Der Brucker Maler Guido Zingerl bei einer Demo vor 50 Jahren.

Erinnerungen an die Proteste vor 50 Jahren

So ticken Alt-68er heute

Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg oder die rigide Sexualmoral: 50 Jahre ist es jetzt her, dass die legendären „68er“ in Massen auf die Straßen gingen – unter ihnen viele Menschen, die noch heute im Landkreis leben. Doch nicht alle konnten sich mit der Bewegung identifizieren

Landkreis – Über die Geschichte mit seinem „Arschgesicht“, kann sich der Brucker Maler und Karikaturist Guido Zingerl noch heute kranklachen. Ein dicker Mann im Anzug ohne Hals – und dort, wo normalerweise Augen, Nase und Mund verortet sind, prangt ein ausladendes Hinterteil. „Der Strauß hat sich wohl wiedererkannt“, sagt Zingerl glucksend. Offenbar hat er das. Denn lange dauerte es nicht, bis die Polizei bei den Redakteuren klopfte, die Zingerls Karikatur 1968 in einer Studentenzeitschrift veröffentlicht hatten.

An jene wilden Zeiten erinnert sich der heute 85-Jährige gern zurück. Demos, Diskussionen, Partys: „Es war eine sehr intensive Zeit.“ Und natürlich eine höchst politisierte. „Man hat sich den Mund fusselig diskutiert“, sagt der Brucker Künstler, der damals noch in München lebte.

Mittendrin im wilden Studentenleben der späten 60er war auch Olchings früherer Bürgermeister Ewald Zachmann. „Ich war verblüfft, was damals in München abgegangen ist“, sagt der heute 72-Jährige. Als klassischen 68er sieht sich Zachmann aber nicht. Die Notwendigkeit von Reformen habe auch er erkannt – vor allem an den Universitäten, wo vieles verstaubt gewesen sei. Oftmals seien ihm die Ansichten seiner Kommilitonen aber zu extrem gewesen. Einen Berührungspunkt zum Extremismus hatte aber auch er: Zu Beginn seiner Uni-Zeit war sein Betreuer bei der Studienberatung ein gewisser Rolf Ludwig Pohle – der später als RAF-Terrorist verurteilt wurde.

Für die Ansichten, die später zur Gründung der Terrorgruppe führten, war auch Klaus Wollenberg nicht zu haben. Der heutige Brucker Stadtrat und Professor für Volkswirtschaft war gerade 17 Jahre alt, als sich große Teile der Jugend aufmachten, mit den verkrusteten Strukturen in der Republik aufzuräumen. Wollenberg kann sich noch gut erinnern: „In den Klassenzimmern hingen Plakate der politischen Parteien, ständig wurde diskutiert.“ Auch der spätere Kommunalpolitiker war fasziniert vom quirligen Umfeld. „Mein politisches Interesse wurde damals geweckt.“

Auch die vielen Diskussionen und das politisierte Umfeld in den Universitäten faszinierten den späteren FDP-Politiker. „Das gibt es heute leider fast gar nicht mehr.“

Debatten hatte auch die bekannte Germeringer Autorin Irmgard Langewiesche-Köhler (88) zu führen – allerdings mit ihrer Tochter, die das neu gegründete Max-Born-Gymnasium besuchte. Vor allem das Thema antiautoritäre Erziehung sei beim Nachwuchs damals auf fruchtbaren Boden gefallen. Als Mitglied im Elternbeirat hat die damals 38-Jährige auch die Ausein-andersetzungen unter den Lehrern mitbekommen. „Die alten und die jungen Lehrer hatten teilweise komplett unterschiedliche Ansichten.“

Die Sicht auf die Welt hat sich 1968 auch für Toni Drexler radikal verändert. Das Überdenken von Strukturen, neue kulturelle Einflüsse, die Obrigkeit in Frage stellen: „Ich habe die Veränderungen damals durchaus positiv gesehen“, sagt der 71-Jährige heutige Kreisheimatpfleger. Obwohl damals schon Beamter im Landratsamt, zieht es Toni Drexler in die Ferne.

1970 geht es auf große Fahrt. Mit einem Citroën 2 CV, besser bekannt als Ente, tuckern Drexler und zwei gleichgesinnten Kumpels durch halb Europa. „Für mich war es wie der Aufbruch in ein neues Leben.“

Tobias Gehre

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