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Die dunkle Seite der Sunderburg

Geheimnisse, Mythen, Legenden, Rätsel und verborgene Orte im Landkreis Fürstenfeldbruck

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Verwunschene Steine, fast vergessene Erinnerungen und alte Geschichten: Auch im dichtbesiedelten und hochtechnisierten Landkreis Fürstenfeldbruck gibt es Mythen, Legenden, Rätsel  - und Orte, die Geheimnisse bergen. Oft verschwimmen die Grenzen zwischen Legende und Wirklichkeit. 

Die dunkle Seite der Sunderburg

Im Wald hinter der Sunderburg, ein gutes Wegstück entfernt, liegen die Blutsteine, die bis heute Rätsel aufgeben. Die Steine befinden sich in einer Mulde im Hochwald und sind so vor den Blicken von Spaziergängern verborgen. Einer der beiden Findlinge wirkt wie eine steinerne Liege. Den zweiten Stein durchziehen Furchen. Entdeckt um das Jahr 1880, brachte ein Schöngeisinger Lehrer bald das Gerücht auf, dass hier in grauer Vorzeit blutige Rituale stattgefunden haben müssen. Die Furchen an den Steinen wurden als „Blutrinnen“ definiert. Nie verifiziert und historisch unwahrscheinlich hielt sich doch der Glaube an eine Opferstätte.

Die Steine wurden daher zum Anziehungspunkt für Okkultisten oder Esoteriker. Im Jahr 2003 jedenfalls berichtete das Brucker Tagblatt davon, dass an den Steinen überkreuzte Hölzer mit schwer zu identifizierenden Zeichen darauf und Perlen davor zu finden sind. In einer Kuhle neben den „Keltensteinen“ fanden sich abgebrannte Teelichter und abgebrannte Hölzer. Einmal griff die Polizei dort draußen ein Pärchen auf, das Kräuter verbrannte und „wohl zu Satan betete“, wie ein Sprecher damals berichtete. Weiter erzählt wurde über gekreuzte Äste und Federn. Die frührere Bürgermeisterin des nahe liegenden Ortes Schöngeising berichtete von einem Fackelzug zum Wald, in dem die Steine liegen. Ein Experte glaubte, dass die Zeichen dem Wicca-Kult entstammen könnten. 

Die Blutsteine - eine historische Kultstätte? Wohl eher nicht. Dafür aber eine moderne.

Die Sunderburg übrigens war eine Turmhügelburg über der Amper. Besiedelt während der Bronzezeit wurde sie bis in Hochmittelalter genutzt. Der Sage nach soll sie eine Burg Graf Rassos gewesen sein. Die Burg ging schließlich mit Schätzen und Bewohnern unter. Einmal schob ein Bauer eine der Glasscherben ein, die dort häufig verstreut umher lagen, so wird erzählt. Zu Hause angekommen, war sie zu Gold geworden. Doch fand er keine mehr, als er ging, um noch mehr zu holen. Im Schlossbrunnen sollen zwei Wassereimer Gold liegen, die von Geistern, die noch nicht gebannt werden können, bewacht werden. Die Schätze sinken derweil immer mehr in die Tiefe.

Das Nazi-Boot von Wildenroth 

Mühlen haftet seit dem Mittelalter etwas Geheimnisvolles an. Die Mühle in Wildenroth, einem Ortsteil von Grafrath, aber hat ihren ganz eigenen Mythos. Er stammt aus der Neuzeit und hat einen sehr wahren Kern. In, beziehungsweise unter dem alten Gebäude an der Amper gingen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sonderbare Dinge vor sich.  

Im Ort kursieren viele Gerüchte über Größe und Technik eines dort getesteten, sagenumwobenen Unterseebootes. Über 30 Meter lang soll es gewesen sein, von einem revolutionären Antrieb ist die Rede. Eine der wildesten Fantasien berichtet sogar von einer Wunderwaffe: einem vom Radar nicht zu ortendem U-Boot, mit dem die Nazis doch noch den Endsieg erzwingen wollten.

„Jeder weiß etwas, aber es gibt kaum etwas Konkretes“, sagte die Grafrather Ortsarchivarin Christel Hiltmann dem Fürstenfeldrucker Tagblatt bei entsprechenden Recherchen im Jahr 2012. Einer der letzten Zeitzeugen ist kürzlich verstorben: Hiltmanns Vorgänger im Ortsarchiv, Thomas Stanglmaier. Er war in den 40er-Jahren als Elektrikerlehrling ab und zu in der Mühle. „Aber nicht einmal er wusste etwas Genaues“, sagt die Archivarin. 2012 aber wurde endlich zumindest klar, dass es die Versuchsstation tatsächlich gab.

An die schriftliche Bestätigung kam Hiltmann durch einen Zufall: „Ein Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamtes hat die Eingabepläne auf einem Dachboden gefunden.“ In großen roten Lettern prangt das Wort „Geheim“ auf den Unterlagen mit Hakenreuz-Stempel.

Die vergilbten Schriftstücke und Pläne stammen von der Deutschen Versuchsanstalt für Schiffsmaschinen in Danzig. Sie zeigen Schnittzeichnungen für ein Versuchsgerinne, heute würde man sagen Strömungskanal, in dem Versuche durchgeführt wurden.

In der Mühle, die jetzt in Privatbesitz ist, zeugen immer noch eine ganze Reihe verwinkelter Gänge und Kanäle von dem Gerinne. Bilder davon existieren in Hiltmanns Archiv. Und auch über das getestete U-Boot weiß man inzwischen Näheres. Es ist auf wundersame Weise mit dem Ende der „Tristan“, dem ehemaligen Dampfschiff König Ludwigs II., verquickt. Darüber berichtet der Inninger Heimatforscher Robert Volkmann in einem Essay.

Hiltmann hält seine Therorie für glaubwürdig: Im April 1945 rückten die Alliierten immer weiter vor. Damit die „Geheimwaffe“ nicht dem Feind in die Hände fällt, wurde von höherer Stelle der Befehl zur sofortigen Zerstörung gegeben. Auf der mittlerweile zum Arbeitskahn degradierten „Tristan“ wurden die Einzelteile auf den Ammersee gefahren und dort versenkt.

Holzhausen I und  II

Die Viereckschanze Holzhausen 1 gilt wegen ihrer Form und Ausprägung als Klassiker im bayerischen Raum. Sie liegt gut versteckt im Wald bei Holzhausen in der Gemeinde Alling. Kein Schild weist mehr den Weg zu ihr. Deutlich ausgeprägt sind die Wälle, die in einer großen Vierecksform angelegt sind. Auf den Wällen gehend kann man die frühere Burg umrunden. Unter Esoterikern gilt der Ort  als „voller Kraft, Mystik und Energie“. 

Die Keltenschanze Holzhausen I

Die Keltenschanzen wurden von Geschichtsforschern des 19. Jahrhunderts für römische Militärlager gehalten. Später wurden sie von der Archäologie zwar den Kelten zugeordnet – der Zweck blieb aber ungewiss. Wie immer in solchen Fällen gab man dem Unbekannten eine kultische Bedeutung. Heutiger Stand der Forschung: Die Keltenschanze bei Holzhausen war ein über die Hütten der anderen herausgehobenes Gehöft, vielleicht das des Häuptlings. Die sogenannten Opferschächte waren Brunnen. Dass hier freilich auch der religiöse Mittelpunkt, etwa ein hölzerner Tempel, war, ist deswegen nicht ausgeschlossen. 

Die Schanze Holzhausen II, die unweit von Holzhausen I im Wald liegt, gilt ebenfalls als sehr außergewöhnlich. Durch ihre Trapezform hebt sie sich klar von den meisten anderen Schanzen ab. Mitten durch die Schanze verläuft ein Weg. Im nördlichen Teil gibt es sehr deutliche Erhöhungen und ausgeprägte Ecken; der Innenraum ist plan mit dem Wall. Ein Schild erklärt die Anlage.

Rätsel um das vergessene Denkmal an der B2

Es ist drei Meter hoch, aus Tuffstein, steht direkt an der B 2 zwischen Bruck und Hoflach und steckt voller Rätsel: Das vergessene Denkmal an der Bundesstraße.  Immer wieder haben Heimatforscher versucht, das völlig verrostete Schild mit dem Zeichen oben drauf zu entziffern. Bisher vergeblich.

Die Tuffstele mit dem Schild. Die Inschrift ist nicht mehr lesbar.

Verstorbene Verwandte der Eigentümer des Grundstücks hatten erzählt, dass das Denkmal vielleicht von einem Straßenarbeiter gebaut wurde. Ein Onkel konnte den Vers auf der Tafel noch lesen, er handelte wohl von einem Wanderer.

