Projekt: Antibiotikapass zur richtigen Verordnung

Das unterstützt auch der ärztliche Kreisverband. Erst in der vergangenen Woche wurde eine ABS-Fortbildung angeboten. „Wir hatten 80 bis 90 Teilnehmer, doppelt so viele wie sonst“, berichtet der Vorsitzende Dr. Werner Kainzinger. Derweil arbeitet Bari schon an den nächsten Projekten: Neben weiteren Leitlinien soll ein Antibiotikapass eingeführt werden.

Er wird nach der Fertigstellung von der Bayerischen Landesapothekerkammer an die rund 50 Apotheken im Landkreis verschickt. „Es ist ähnlich wie ein Impfpass“, erklärt Elisabeth Pfister von der Johannes-Apotheke in Gröbenzell. Sie und ihre Kollegen können dort Hinweise zur Einnahme eintragen, etwa, ob Milch oder Kaffee tabu sind. Zudem wird die Therapiedauer vermerkt und, ob man schon einmal eine Allergie gegen ein Antibiotikum hatte.

Weitere Sensibilisierung von Ärzten im Umgang mit Antibiotika 

Pfister und ihre Kollegin Barbara Geyer haben selbst eine ABS-Fortbildung absolviert. „Es ist wichtig, dass Ärzte und Apotheker zusammen arbeiten.“ Denn oft komme der Patient schon vor dem Arztbesuch in die Apotheke und frage nach Antibiotika. „Wir müssen ihn richtig beraten und erklären, dass banale Erkältungen meist durch Viren ausgelöst werden und Antibiotika dann gar nicht nötig sind“, sagt Pfister. Zudem halte sie Rücksprache mit dem Arzt, wenn es bei der Verordnung Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geben könne.

Ein einmaliges Projekt läuft auch mit der Kassenärztlichen Vereinigung, berichtet Dr. Weis. Diese soll quartalsweise allen niedergelassenen Ärzten mitteilen, welche Antibiotika sie verschrieben haben, und wie sie im Vergleich mit Berufskollegen liegen.

Podiumsdiskussion am Antibiotika-Tag am 18. November 

Um für das Thema weiter zu sensibilisieren, ist am Montag, 18. November, dem europäischen Antibiotika-Tag, eine Podiumsdiskussion mit Vertretern von Bari geplant. Beginn ist um 19 Uhr im Landratsamt (mit Infostand).

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