+
Haben es derzeit doppelt schwer: Die Suchtbetreuer Monika Quessel und Aniko Vörös (v.l.). 

Fürstenfeldbruck

Sucht-Betreuung in schwierigen Zeiten

In der Corona-Krise ist der persönliche, enge Kontakt zu einem Tabu geworden. Für die Anlaufstelle für Suchtkranke im Brucker Norden bedeutet das weit mehr als eine Vorsichtsmaßnahme: Ihr wurdeeine der wichtigsten Grundlagen entzogen.

FürstenfeldbruckIn die Begegnungsstätte P6 Neo können Menschen mit Suchterkrankungen kommen – egal, ob sie Beratung suchen oder einfach nur eine Tasse Kaffee trinken wollen und jemanden zum Zuhören brauchen. Doch auch hier hat Corona vieles lahmgelegt. „Alles, was uns ausgemacht hat, fällt momentan weg“, sagt Einrichtungsleiterin Sara Fremmer. „Das Herzstück unserer Arbeit fehlt.“

Das Herzstück ist der persönliche Kontakt, die familiäre Atmosphäre, das gemeinsame Essen. Wer hierher kommt, braucht keinen Termin und kein konkretes Anliegen. Die Probleme der Besucher kommen oft erst mit der Zeit zur Sprache. Dann leistet das vierköpfige Team Hilfe bei der Suche nach einem Entgiftungsplatz oder einem Zimmer in einer therapeutischen WG oder etwa bei Behördengängen.

An einem normalen Tag kommen um die 20 Besucher, erzählt Fremmer. Es sind Drogenabhängige und Alkoholkranke, Männer wie Frauen, die jüngsten Mitte 30, die ältesten Anfang 60. Manche haben ein Dach über dem Kopf und einen Job, andere leben auf der Straße. Gerade um sie macht sich die Pädagogin Sorgen. Denn zu einigen ist der Kontakt abgerissen seit das P6 Neo zu Beginn der Corona-Krise schließen musste.

Zwar wurde sofort ein Telefondienst eingerichtet sowie eine Beratung per Email und Facebook. Doch nicht jeder aus der Zielgruppe hat ein Handy oder einen Computer. „Zu ihnen haben wir keine Verbindung.“ Fremmer befürchtet, dass sich bei vielen die Suchtprobleme in dieser Zeit verstärkt haben.

Kontakt aufrecht erhalten

Der Konsum ist riskanter, weil Corona sich auf den Drogenmarkt ausgewirkt hat und die Beschaffung schwieriger geworden ist. Wer seinen gewohnten Stoff nicht bekommt, greift womöglich zu anderen Rauschgiften und läuft Gefahr, eine Überdosis zu nehmen. Auch bei den Alkoholkranken weiß Fremmer nicht, wie sie die Coronazeit überstehen werden – psychisch und physisch.

Das Team setzt deshalb alles daran, wo immer es geht, den Kontakt aufrecht zu halten. Weil es die kostenlosen Mahlzeiten in der Begegnungsstätte derzeit nicht gibt, werden Lebensmittelgutscheine verteilt oder verschickt. Normalerweise ist das gemeinsame, familiäre Frühstück an der langen Tafel sehr beliebt bei den Besuchern, ebenso das Kochen und Mittagessen – und Bürohund Oskar, die zutrauliche französische Bulldogge, die sich in diesen Tagen wundert, warum so wenig los ist.

Termin vereinbaren

Inzwischen hat das P6 Neo eingeschränkt wieder geöffnet, seit Anfang Juni an vier Tagen die Woche (Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, jeweils 10 bis 15 Uhr). Doch einfach so vorbeikommen, wie früher, kann man nicht. Es muss ein Termin vereinbart werden, denn mehr als sechs Leute – davon zwei Mitarbeiter – dürfen wegen der Abstandsregeln nicht gleichzeitig im Raum sein.

Bei schönem Wetter könnte der Parkplatz vor dem Gebäude als Aufenthaltsbereich genutzt werden, auch wenn der Wunsch des Teams nach einer Biergarten-Garnitur und einem großen Sonnenschirm noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Jeder Besucher muss seinen Namen und seine Adresse hinterlassen – Bürokratie, wo früher keine war. „Aber die Leute verstehen es“, sagt Fremmer.

Suchtkranke gehören zur Hochrisikogruppe. Corona hat die Einrichtung zu einem Zeitpunkt getroffen, als das Angebot ausgeweitet werden sollte. Ab Mai hatte der Bezirk Oberbayern eine Aufstockung der Plätze genehmigt. Mit der Pädagogin Aniko Vörös war eine vierte Mitarbeiterin ins Team gekommen, es wurden Projekte und Ausflüge geplant. „Wir haben uns riesig gefreut“, so Fremmer. Nun ruhen die Pläne – bis zur Rückkehr der Normalität.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Blaulicht-Ticker für die Region FFB: Auto landet im Gröbenbach
Rund um die Uhr sind Polizei und Feuerwehr im Landkreis Fürstenfeldbruck einsatzbereit. Wohin sie unterwegs sind und warum, erfahren Sie im Blaulicht-Ticker.
Blaulicht-Ticker für die Region FFB: Auto landet im Gröbenbach
13-Jährige bei Unfall verletzt: Polizei sucht Motorradfahrer
Eine Schülerin (13) ist am Donnerstag in der Früh bei einem Unfall verletzt worden. Sie musste ins Krankenhaus.
13-Jährige bei Unfall verletzt: Polizei sucht Motorradfahrer
Politiker tüfteln an Corona-Hilfsprogramm
Stadträte möchten den Brucker Unternehmen in der Corona-Krise unter die Arme greifen. Ein Corona-Hilfsfonds und Bürgergutscheine sind im Gespräch. Die Idee ist gut, doch …
Politiker tüfteln an Corona-Hilfsprogramm
Neue Idee: Bienenhonig frisch vom Friedhof
Klimaschutz und Artenerhalt stehen hoch im Kurs. In Gröbenzell hat die SPD nun eine besondere Idee ins Spiel gebracht: Auf dem Friedhof sollen Lebensräume für Wildbienen …
Neue Idee: Bienenhonig frisch vom Friedhof

Kommentare