Die Stele, deren Spitze einst ein Kreuz zierte, gibt es mindestens seit 1950. Ansonsten gibt es wenig Konkretes. Ältere Allinger meinen, dass die Tuff-Säule an ein Unglück mit einem Pferdefuhrwerk erinnert. Andere erzählen, dass es einmal einen Steinbruch in der Nähe gab. In dem wurde aber sicher kein Tuff abgebaut, der kommt in der Gegend nicht vor. Andere Informationen weisen nach Nebel. Den früheren Herren des dortigen Gutes habe Hoflach gehört. Franz-Josef Huber, in der Historiker-Szene wegen seines Faibles für frühere Wegeverbindungen auch „Altstraßen-Huber“ genannt, meint, das Denkmal könnte eine Art Kilometerstein einer alten Landstraße sein. Auf die öffentliche Agenda kam das Denkmal im Zuge der B2-Sanierung. 

Die Erdställe von Emmering und weitere unterirdische Gänge

Tief versteckt im Hügel bei Roggenstein liegt ein fast vergessenes Geheimnis aus grauer Vorzeit: Nicht mehr zugängliche unterirdische Gänge, so genannte Erdställe, durchziehen Teile der Emmeringer Leite in der Nähe der Georgs-Kapelle Roggenstein. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Emmeringer Erdställe sogar noch zugänglich, manche Emmeringer erzählten später, als Kinder noch darin gespielt zu haben. Später wurden die Zugänge verschüttet und gerieten in Vergessenheit. In der Zeitschrift „Der Landbote“ von 1828 heißt es, dass im Keller des Fohlenhofs ein Eingang liege. Die Gänge durchkreuzen den ganzen Berg. Der Maurermeister Wolf aus Fürstenfeldbruck wurde seinerseits beauftragt, genaue Daten zu erheben (siehe Skizze). Im Frühjahr 1964 lösten sich Sandmassen am Hügel, ein Zugang wurde sichtbar. Man gelangte in einen 4,60 Meter langen, 0,90 Meter breiten und etwa zwei Meter hohen Gang, der spitz zu lief, wie Henriette Niedermair in der Zeitschrift „Amperland“ schreibt. An beiden Seiten waren demnach Nischen. Zwei Zeichnungen im vorderen Teil der Höhle konnten nie entschlüsselt werden. Der Gang mündet in eine vertikale Röhre. Insgesamt war er zwölf Meter lang. Wer, wann und warum die Gänge gegraben hat, ist völlig unklar. Manche Forscher glauben, dass die Höhlen gegraben wurden, damit sich Menschen darin vor Feinden verbergen konnten. Andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass Einwanderer die Erdställe im frühen Mittelalter gruben, um den Seelen ihrer Angehörigen einen Raum zu geben. Weitere Forscher wiederum glauben, dass die Erdställe vor Christi Geburt entstanden. 

Eine Skizze des Emmeringer Erdstalls

Es gilt als schwierig bis unmöglich zu ermitteln, wann die Höhlen gegraben wurden. Denn sie sind leer, es gibt keine Funde daraus. Dass sie von Menschenhand entstanden, ist aber unstrittig.

In Oberbayern gibt es insgesamt rund 70 solcher rätselhafter Erdställe. Ebenfalls Gänge gegeben haben soll es im Brucker Engelsberg, genau wie in Rottbach und  in Überacker. Wirklich nachgewiesen ist ein Erdstall laut Niedermair in Untermalching  unter dem Malbauern. Beim Neubau eines Hauses wurde der Gang entdeckt. Ein angeblicher Gang vom Malbauern zur Kirche dagegen konnte nie nachgewiesen werden. Bei Zötzelhofen führt ein Erdstall in den alten Burghügel hinein. Auch bei Nannhofen gab es einen, der beim Bahnbau aber zerstört wurde. Bekannt sind Erdställe außerdem in Dünzelbach (Moserhof) und unterirdische Kammern in Schöngeising (Pfarrhaus). 

Die selige Edigna

Edigna war der Legende nach die Tochter des Königs von Frankreich. Sie gelobte ewige Jungfräulichkeit und floh vor ihrer Verheiratung nach Deutschland. Sie schlief auf einem Ochsenkarren, als plötzlich ihr Hahn krähte und ihre Glocke bimmelte. Ihr Fuhrmann verriet ihr, dass sie gerade die Linde bei Puch passiert hatten - für Edigna ein Zeichen Gottes. Sie lebte daraufhin 35 Jahre lang in der hohlen Linde, unterrichtete das Volk im christlichen Glauben und half den Menschen. Edigna soll am 26. Februar des Jahres 1109 gestorben sein. Ab diesem Tag floss heilendes Öl aus der Linde. Es versiegte aber, als man versucht hatte, das Öl gegen Geld zu verkaufen. 

Bei Renovierungsarbeiten fand man 1978 ein leeres Grab an der Kirche St. Sebastian neben der Linde . Dieses wird seither Edigna zugeschrieben. Wenn die geschichtlichen Annahmen richtig sind, wäre Edigna die Tochter Heinrich I. von Frankreich und seiner Frau Anna von Kiew - ein Umstand, der bis heute zu Verbindungen zwischen Puch und der Ukraine führt. 

An der großen Linde, die mitten auf dem Friedhof steht, weist ein Schild auf Edigna hin. Fresken in der Kirche zeigen das Leben und Wirken der Seligen. Abt Liebhard Kellerer hatte die Bilder in Auftrag gegeben. Sein Wappen und das des Klosterrichters sind ebenfalls zwischen Mittelschiff und Altarraum an der Decke verewigt. Die Botschaft: die wechselseitige Liebe zwischen Gott und der menschlichen Seele, das Beten in Stille und das Loslassen von weltlichen Gütern – alles verkörpert durch Edigna.  

Erstmals erwähnt ist die Pucher Kirche im 8. Jahrhundert. Damals schenkte der Edle Gotahem von Pohhe das Haus und den Grund dem Hochstift Freising. Bei einer Renovierung wurden noch Reste des Baumaterials Nagelfluh und Ziegel gefunden. Die Kirche, die ursprünglich dem Heiligen Michael gewidmet war, wurde in der Gründungsurkunde von Kloster Fürstenfeld neben St. Willibald aus Jesenwang als Filialkiche genannt. Bis 1803 gehörte Puch zur Pfarrei St. Willibald. Nach der Säkularisierung pfarrte sie Max I. Joseph nach St. Magdalena um. Im 18. Jahrhundert änderte sich der Patron: Aus St. Michael wurde St. Sebastian. Warum, bleibt ein Geheimnis. Quellen gibt es keine. Warum die Kirche nicht nach Edigna benannt ist, hat einen einfachen Grund: Sie ist selig, nicht aber heilig gesprochen.

Der Heilige Rasso

Rasso war ein Graf im frühen Mittelalter. Seine genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Er wurde schon früh als Heiliger verehrt. Schon im Mittelalter kamen viele Pilger zu seinem Grab.

Der Überlieferung nach war Rasso ein Sohn des Grafen von Rathold Dießen-Andechs; seine Mutter soll vor ihrem grausamen Gemahl geflohen sein und brachte Rasso auf freiem Feld nördlich von Untermühlhausen zur Welt. Rasso soll ungeheuer groß gewesen sein (2,50 Meter) und wehrte als Feldherr Angriffe der Ungarn im Innviertel ab. Die späteren Grafen von Dießen und Andechs beriefen sich auf Rasso als Ahnherrn. Nach der ältesten Andechser Überlieferung stammte er aus Frankreich.

Die Tradition berichtet, dass er nach den Ungarnkriegen im Jahre 951 im heutigen Grafrath (damals „Wörth“) ein Kloster gründete, das aber schon 955 von den Ungarn zerstört worden sein soll, was historisch nicht belegt ist. Rasso soll sich danach auf Pilgerfahrt ins Heilige Land begeben haben. Vor dort brachte er Reliquien - darunter Partikel des Kreuzes Christi und seiner Dornenkrone - mit und legte damit den Grundstock für den berühmten Heiligen Schatz in Andechs . Er soll 952 selbst als Laienbruder in sein Kloster eingetreten sein.  Als die heutige Barockkirche (1688 bis 1695) gebaut wurde, legte man die Grabplatte Rassos auf den Boden. Die Gebeine, die Rasso zugeschrieben werden, ruhen in einem Glasschrein am Hochaltar.  In Fürstenfeldbruck ist ein Gymnasium nach ihm benannt.

Die heutige Rassokirche ist ein Werk des Baumeisters Michael Thumb. Errichtet wurde das Gotteshaus über dem Grab des Stifters, des Grafen Rasso. Der Name, den heute ein jeder Grafrather kennt, ist – wie viele nicht wissen – nicht einheitlich überliefert. Als Rasso tauchte er nur in den lateinischen Schriften der Dießener Ortschronik auf. In Wunderberichten, Liedern und Gebeten wurde er bis ins 19. Jahrhundert nur Graf Rath oder Gráfrath genannt. 

