Ihr Keller ist ein einziges Lager für Sachspenden: Schlafsäcke, Kleidung und Thermoskannen sammelt Sabine Dindas in ihrem Keller, bevor sie sie an Obdachlose verteilt.  Foto: Weber
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Ihr Keller ist ein einziges Lager für Sachspenden: Schlafsäcke, Kleidung und Thermoskannen sammelt Sabine Dindas in ihrem Keller, bevor sie sie an Obdachlose verteilt.

Fürstenfeldbruck

Sie versorgt Obdachlose mit dem Nötigsten

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Wenn Schnee liegt und andere es sich nach Feierabend zuhause gemütlich machen, ist Sabine Dindas auf den Straßen unterwegs. Sie versorgt obdachlose Menschen mit dem Nötigsten – ehrenamtlich.

Fürstenfeldbruck – Sabine Dindas fuhr gerade mit der Rolltreppe hinab in eine Münchner U-Bahn-Station, als sie unten etwas quer über den Stufen liegen sah. Im Näherkommen erkannte sie, dass dort ein bewusstloser älterer Mann lag, sein Rücken bereits blutig von den vorbeischrammenden Stufen. Kein Mensch half dem verwahrlost aussehenden Verletzten.

Entsetzt alarmierte Sabine Dindas den Wachdienst und einen Krankenwagen. 16 oder 17 Jahre war sie damals alt. Heute ist sie 43, aber den Anblick der reglosen Gestalt und der vorüberhastenden Passanten hat sie bis heute nicht vergessen. „Jeder, aber wirklich jeder“ sei einfach über den Mann hinweg gestiegen. Weil er offensichtlich ein Obdachloser war.

Erlebnisse wie dieses haben die Bruckerin noch mehr sensibilisiert für das Schicksal von Menschen, die auf der Straße leben. Schon vorher hatte sie sie im Münchner Stadtbild wahrgenommen und manchmal angesprochen – weil sie sich ehrlich dafür interessierte, wie die Menschen in diese Situation gekommen waren. Meistens erzählten sie von Schicksalsschlägen, „die wirklich jeden treffen können“.

Kürzlich hat Sabine Dindas, die als Assistentin der Geschäftsleitung arbeitet und alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohnes ist, eine Hilfsaktion ins Leben gerufen. „Projekt Peter“ hat sie sie genannt, nach einem Onkel, der nach dem Scheitern seiner Ehe Alkoholiker wurde – eine ähnliche Abwärtsspirale, wie sie viele Obdachlose hinter sich haben.

Sabine Dindas’ Onkel landete nicht auf der Straße – er nahm sich das Leben. „Er war Lehrer, ein sehr guter Mensch und sehr sozial eingestellt“, erzählt die gebürtige Dortmunderin. Er wäre sicherlich stolz auf das Engagement seiner Nichte.

Warme Schlafsäcke

Alle zwei Wochen verteilt sie gemeinsam mit anderen Freiwilligen warme Schlafsäcke, Winterkleidung und andere Sachspenden an Obdachlose auf Münchens Straßen. Doch Menschen ohne Dach über dem Kopf gibt es auch in Bruck. Eines Tages war Sabine Dindas mit ihrem Sohn auf dem Spielplatz, als sie einen Mann in einem Abfalleimer wühlen sah. Wo andere sich peinlich berührt abwenden, tut die 43-Jährige das Gegenteil – so auch in diesem Fall. Sie bot dem Obdachlosen Hilfe an. Doch es dauerte drei Jahre, bis er Vertrauen fasste und wenigstens Decken und Essen von ihr annahm.

Irgendwann stellte sich heraus, dass es sich um einen ehemaligen Schulkameraden von Dindas’ Ex-Mann handelte – und dass er seinerzeit ein Einser-Abitur gemacht hatte. Heute ist er schwer depressiv. „Er bräuchte dringend psychologische Betreuung“, sagt Sabine Dindas. Eines Tages fand sie ihn im Rothschwaiger Forst, lila angelaufen und beinah starr vor Kälte. „Da habe ich ihn ins Auto gepackt und bin mit ihm zur Stadt gefahren.“ Sie half bei dem Papierkram und schaffte es, den Mann in einem Obdachlosenheim unterzubringen.

Die Bürokratie

Die Bürokratie stellt für viele Wohnungslose eine hohe Hürde dar. Wer mit psychischen Problemen auf der Straße landet, rafft sich nur schwer dazu auf, zum Sozialamt zu gehen. „Und dort wird er dann abgewiesen, weil irgendein Papier fehlt“, schimpft Sabine Dindas. Es macht sie wütend, wenn offensichtlich hilfsbedürftigen Menschen nicht geholfen wird, nur weil sie keinen Berechtigungsschein, kein Passfoto oder keine Kontoauszüge vorlegen können. Hier bräuchte es systematische Unterstützung, fordert Dindas. „Es fehlt vehement eine Schnittstelle zwischen Obdachlosen und Behörden.“

Noch wichtiger wäre in ihren Augen eine Vereinfachung beziehungsweise ein Abbau der Bürokratie. „Die Gesetze müssen sich ändern. Ich weiß, dass das ein hohes Ziel ist. Aber darauf will ich als kleines Licht hinarbeiten.“

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