Mit Headset und Computer kämpft Sabine Strecker gegen die Pandemie.
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Mit Headset und Computer kämpft Sabine Strecker gegen die Pandemie.

Fürstenfeldbruck

Dem Virus auf der Spur: So arbeiten die Corona-Detektive

  • Tobias Gehre
    vonTobias Gehre
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Das Telefon ist ihre Waffe. Seit Beginn der Corona-Pandemie kämpfen die Mitglieder des so genannten Contact-Tracing-Teams (CTT) im Landratsamt gegen die Ausbreitung der Infektionen. Die Corona-Detektive sind stolz auf ihre Arbeit, die aber manchmal auch unter die Haut geht.

Fürstenfeldbruck – Eine Frostbeule darf man nicht sein, wenn man dem Virus den Garaus machen will. Das Fenster in dem großen Büro auf der Westseite des Landratsamtes steht offen. Kühle Luft flutet den Raum, während die Leitungen glühen. Denn auch im Corona-Kontrollzentrum ist Lüften das Gebot der Stunde.

Seit Beginn der Pandemie sitzen die Kontakt-Nachverfolger mit Headset an ihren Computern und tun alles, um die Infektionsketten zu brechen. Erst waren es nur Mitarbeiter des Landratsamtes. Mittlerweile greifen auch Kripo-Beamte und Bundeswehr-Soldaten zum Hörer. Insgesamt sind es 60 Frauen und Männer.

Daten gehen ans Gesundheitsamt

In der Theorie ist es ganz einfach. Wird ein Mensch positiv auf das Virus getestet, gehen seine Daten zum Gesundheitsamt. Die Behörde schickt die Betroffenen dann in Quarantäne – und übermittelt ihre Daten an das Contact-Tracing-Team (CTT). Die Nachverfolger rufen bei den Infizierten an und lassen sich deren Kontaktpersonen nennen. Die bekommen dann ebenfalls einen Anruf – und werden je nach Art und Dauer des Kontakts in Quarantäne geschickt.

In der Praxis ist es dann oft nicht ganz so einfach. Das muss Andrea Linden jeden Tag aufs Neue feststellen. Die 49-Jährige ist eigentlich Pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Apotheke – und seit Anfang April im Team dabei. Wen sie anruft, dem steht in der Regel eine Ausnahmesituation bevor. Angst, Wut, Unsicherheit, Vernunft: „Wir erleben alle Arten von Emotionen“, sagt Linden. Empathie und Fingerspitzengefühl seien da unerlässlich.

Die Gefühlsausbrüche am anderen Ende der Leitung lassen die Corona-Detektive nicht kalt. „Es gab auch schon Beschimpfungen“, sagt Andrea Linden. Der ein oder andere bestreite auch die Testergebnisse – oder die Pandemie an sich. „Es ist aber nicht unsere Aufgabe, das zu diskutieren“, sagt die 49-Jährige. Zudem handle es sich um eine verschwindend kleine Minderheit unter den Angerufenen.

Jede Menge Fragen

Den Kampf am Telefon führt auch Sabine Strecker aus Herrsching. Im Leben vor Corona war die 51-Jährige Kommunikationsberaterin und Coach. Die Fähigkeiten aus ihrem eigentlichen Beruf kommen Strecker auch jetzt zugute. Denn die Menschen, die sie in Quarantäne schickt, haben jede Menge Fragen: Wer geht für mich einkaufend? Was ist mit meinem Hund? Darf ich auf den Balkon? „Ich versuche dann, gemeinsam mit den Betroffenen eine Lösung zu finden und sie ein bisschen zu coachen“, sagt Sabine Strecker. In den meisten Fällen finde man auch eine passende Lösung.

Beide Frauen sagen: Jeder Fall ist anders. Es gebe Infizierte, die überhaupt keine Kontakte hatten und solche, die über 100 Menschen nennen – etwa nach Hochzeiten oder Geburtstagensfeiern. Und dann ist da noch die Sache mit der Sprache. Immer wieder kommt es vor, dass ihr Gegenüber schlecht deutsch spricht. Doch im CTT werden viele Sprachen gesprochen – unter anderem türkisch, rumänisch, englisch oder polnisch.

Als äußerst bedrückend beschreiben beide Frauen das Gefühl, als die Kontaktverfolger im Herbst wegen der stark steigenden Zahlen nicht mehr hinterher gekommen sind. Um so erleichterter war das Duo als Verstärkung eintraf. Mittlerweile kann wieder jede Infektionskette nachverfolgt werden.

Und wie in jedem Job gibt es auch bei der coronabedingten Kontaktnachverfolgung schöne Momente. Für Andrea Linden uns Sabine Strecker sind das die Anrufe, in denen sie Menschen aus der Quarantäne entlassen können. „Die Freude und Dankbarkeit der Leute, wenn sie endlich wieder rausdürfen – das sind die schönsten Telefonate.“

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