Bis zu 100 000 Wallfahrer pro Jahr suchten früher Hilfe beim Heiligen Rasso. Viele kamen wegen Unterleibsleiden. Noch heute sind in der Kirche Harnsteine als Votivgaben erhalten. Bruchbänder, Krücken, Knochenstücke, Votivtafeln, Zähne und Harnsteine in allen Größen und Formen: Früher waren die Wände der Wallfahrtskirche St. Rasso über und über mit den wunderlichsten Gegenständen behängt. Unzählige Pilger hatten sie aus Dankbarkeit für eine Heilung dem Heiligen Rasso gebracht. Der Großteil wurde im Zuge der Säkularisation 1803 entfernt. Im Jahr 1857 wurde der Kirchenraum ganz von den Gaben befreit. „Die Leute ekelten sich vor der Sammlung“, sagt der Grafrather Historiker Ernst Meßmer. Übrig geblieben sind vor allem Votivtafeln aus der Zeit nach 1800, aber auch viele in Silber gefasste Blasen-, Gallen- und Nierensteine. Sie sind nicht mehr öffentlich zu sehen, sondern werden an den Wänden der Empore aufbewahrt. „Es ist nur ein kleiner Restbestand der Massen an Votivgaben“, sagt Meßmer.  „Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, was da an geballtem Leid erscheint“, sagt Meßmer. „Heutzutage ist diese Krankheit ja gut behandelbar.“ Ein Starnberger Arzt hat Harnsteine im Jahr 2012 mit moderner Medizintechnik untersucht.  

Für die Untersuchungder aufbewahrten Stücke entnahmen der Professor und seine Mitarbeiter stecknadel große Proben. Im Labor des Krankenhauses Großhadern wurden sie zu hauchdünnen Plättchen gepresst und durchleuchtet. So ließ sich die Zusammensetzung ermitteln. Es stellte sich heraus, dass eine Komponente enthalten war, die heutzutage bei Steinleiden nicht mehr vorkommt. „Sie war früher in armen ländlichen Gegenden häufig und ist heute noch etwa bei der armen Bevölkerung in Thailand feststellbar“, sagte der Arzt. Der Arzt geht davon aus, dass die Harnsteine durch Mangelernährung entstanden sind. Im ganzen weiteren Umkreis des Wallfahrtsortes traten Blasensteine durch Eiweiß- und Flüssigkeitsmangel über lange Zeit gehäuft auf. Der Vergleich mit Thailand lege nahe, dass die Ursachen in der frühkindlichen Ernährung lagen. Babys in der armen Landbevölkerung in Thailand bekämen wenig Muttermilch, dafür eine Zusatznahrung aus Reis und Bananenbrei. 

Früher sei es auch hier bei Bauern üblich gewesen, statt Stillen den Säuglingen Mehlbrei zu füttern.  Überraschend fand der Arzt dass die alten Steine mit heutigen aus Entwicklungsländern Ähnlichkeit haben.  Die Heilungen, die Rasso zugeschrieben werden, wurden in den Mirakelbüchern aufgezeichnet. Einige davon sind bis heute erhalten. In ihnen drehen sich 900 Einträge um urologische Leiden, in 70 Prozent der Fälle waren Kinder betroffen. Warum Rasso für Unterleibsleiden zuständig ist, weiß man übrigens nicht. Ernst Meßmer vermutet, dass das noch aus der Vor-Rasso-Zeit stammt. „In seiner Lebensbeschreibung weist nichts darauf hin. Und er selbst ist nicht an so einer Krankheit gestorben.“ Vielleicht habe Graf Rath seine Kirche an einer Stelle gebaut, der schon zuvor heilsame Kräfte zugeschrieben wurden.

Bericht über die Mirakelbücher: Als sich Jörg Berentzl im Jahr 1518 aus Schwaz bei Innsbruck nach Grafrath aufmachte, plagten ihn schreckliche Schmerzen. Der „reißende Stein“, also Harnsteine, machten ihm das Leben zur Höhe. Heilung, so wurde ihm geraten, könne er nur in dem oberbayerischen Wallfahrtsort finden, beim Heiligen Rasso. Und tatsächlich: Nach einigen Gebeten und nachdem er der Kirche ein Pfund Wachs gespendet hatte, ging der Stein ab, und Berentzl war die quälenden Schmerzen los: Ein miraculum, ein Wunder war gesehen. Festgehalten wurde diese Geschichte in einem der Bände, die den Klangvollen Namen Mirakelbücher tragen. Über 10 000 Eintragungen, in denen die Wunder des Heiligen Rasso beschrieben sind, verraten, was Grafrath zum Wallfahrtsort gemacht hat: Heilungen aller Art. Der Fall Berentzl mag zu der Ansicht beigetragen haben, dass Rasso sozusagen ein urologischer Heiliger war. Auch in den Mirakelbüchern anderer Wallfahrtsorte werden häufig Steinleiden erwähnt. Deutlich wird damit: Die Bücher sind nicht nur von großem religionshistorischem Wert, sondern erzählen auch von den medizinischen Problemen ihrer Entstehungszeit. Ihrem Ursprung nach dienten sie der „statistischen Erfassung des Mirakelgeschehens am Ort“, wie es in dem Heft heißt, das Josef Gulden, Gisela Schönbuchner und Bernd Steidl anlässlich des 1050. Todestags des heiligen Rasso herausgegeben haben. Heute sind sie mehr als das: Sie berichten von der Lebensweise unserer Vorfahren und ihrem Wallfahrtstourismus. Menschen aus ganz Oberbayern und Schwaben kamen auf der Suche nach Hilfe nach Grafrath. 

Als sicher gilt, dass es mehr als die drei erhaltenen Bücher gab. In den Wirren des 30-jährigen Krieges und der Säkularisation aber gingen sie verloren. Die erhaltenen Bände umfassen die Zeiträume von 1444 bis 1591, v0n 1639 bis 1691 und von 1692 bis 1728. Sie sind größten teils in Deutsch verfasst. Niedergeschrieben wurden die Berichte vor allem von professionellen Schreibern, zum Teil griffen aber auch die Geheilten selbst zur Feder - wie Berentzl. Die Wundergläubigen wurden sogar dazu aufgefordert, ihre Erlebnisse schriftlich zu fixieren. Ansonsten, so hieß es, könne die Krankheit schnell wieder zurückkehren. 

Zur Heilung gehörte auch eine Gegenleistung: Belegt sind Sach- oder Geldspenden und die Stiftung von Votivtafeln. Interessant ist auch die Machart der Bücher: Band I und III sind sehr massiv mit zwei Holzdeckeln gebunden, die von hellem Leder überzogen sind. Band II hingegen ist etwas einfacher mit Kartondeckeln ausgestattet. Berentzl freilich dürfte das angesichts seiner Gesundung gleichgültig gewesen sein. Voller Erleichterung schrieb er: „Ich bin von Stund an schmerzfrei und gesund geworden, als wäre ich nie krank gewesen. Gott sei gelobt und Maria und der liebe Sankt Grafrath.“ 

Die (fast) vergessene Reliquie von Oberschweinbach

Bei der Renovierung der Kajetankapelle im Klosterhof Spielberg bei Oberschweinbach gelang im Jahre 2008 ein historisch interessanter Fund. In einem Seitenaltar war eine längst vergessene Reliquie aus dem Jahr 1707 eingebaut.  „Für uns ist diese Reliquie von großer Bedeutung. Sie zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte damals Hans Hartl als Vorsitzender des Fördervereins Klosterhof Spielberg und damit einer der Freiwilligen, die Teile der Renovierungsarbeiten in der historisch bedeutsamen Kapelle selbst erledigen. Hartl hatte  alten Putz vom linken Seitenaltar entfernt, da bemerkte er „komische Steinfugen aus anderem Mörtel“. Ein Stein hatte eine Griffmulde – und dahinter war die Reliquie mehrere Jahrhunderte lang verborgen gewesen. Sie ist ungefähr so groß wie eine Zündholzschachtel, ist aus Metall, trägt das Wappen des damaligen Fürstbischofs Eckher und die Aufschrift „1707“. Von welchem Heiligen die Reliquie stammen, blieb unklar. „Geöffnet wird das Kästchen nicht.“ Mit seinem Fund im Seitenaltar gab sich Hans Hartl, der vor Jahren als Ministrant in der Kapelle diente, nicht zufrieden. Er machte sich im Hauptaltar auf die Suche und entdeckte wiederum sterbliche Überreste von Heiligen. Diesmal sogar mit einem Schriftstück aus dem Jahr 1745, das in lateinischer Sprache die Heiligen Aquila, Modestus und Hubertus nennt. Hartl erinnert sich, dass in den 80er-Jahren der zweite Seitenaltar renoviert wurde. „Damals wurde auch was gefunden und wohl den Klosterschwestern übergeben.“

Dass im Hauptaltar eine Reliquie liegt, ist nicht ungewöhnlich. Der Fund im Seitenaltar allerdings erzählt eine Geschichte aus der Historie der Kapelle, wie Roland Götz, Kirchenhistoriker im Archiv des erzbischöflichen Ordinariats, nach Recherchen in alten Aufzeichnungen herausfand: Bei einer Visitation im Jahr 1706 stellte das Bistum fest, dass in der Spielberger Kapelle zwar der Hauptaltar geweiht und mit Reliquien versehen war, nicht aber die Seitenaltäre. Nur ein Jahr später, am 1. Oktober 1707, reiste der Fürstbischof deshalb höchstpersönlich nach Spielberg. „Eckhers großes Anliegen war die Weihe möglichst vieler Altäre. Es ist eindrucksvoll, wie weit dieser  Mensch umhergefahren ist“, sagt Götz. Zuvor war bei Kirchenbauten auch aus Kostengründen manchmal auf die Weihe verzichtet worden. „Den Besuch eines Bischofs zu finanzieren, war angesichts der schweren Reisebedingungen damals keine ganz billige Sache.“ 

Die vergessene Türe der Mönche von Fürstenfeld

Bei der Renovierung in der Polizeifachhochschule im Jahr 2011 tauchte ein vergessenes Stück der Klostergeschichte Fürstenfeld auf: eine alte Treppe, die vom Schlaftrakt der Mönche zur Kirche führt. 

Viele Jahre war die hölzerne Türe im Mittelbau des Osttraktes des Kloster-Altbaus verschlossen. „Bis vor vier Wochen war uns nicht bekannt, dass dahinter etwas liegt“, sagte damals Jürgen Roese als Verwaltungschef der Polizeifachhochschule. „Ich dachte immer, wir wären schon in der Kirche.“ Denn im oberen Geschoss verdeckte der Betonboden die Stufen. Erst jetzt entdeckte er, dass sich hinter der Tür eine Treppe verbirgt. Der untere Teil wurde schon einmal hergerichtet, aus den oberen Stufen sind ganze Stücke herausgebrochen. Die Dormitoriumsstiege gehört zu jedem Zisterzienserkloster. Sie verbindet den Schlaftrakt der Mönche, das Dormitorium, mit der Kirche. Der Grund: Die Mönche gingen oft zum Gebet, auch nachts. „Das Dormitorium liegt immer im ersten Stock im rechten Winkel zur Kirche“, erklärte damals Brucks Kulturreferentin Birgitta Klemenz, die Fürstenfelds Geschichte erforscht. Folglich muss es auch eine Verbindung zur gegenüberliegenden Eingangstür der Nord- Sakristei geben. Die war jedoch durch den eingezogenen Boden unterbrochen. „Ich wusste, dass hinter der Tür eine Treppe war, die ins Nichts führte“, sagt Klemenz. Doch sie blieb im Verborgenen. Denn die Verbindung zwischen Kirche und der Polizeifachhochschule wurde irgendwann einmal zugemauert. Über dem Gewölbe im Erdgeschoss haben Handwerker in den 60er-Jahren einen Stahlträger eingezogen. Im Rahmen der Sanierung  rissen sie ihn jetzt wieder heraus. Das alte Gewölbe, teils aus Ziegeln, teils aus Holz, kam wieder zum Vorschein. „Es wäre schön, wenn man einen Teil mit einem Glasboden versehen könnte“, träumte Roese. „Dann könnte man sehen, wie früher ein Gewölbe gebaut wurde.“

Die verschwundene Pestkapelle von Nebel

Während des 30-jährigen Kriegs wurde in Nebel bei Germering eine Pestkapelle errichtet. Das kleine Gotteshaus ist heute völlig verschwunden. An seinem Standort mitten im Feld zwischen Nebel und Germering steht heute ein Pumpenhäuschen für die städtische Wasserversorgung. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Hexenbaum. Ob der volkstümliche Name des Baumes mit der Pestkapelle zu tun hatte, ist nicht mehr bekannt. Während der Aufklärung entwickelte sich ein neuer Zeitgeist. Ihm fielen viele kleine Heiligtümer zum Opfer. „Aus Unvernunft vernichtete man damals viele unersetzliche historische Werte“, schrieb der verstorbene Germeringer Heimatforscher Hans Doll. Er beruft sich auf eine Regierungsverordnung von 1803: „Da alle die an den Straßen stehenden Kapellen, Martersäulen und Bildstöcke usw. als dem guten Geschmack abziehend, so sollen selbe hinweggeräumt werden.“ Bei Verweigerung mussten die Dorfführer mit strengen Strafen rechnen. Ein „Opfer“ dieser neuen Epoche wurde wohl auch die Pestkapelle in Nebel. Wer genau diese Kapelle erbaute und wann, ist ein bislang nicht gelöstes Rätsel. Ebensowenig bekannt ist, wo die Pest-Toten ihre letzte Ruhe fanden. Vermutungen zufolge wurden sie zunächst beim ehemaligen Gutshof Nebel und dann letztendlich am Fuße des Parsberges beigesetzt. Nur noch ein Flurname erinnert an die Kapelle. In den Katasterblättern bis zur Flurbereinigung 1954 wurden die Grundstücke rund um das Pumpenhaus als Kapellenäcker bezeichnet.

Die Burg im Purxlwald

Wenig bekannt ist von der mittelalterlichen Burg direkt auf dem „Purxl“in Purk bei Moorenweis.  Graben und Wall sind rekonstruierbar, was innerhalb der Umfriedung stand, weiß man nicht. Die Quellen sind spärlich und undeutlich. Möglicherweise diente die Anlage vor allem als „Fliehburg“, als Zuflucht während der Ungarn- Einfälle des 10. Jahrhunderts. Lange galt der Burgstall im Volksmund als Römerschanze – wie so viele in Vergessenheit geratene künstliche Anlagen der Vergangenheit. Allerdings verweisen Funde darauf, dass das Areal schon wesentlich früher besiedelt war, wie aus dem Buch „Landkreis Fürstenfeldbruck - Archäologie zwischen Ammersee und Dachauer Moos“ hervorgeht. Demnach gibt es Keramikfunde aus dem Neolithikum und der Bronzezeit. Eine Lanzenspitze dürfte aus der Zeit der Kelten stammen. Außerdem wurden Münzen aus der Zeit um die 137 bis 171 n.Chr. entdeckt. Teile davon sind im Stadtmuseum Fürstenfeldbruck zu sehen. Später fanden im Purxlwald legendäre Partys statt. Auch diese aber sind heute Geschichte.  

Insgesamt gibt es im Landkreis mehrere Standorte, an denen einst Burgen standen. Über 50 historische Objekte haben die Mitglieder des historischen Vereins in dem Band „Schlösser, Burgen und Burgställe im Landkreis“ dokumentiert. Die elf Autoren haben Bekanntes, Unbekanntes und auch einiges Spekulatives zusammengetragen. Denn gar nicht so selten gab es kaum mehr etwas oder gar nichts mehr zu dokumentieren. Den Hobby-Archäologen vom Arbeitskreis Mittelalter fiel auf, dass zahlreiche, früher noch detailliert beschriebene Relikte heute verschwunden sind. So die mutmaßliche Wasserburg unterhalb Aufkirchens (Gemeinde Egenhofen), an deren Standort laut Kirchenchronik ein Pfarrer noch Mauerwerk und ein Skelett gefunden haben soll. Heute sieht man nur noch einen flachen Hügel, der – das zeigen alte Karten – ehemals auf zwei Seiten vom Aubach umflossen wurde. Oder die „Haldenburg“ von Mammendorf, von der noch 1790 Ruinen gestanden haben sollen. Heute erkennt man noch Begrenzungswälle auf zwei Seiten. Greifbarer ist noch die Burg Geggenpoint (Bruck), die vom Historischen Verein bereits einmal vermessen wurde. Aber auch hier zeigt Apians „Landtafel“ von 1563 noch Turm und Wohngebäude. Auf unsicherem historischen Terrain steht beispielsweise auch die mögliche „Warte“ über der Brucker Zellhofstraße, die als Wachstation an der Amper gedient haben könnte. Außer Spuren von Erdaufschüttungen hat freilich nichts mehr Bestand. Auch der Burgstall in Englertshofen (Egenhofen), dort wo heute die Kirche steht, ist historisch nicht gesichert. Sehr wahrscheinlich handelt es sich aber um eine schon ältere künstliche Aufschüttung. Einen vergleichbaren Fall gibt es in Althegnenberg. 

Die untergegangene „Neue Veste“ Nannhofen.

Viele der Burgen im Brucker Kreis bestanden aus Holz. Sie konnten die Zeit daher gar nicht überdauern. Übrig blieben jedoch manchmal steinerne Kapellen, wie etwa bei Roggenstein. Nicht aber nur der Zahn der Zeit nagte an den Überresten der ehemaligen Herrensitze. Einige wurden überbaut (Nannhofen, Rottenfuß bei Egenhofen), andere mussten dem Bahnbau (Engelsburg) oder dem Kiesabbau (Alling) weichen oder wurden zum Friedhof (Dünzelbach). Auch durch Orkane und die angelegten Schotterwege zur Holzabfuhr wurden mancherorts (Burgholz bei Türkenfeld) Böden zerwühlt und Wall-Reste zerstört. Die Burgen in der Region, obwohl auch im Hochmittelalter entstanden, hatten wenig gemein mit den gewaltigen Anlagen an Rhein oder Saale. In der Regel waren es mehrgeschossige Holzhäuser, umgeben von Palisaden, Wällen und Gräben. Die wenigen größeren Befestigungen (Parsberg oder Engelsburg) lagen in der Nähe von wichtigen Straßen. Spätestens mit dem Aufstieg des Klosters Fürstenfeld verlor auch der örtliche Adel an Bedeutung. Dort, wo er blieb, wurden mit der beginnenden Neuzeit aus den alten Burgen repräsentative Schlösser – und die sind teils bis heute gut erhalten. Sowohl die in Privatbesitz (Esting, Geiselbullach, Holzkirchen, Weyhern) als auch jene, die inzwischen eine öffentliche Funktion haben. Als Schule (Grunertshofen) oder als Rathaus (Spielberg, Türkenfeld). 

Die Bauern mit dem Schlafmohn

Spuren der so genannten „Münchshöfener Kultur“ kamen einst nahe Moorenweis ans Tageslicht. Diese Einwanderer aus dem unteren Donauraum waren am Ende der Jungsteinzeit (4200 bis 3800 vor Christus) die ersten Bauern im Gebiet des heutigen Landkreises. Aus ihren Händen stammt beispielsweise bunte, extravagante Keramik. Die Münchshöfener hatten andere Häuser und andere Bestattungsriten als jede Kultur vor und nach ihnen. Und andere Genussmittel: Moderne Pollen-Analysen zeigten den Anbau von Schlafmohn. „Mohnsemmeln haben sie daraus bestimmt nicht gemacht“, vermutete Kreisheimatpfleger Toni Drexler im September 2008 gegenüber dem Tagblatt.

Die Steinkreuze von Unterschweinbach

Letztlich unklar bleibt die Bedeutung der Steinkreuze von Unterschweinbach. Einstmals gab es drei davon, eines jedoch gilt als verschollen. Die beiden verbliebenen stehen heute am Maibaum respektive am Ortseingang an der Alpenstraße. Sie bestehen aus grauem Sandstein. Auf den Kreuzen gibt es keine Inschriften, kein Datum. Ihre Herkunft dürfte bis ins Spätmittelalter zurück reichen, wie auch aus der Denkmalliste hervorgeht. 

Steinkreuz bei Unterschweinbach

Um die Kreuze rankt sich eine schauerlichschöne Anekdote, nachzulesen in der Gemeindechronik. So sollen vor Jahrhunderten auf Schloss Spielberg die Brüder Siegfried, Otto und Karlmann aus adligem Geschlecht das Umland regiert haben. Auf der Glonnburg im nahe gelegenen Weyhern lebte das reizende Burgfräulein Berta, auf das Karlmann ein Auge geworfen hatte. Aber auch Siegfried hatte Feuer gefangen, wurde jedoch nicht erhört. Deswegen lauerte er Berta auf, um sie zu entführen. Karlmann hörte Bertas Hilferufe, jagte auf seinem Rappen hinterher und holte sie ein. Rasend vor Eifersucht stürzte er sich auf seinen Bruder, es entbrannte ein Kampf auf Leben und Tod. Karlmann stürzte tödlich verwundet vom Pferd. Siegfried schaffte es noch bis zum Dorfplatz in Unterschweinbach, dann sank er leblos zu Boden. Als Otto die schreckliche Kunde erfuhr, fiel auch er tot vom Pferd. Gemeinsam wurden die Brüder in Spielberg zu Grabe getragen. Zur Erinnerung an diese Tragödie ließen die Untertanen drei steinerne Kreuze errichten. Eines Morgens habe man Berta tot vor dem Steinkreuz gefunden, das zu Ehren ihres geliebten Karlmann errichtet worden war, sagt die Sage. 

Erklärungsversuch: Wie Clemens Böhme in der Zeitschrift Amperland schreibt, gilt es als wahrscheinlich, dass es sich um so genannte Sühnekreuze handelt. Im Mittelalter sei es gebräuchlich gewesen, dass Morde nicht nur weltlich, sondern auch kirchlich gesühnt wurden. Die Todesstrafe war nicht die unausweichliche Folge eines Kapitalverbrechens, es herrschte vielmehr die Meinung, dass mit dem Tod des Ermordeten schon genug Unheil geschehen sei. Dem Täter wurde nicht selten auferlegt, die Hinterbliebenen des Opfers wirtschaftlich zu versorgen. Außerdem musste eben ein Sühnekreuz errichtet werden. Manche Kreuze, so berichtet es Böhme, könnten aber auch zum Gedächtnis an ein Unheil oder zum Andenken einer im Kriege ums Leben gekommenen Person handeln. Das Steinkreuz, das nun an der Ecke Haupt- und Alpenstraße steht, ist übrigens im Jahr 2009 renoviert worden, wie das Fürstenfeldbrucker Tagblatt damals berichtete. Ein Autofahrer hatte das Denkmal gerammt, das dadurch in drei Teile zerbrach. Ein Steinmetz behob den Schaden. Ein Sühnekreuz, ganz ähnlich wie die in Unterschweinbach, gibt es auch in Olching. Es steht neben der Kirche am Hauptplatz.

Der Pestsegen auf dem Dachboden des Jexhof-Wohnhauses

Zeuge eines späten Aberglaubens ist das Kreuzamulett vom Dachboden am Bauernhofmuseum Jexhof bei Schöngeising. An einem Dachbalken im Wohnhaus des Museums war ein eigenartiger Zettel mit rätselhafter Inschrift entdeckt worden. Sie ist in Tinte verfasst und stellt ein Kreuz dar. Auf dem senkrechten Balken steht die Buchstaben XZXDIAXBIBXZX. Auf dem waagrechten Balken stehen die Buchstaben GFXIBFRS. Jedes Zeichen steht für einen Vers, wobei das X als verunstaltetes Kreuz gilt. Das Papier war stark beschädigt, als es entdeckt wurde. Die Buchstaben waren aber gut erkennbar beziehungsweise nachvollziehbar, wie Stefan Siemons in der Zeitschrift Amperland schildert. Er hatte den Zettel als Praktikant am Jexhof gefunden. Wie er herausfand, handelt es sich bei der Buchstabenfolge um den so genannten Zachariassegen, der gegen die Pest schützen soll. Wie und warum das Papier auf den Dachboden am Jexhof kam, ist unklar. Warum sollte ein Pestsegen am Dach befestigt werden? 

Siemons vermutet, dass der Bauer oder Zimmermann, der den Zettel anbrachte, dessen wahre Bedeutung nicht kannte, die Inschrift aber als allgemein schützend (vielleicht gegen Unwetter, Gewitter?) betrachtete. So gab es vor allem im 17. Jahrhundert den so genannten Benediktussegen, der auch als deutsche Zutat zum Zachariassegen bezeichnet wurde. Siemons stellt auch die These auf, dass der Balken mit dem Zettel aus einem anderen Bauwerk stammt, sprich dass der gesegnete Balken einfach wieder verwertet wurde. Dem tritt allerdings der frühere Kreisheimatpfleger Alexander Zeh in einer Zuschrift ans Amperland entgegen. Er geht nach umfangreichen Untersuchungen davon aus, dass das Holz für den Jexhof – das Wohnhaus wurde wohl in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet – neu geschlagen wurde. So drängt sich tatsächlich die oben genannte Theorie auf: Der Pestsegen wurde als Wetterschutz missverstanden und landete daher auf dem Dachboden. In seiner Zuschrift bedankt sich der mittlerweile verstorbene Alexander Zeh übrigens ausdrücklich bei Siemons. Er kannte den Zettel schon vorher, wie aus dem Schreiben hervorgeht, daher habe er den Beitrag mit großer Freude gelesen. „War es doch mir und meinen Mitarbeitern damals nicht gelungen, seine Bedeutung zu enträtseln.“

Der Zachariassegen im Wortlaut, wobei das „t“ hier für das Kreuz oder das „X“ steht: 

t Crux Christi salva nos: Das Kreuz Christi rette uns.

Z Zelus domus tuae liberet me: Die Liebe zu deinem Haus befreie mich (Ps. 69, 10).

t Crux vincit, crux regnat, crux imperat, per signum crucis libera me, Domine, ab hac peste: Das Kreuz siegt, das Kreuz regiert, das Kreuz herrscht. Durch das Zeichen des Kreuzes befreie mich, Herr, von der gegenwärtigen Pest.

D Deus, Deus meus, expelle pestem a me et a loco isto et libera me: Gott, mein Gott, vertreibe die Pest von mir und von diesem Ort und befreie mich (Ps. 22, 2).

l In manus tuas, Domine, commendo spiritum, cor et corpus meum: In deine Hände, Herr, empfehle ich meine Seele, mein Herz und meinen Leib (Ps. 31,6).

A Ante coelum (et terram) Deus erat, et Deus potens est liberare me ab ista peste: Vor Himmel und Erde war Gott, und Gott ist mächtig genug, mich von der gegenwärtigen Pest zu befreien,

t Crux Christi potens est ad expellen-dam pestem ab hoc loco et a corpore meo: Das Kreuz Christi ist mächtig, die Pest von diesem Ort und aus meinem Leib zu vertreiben.

B Bonunn est praestolari auxilium Dei cum silentio, ut expellat pestem a me: Es ist gut, in Stille auf die Hilfe des Herrn zu hoffen, daß er die Pest von mir treibe (Klagel. 3, 26).

l Inclinabo cor meum ad faciendas iustificationes tuas, ut non confundar, quoniam invocavi te: Ich neige mein Herz, deinen Gesetzen zu dienen, damit ich nicht untergehe; denn ich habe ja dich angerufen (Ps. 119, 112).

Z Ze/aw super iniquos pacem peccatorum videns et speravi in te: Ich habe mich über die Bösen ereifert, weil ich die Gemütsruhe der Sünder gesehen habe; ich habe jedoch auf dich gehofft (Ps. 73, 2).

t Crux Christi fuget daemones, aeram corruptum et pestem expellat: Das Kreuz Christi wird die Dämonen in die Flucht schlagen; es möge schlechte Luft und die Pest wegtreiben.

S Salus tua ego sum, dicit Domi-nus; clama ad me et ego exaudiam te et liberabo te ab ista peste: Ich bin dein Heil, spricht der Herr, rufe zu mir, und ich werde dich erhören und von der gegenwärtigen Pest befreien (Ps. 35, 3).

A Abyssus abyssum invocat et voce tua expulisti daemones, libera me ab hac peste: Eine Hölle ruft die andere, doch mit deinem Wort hast du die Teufel vertrieben; befreie mich von dieser Pest (Ps. 42, 8).

B Beatus vir, qui sperat in domino et non respexit in vanitates et insanias falsas: Glücklich ist der Mann, der auf den Herrn hofft und die stolzen und treulosen Lügner nicht beachtet (Ps. 40, 5).

t Crux Cristi, quae antea fuit in opprobrium et con-tumeliam et nunc in gloriam et nobilitatem, sit mini in salutem et expellat a loco isto diabolum et aerem corruptum et pestem a corpore meo: Das Kreuz Christi, das früher in Schimpf und Schande gewesen, jetzt aber in Ehre und Ansehen ist, sei mir zum Heil und möge von diesem Ort den Teufel und verdorbene Luft und von meinem Körper die Pest vertreiben.

Z Zelus honoris Dei convertat me antequam moriar, et in nomine tuo salva me ab ista peste: Der Eifer für die Ehre Gottes möge mich umwandeln, bevor ich sterbe; und in deinem Namen errette mich von der gegenwärtigen Pest,

t Crucis signum liberet populum Dei et a peste eos, qui confidunt in eo: Das Zeichen des Kreuzes möge das Volk Gottes und die, die auf es vertrauen, von der Pest befreien.

H Haeccine reddis Domino, popule stulte? Redde vota tua offerens sacrificium laudis et fide illi, quia potens est istum locum et me ab hac peste libera-re, quoniam, qui confidunt in eo, non confuden-tur: Darfst du dem Herrn das antun, törichtes Volk? Erfülle deine Gelübde, bringe das Lobopfer dar und vertraue dem, der mächtig ist, diesen Ort und mich von der Pest zu befreien; denn die auf ihn vertrauen, werden nicht zuschanden werden (5 Mos. 32, 6).

G Guttun meo et faucibus meis adhaereat lingua mea, si non benedixero tibi, libera sperantes in te, in te confido, libera me, Deus ab hac peste et locum istum, in quo nomen tuum invocatur: Meine Zunge soll mir an Kehle und Schlund kleben, wenn ich dich nicht loben würde. Erlöse, die auf dich hoffen. Ich vertraue auf dich, Gott, befreie mich und diesen Ort, in dem dein Name angerufen wird, von dieser Pest (Ps. 137, 6).

F Factae sunt tenebrae super universam terram in morte tua; Domine, Deus meus, fiat lubrica et tenebrosa diaboli potestas, quia ad hoc venisti, fili Dei vivi, ut dissolvas opera diaboli, expelle tua potentia a loco isto et a me, servo tuo, pestem istam, discedat aer corruptus a me in tenebras exteriores: Es entstand Finsternis über der ganzen Erde bei deinem Tod; Herr, mein Gott, vertreibe und vernichte die Gewalt des Teufels, denn dazu bis du ja gekommen, du Sohn des lebendigen Gottes, um die Werke des Teufels zunichte zu machen; vertreibe durch deine Macht die Pest von diesem Ort und von mir, deinem Diener, die verdorbene Luft möge von mir weichen in die äußerste Finsternis (Matt. 27, 45).

t Crux Christi, defende nos et expelle a loco isto pestem et servum tuum libera a peste ista, quia benignus es et miseri-cors et multae misericordiae et verax: Kreuz Christi, beschütze uns und vertreibe die Pest von diesem Ort und befreie deine Diener von ihr, denn du bist gütig und mitleidig und von großer Barmherzigkeit und wahrhaftig (Ps. 103, 8).

B Beatus, qui non respexit in vanitates et insanias, in die mala liberabit eum Dominus. Domine, in te speravi, libera me ab hac peste: Glücklich, wer nicht auf Nichtigkeiten und Tollheiten schaut, in Unglückstagen wird ihn der Herr erlösen. Herr, auf dich habe ich gehofft, befreie mich von dieser Pest (Ps. 40, 5).

F Factus est Deus in refugium mihi, quia in te speravi, libera me ab hac peste: Gott ist mir zur Zuflucht geworden; weil ich auf dich gehofft habe, befreie mich von dieser Pest (Ps. 94,22).

R Respice in me Domine, Deus meus Adonai, in sede sancta maiestatis tuae et miserere mei et propter misericordiam tuam ab hac peste libera me: Schaue auf mich vom heiligen Thron deiner Majestät, Herr, mein Gott Adonai, und erbarme dich meiner, und durch deine Barmherzigkeit erlöse mich von dieser Pest (Ps. 25, 16).

S Salus mea tu es, sana me et sanabor, salvum me fac et salvus ero: Meine Rettung bist du, heile mich, und ich werde gesund sein, mache mich gesund, und ich werde heil sein (Jer. 17, 14).

Die Wundertätigkeit der Schönen Maria von Luttenwang

Als das Altötting im Maisachwinkel wurde dereinst der Ort Luttenwang bezeichnet. Denn die Heilige Maria in der Kirche gilt als wundertätig. Wie in Grafrath exisitiert auch für Luttenwang ein Mirakelbuch. Es liegt eigentlich im Ordinariat. Für die 1200-Jahr-Feier Luttenwangs im Jahr 2005 kehrte es im Rahmen eines Vortragsabends aber in das Dorf zurück.  Das Interesse der Bevölkerung war riesig. Die Luttenwanger Wallfahrt mit dem im Kreis einzigartigen Gnadenbild vom Typ der Schönen Madonna dürfte sich zwischen 1700 und 1730 entwickelt haben, wurde hier deutlich. 

Das Mirakelbuch von Luttenwang

Das Gnadenbild selbst stammt aus der Zeit um 1420, das reiche Gewand aus dem Rokoko um 1750. Das Weiterbestehen der Wallfahrt nach 1804, dem Ende der Aufzeichnungen im Mirakelbuch, ist durch Votivtafeln belegt.  Das Luttenwanger Mirakelbuch wurde 1767 vom damaligen Grunertshofener Pfarrer Joseph Lederer (1767 bis 1774) angelegt und endet 1804. In der Einleitung verweist Lederer auf den Brauch, Gebetserhörungen am Gnadenbild auf Zettel zu schreiben, von denen viele verloren gegangen oder nicht mehr leserlich seien. Die Erhörungen wurden am Patroziniumstag einzeln in der Kirche verlesen.  937 Namen mit 941 Erhörungen sind im Buch aufgeführt. Die Anliegen spiegeln den Alltag wider: Sorgen ums Vieh, Krankheiten in der Familie, besonders im Kindbett. Die Namen liefern einen Überblick über das Haupteinzugsgebiet der Wallfahrt: Luttenwang, Grunertshofen, Hegnenberg, Steinbach, Hörbach, Hattenhofen, Purk, Adelshofen, Moorenweis und Nassenhausen.

Die Wirtin aus Grunertshofen berichtete beispielsweise im Jahre 1785 von einer „todgefährlichen Khue, sodaß würkliche gefahr schon vorhanden war, das beede, khue und kalb darauf gehen“. Nach einem Gelöbnis allerdings habe sie „augenblikhliche hilf erlanget“. Und ein Wallfahrer aus dem nahen Egling berichtete, dass „ein pferdt von einem anderen am hintern fueß also hart geschlagen worden sei, daß gar einige scherblein von dem Bein herausgefallen“. Im Mirakelbuch ist vermerkt: „Nach einigen Tägen hat er es wieder zur arbeith brauchen können.“ Insgesamt gilt die Luttenwanger Wallfahrt als von eher lokaler Bedeutung, überregional bekannt wurde sie nicht. Die Einträge im Mirakelbuch enden in der Zeit der Säkularisation - ein Zufall?

Trotzdem: Der Marienglaube hat sich erhalten. So wurde im Zuge der Dorferneuerung im Jahr 2016 auf dem Weg zur Kirche eine Marienstele aufgestellt, die die alte Tradition aufgreift. Ganz weltlich orientiert berichtete das Brucker Tagblatt damals aus dem Gemeinderat: Die Stele kostete rund 7000 Euro, wobei - Mirakel - das Amt für ländliche Entwicklung rund 50 Prozent der Kosten übernahm. 

Die wilde Jagd und der Mann ohne Kopf: Spukgeschichten aus der Region

Die Totenklagen der erschlagenen Ungarn: Unheimliche Begebenheiten sollen sich auch in den Wäldern um Schöngeising abspielen. So soll manchmal in den Rauhnächten Pferdegewieher und durchdringende Totenklagen zu hören seien. Außerdem weiß der Volksmund folgendes zu berichten: Es könne sein, dass ein Wanderer im dunklen Dickicht der Wälder ein glühendes Hufeisen findet. Allerdings kein normales Hufeisen. Es ist viel kleiner als die Eisen normaler Pferde. Ein Ungarnpferd soll es verloren haben. Doch bückt man sich danach, so kann man es nicht greifen. Es verschwindet, und im Wald hört man abermals Gestampfe und Gewieher. Der Sage nach ist der Grund für dieses Phänomen, dass die Ungarn einst von Föhring her das Dachauer Moos umritten hatten. Die Wachen auf dem Parsberg bei Puchheim meldeten ihr Heranrücken aber dem Bayernherzog. Dieser beschloss, die gefürchteten Reiter in die Wälder zu locken. Bei Schöngeising tränkten die Ungarn ihre Pferde und richteten ihr Lager. Mitten in der Nacht griffen dann die Gefolgsleute  des Herzogs die überraschten Ungarn an. Nur wenige Ungarn überlebten. Ihre Totenklage soll es sein, die seither in den Wäldern von Schöngeising zu hören ist. 

Das sagt die Expertin: Annemarie Strähhuber ist Expertin für Sagen und Legenden aus dem Landkreis, die sie im Jahr 2009 den Lesern des Fürstenfeldbrucker Tagblatts erklärte. Die Rauhnächte sind die Nächte zwischen Weihnachten und dem Fest der Erscheinung des Herrn (6. Januar). Um diese dunkelsten Nächte des Jahres ranken sich besonders viele Legenden. Anders als in den meisten Legenden, sind es hier jedoch nicht die Mörder, die um Erlösung bitten, sondern die Ermordeten, die ihre Totenklage halten. Doch auch sie hatten vermutlich Schuld auf sich geladen.

Der Mann ohne Kopf: Des Nachts ging ein Bauer von Holzhausen nach Alling. Bei Germannsberg stand plötzlich ein Mann ohne Kopf vor ihm. Und obwohl der Boden mit Schnee bedeckt war und der Vollmond leuchtete, warf die kopflose Gestalt keinen Schatten. Zunächst war der Wanderer starr vor Schrecken. Dann fing er an, in der Stille zu beten. Da näherte sich das Gespenst ohne Kopf. Schließlich war es so nahe, dass der Wanderer fürchtete, von ihm erdrückt zu werden. Der Mann dachte bei sich: Hilft das Beten nicht, so hilft das Fluchen, und fing fürchterlich zu fluchen an. Da entfernte sich die kopflose Gestalt.

Annemarie Strähhuber vermutet, dass der Mann ohne Kopf ein Grenzsteinverrücker sein könnte. Dieses Vergehen wurde früher unter anderem der Enthauptung des Täters bestraft. Insofern würde die Sage vom Mann ohne Kopf dazu passen. Ungewöhnlich ist bei dieser Legende, dass der Geist erst durch Fluchen vertrieben werden kann.

Die wilde Jagd im Kreuzwald: Es ging einmal ein alter Mann nachts von Alling nach Schöngeising. Dabei musste er durch den Kreuzwald. Da kam die wilde Jagd und führte ihn durch die Lüfte fort. Als die Aveglocke ertönte, ließen die Geister den Gequälten endlich aus ihren Fängen. Unglücklicherweise fiel der Arme auf den Kirchturm des Klosters Fürstenfeld. Am Kreuz zerschmettert blieb er hängen. Mehr Glück hatte ein Wagner aus Gilching. Auch er musste durch das unheimliche Waldstück. Er hatte aber schon so viele Schauergeschichten von der Gegend gehört, dass er auf der Hut war. Als plötzlich großer Lärm immer näher kam, mit Geschrei in der Luft und Hundegebell dachte er sofort an die wilde Jagd. Er hatte gehört, dass es nur ein Rezept gäbe: Flach auf den Boden legen, das Gesicht in die Erde drücken und die Beine überkreuzen. Er ließ sich fallen – und die wilde Jagd fegte über ihn hinweg. Danach konnte der schlaue Wagner ohne weitere Anfechtungen nach Hause gehen. 

Das sagt die Expertin: Hinter der wilden Jagd oder Nachtjagd, auf bayerisch auch Gjaid oder Nachtgloat genannt, verbirgt sich ein plötzlich aufkommender Sturm. Wie die Sagenexpertin Annemarie Strähhuber erklärt, versetzte das Ächzen und Stöhnen der Bäume die Menschen in Angst und Schrecken. Der Volksglauben vom wilden Jäger mit seinen klaffenden Hunden und Dämonen geht wohl auf Wotan zurück. Der Kreuzwald bei Holzhausen galt als besonders gefährlich. Dort stand einst die Wallfahrtskapelle zum Heiligen Kreuz – ein der Sage nach für Zauberei besonders anfälliger Ort. Heute ist die Kapelle längst verschwunden. Nur noch der Name der Pilgerwiese erinnert daran. Laut Annemarie Strähhuber haben sich auch unsere Großmütter und Großväter noch bekreuzigt, bevor sie das Waldstück betraten.

Die gefährliche Geisterkuh vom Ampermoos: Ein unheimliches Gespenst hauste vor Zeiten im Ampermoos zwischen Grafrath und Stegen. Gesehen hat es nie jemand. Aber vielen Wanderern, die nicht um die Gefahr wussten, wurde es zum Verhängnis. Vor allem des Nachts konnte es passieren, dass sie plötzlich ein angstvolles Brüllen hörten. In der Meinung, eine verirrte Kuh rufe um Hilfe, folgten viele dem Rufen, um das verzweifelte Tier zu retten. Doch das Kuhgebrüll lockte die Wanderer immer weiter weg vom festen Pfad und immer tiefer hinein ins Moor. Das Tier bekamen sie nie zu Gesicht, so sehr sie sich auch abmühten. Schließlich verloren sie völlig den festen Boden unter den Füßen. Der sumpfige Morast hielt sie fest und zog sie schließlich in die Tiefe. Gar mancher verschwand so für immer im Ampermoos – und ward nie mehr gesehen. 

Das sagt die Expertin: Moore gehören zu den Orten, an denen es nach dem Volksglauben bevorzugt spukt. Denn Moore waren meist einsam, und bei Nebel oder Dunkelheit besonders unheimlich. Leicht konnten dem ohnehin schon verängstigten Wanderer dort ungewöhnliche Geräusche wie übernatürliche Laute erscheinen.

Der Läalahund von Grunertshofen: Zwischen Luttenwang und Grunertshofen liegt eine Grube, die Läalagumbe genannt wird. In ihr soll einst ein bösartiger Geisterhund gehaust haben. Nachts soll er Wanderer angefallen, in argen Schrecken versetzt und übel zugerichtet haben. Der Hund soll einst ein Bauer aus der Umgebung gewesen sein. Weil er unerlaubt Grenzsteine versetzt habe, sei er nach seinem Tod in einen Pudel verwandelt worden. So müsse er nun sein Unwesen treiben, und niemand wisse, wie er erlöst werden könne. Auch einem Bauern aus Grunertshofen soll der Pudel einmal übel mitgespielt haben. Als er um Mitternacht an der Läalagrube vorbei ging, fiel ihn der schwarze Geisterhund an. In seiner Angst schickte der Bauer ein paar Stoßgebete zum Himmel. Da ließ der Hund von dem nächtlichen Wanderer ab, verfolgte ihn aber auf seinem Weg. Erst als der Grunertshofner beim nächsten Feldkreuz anhielt und wieder laut zu beten anfing, machte sich der bösartige Pudel unter lautem Knurren aus dem Staub. 

Das sagt die Expertin: Lange bevor die Filmemacher von Hollywood Zombies erfanden, kannte der Volksmund Sagen und Legenden von Untoten. Expertin Annemarie Strähhuber aus Gernlinden weiß, dass viele Frevler nach ihrem Ableben in Tiergestalt auf Erden herumirren müssen. Das ist auch der Ursprung der Sage vom Läalahund. Wie so oft hat sich hier die unerlöste Seele einer Grenzsteinversetzung schuldig gemacht. Nach der langen Periode der Abhängigkeit von Grundherren hatte Eigentum bei Bauern in früherer Zeit einen sehr hohen Stellenwert. Wer sich daran verging, galt deshalb als besonders verwerflich.

Der Riesenpudel von Nassenhausen: Der Müller Riedl von Nassenhausen hat viele Prozesse geführt mit den Angrenzern des Ludlgrabens, der unter der Straße durchgeführt ist. Ehe er starb, trug er seinem Sohn auf, einen Prozess weiterzubetreiben. Der Sohn tat dies, ohne zu wissen, dass sein Vater einen Meineid geschworen hatte. Deshalb musste der Müller umgehen. Der Hanslbauer von Luttenwang ist ihm begegnet. Er fuhr nachts über Adelshofen heim. Da sprang bei der Kiesgrube ein großer Pudel zu ihm auf den Wagen. Der Bauer erschrak und fragte: „Was willst du?“ Der Hund antwortete: „Ich bin der Riedl von Nassenhausen.“ Beim Ludlgraben sprang der Hund vom Wagen und heulte furchtbar. Der Bauer wurde bleich, die Pferde schwitzten. Als er endlich daheim war,  bestellte der Hanslbauer um seine Seelenruhe wiederzufinden 52 Wochenmessen. Trotzdem traute er sich nie wieder, abends von Bruck heimzufahren.

Das sagt die Expertin: Menschen, die in ihrem Leben Unrecht getan haben, müssen nach dem Tod umgehen. Oft, so erklärt Sagen-Expertin Annemarie Strähhuber, spuken die Frevler dabei in Tiergestalt – der Müller Riedl als Pudel. Zu Lebzeiten drohte man Landfrevlern, sie einzugraben und den Kopf abzupflügen. Diese Strafe, so Annemarie Strähhuber, wurde aber nie vollstreckt.

Das Irrlicht vom Heiligkreuzholz: Dort, wo heute in Schöngeising das Elektrizitätswerk steht, befand sich im 18. Jahrhundert eine Mühle. Der Besitzer hieß Aichmüller. An einem trüben nebligen Wintertag fuhr dieser Aichmüller mit einem Fuhrwerk voller Holz nach München auf den Holzmarkt. Längst war die Dämmerung hereingebrochen, als er auf dem Heimweg Bruck erreichte. Trotzdem setzte er mit seinem unbeleuchteten Fuhrweg den Weg Richtung Schöngeising fort. Zwischen dem Heiligkreuzholz und dem Holzhauser Berg setzte sich plötzlich ein Lichtlein auf die Kummetspitze des Zaumzeuges seines Handpferdes. Dem Aichmüller wurde beim Anblick des flackernden Lichtes ganz eigen zumute. Er merkte, dass den Pferden der Schweiß vom Rücken perlte. Die Rosse schlugen einen immer unruhigeren Gang ein. Der Aichmüller bekam es mit der Angst zu tun. Doch dann verschwand das Licht so plötzlich wie es aufgetaucht war. Innerlich erleichtert sprach der späte Reisende die Dankesworte vor sich hin:  „Vergelt’s Gott fürs Leuchten.“ Vierzehn Tage darauf starb der Müller, schnell und unerwartet. 

Das sagt die Expertin: Annemarie Strähhuber hat bei ihren Studien festgestellt, dass in der Gegend um Schöngeising besonders oft sogenannte Irrlichter gesehen worden sein sollen. Natürlich waren in den dunkelsten Nächten im Jahr solche Erscheinungen am häufigsten. Immer wieder kündigen Irrlichter den Tod dessen an, der sie sieht. Deshalb mieden die Menschen früher in den „gefährlichen Nächten“ die Durchquerung mancher Waldstücke.

Der Pardon-Rufer an der Maisach: Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als die feindlichen Soldaten oft schreckliche Verbrechen an der wehrlosen Bevölkerung verübten, kam es auch bei uns im Landkreis zu schweren Verbrechen. Ein schwedischer Reiter soll sich der Sage nach nicht damit begnügt haben, in Nassenhausen zu plündern. Er erschlug in seiner rohen Raserei auch noch zwei unschuldige Wickelkinder in ihren Wiegen. Das Verbrechen blieb nicht ungesühnt. Der Soldat fand kurz darauf selbst den Tod. Und damit nicht genug: Seither soll sein Geist im Moorgebiet zwischen Nassenhausen und Mammendorf an der Maisach umgehen. Vor allem nach Mitternacht. Wer um diese Zeit unterwegs ist, dem kann es passieren, dass er plötzlich eine laute Stimme hört. „Pardon!“ ruft sie, obwohl niemand da ist. Diese unheimlichen Rufe werden dem Schweden-Reiter zugeschrieben, der seine Schandtaten nie bereut hat. Da er keine ewige Ruhe finden kann, hofft er, dass ihn endlich jemand von seinem traurigen Dasein als Pardon- Rufer erlöst.

Das sagt die Expertin:  Sagen über unerlöste Seelen drücken den Wunsch aus, dass Schandtaten, die zu Lebzeiten nicht gesühnt wurden, zumindest im Jenseits Folgen für die Übeltäter haben, erklärt sie. Menschen, die gemordet oder sich an Kindern vergriffen haben, haben in der Sage oft bis heute keine Erlösung gefunden.

Der unheimliche weiße Pudel von Hörbach: Der Scheuringer Bauer von Hörbach fuhr oft über Luttenwang zur Schranne in Bruck und kehrte dann manchmal erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder heim. Einmal, es war besonders spät geworden, sprang kurz hinter Luttenwang, als der Bauer über den Bichl in Richtung Hörbach unterwegs war, plötzlich ein weißer Pudel auf das Fuhrwerk zu. Die Augen des Hundes glühten wie feurige Kohlen. Die Pferde erschraken derart, dass sie scheuten und durchgingen. In wildem Galopp flohen sie heimwärts. Der unheimliche Pudel aber wich ihnen nicht von der Seite, bis sie endlich Hörbach erreicht hatten. Hier war der Spuk, so plötzlich wie er aufgetaucht war, wieder verschwunden. Die Rosse zitterten am ganzen Körper und schwitzten, und der Scheuringer konnte sie kaum beruhigen. Aber auch ihm klopfte das Herz bis zum Halse. Er schwor sich, nie mehr erst so spät nach Hause zu fahren.

Die Geschichte vom weißen Pudel von Hörbach hat der Expertin Kreisheimatpfleger Toni Drexler erzählt. Der Hörbacher hat sie als Kind von seiner Großmutter gehört. Spuken mussten früher dem Aberglauben zufolge Menschen, die im Leben Unrechtes getan hatten. Oft erschienen sie in Legenden in Tiergestalt.

Das Licht im Grafrather Wald: Ein Eismerszeller Bauer, der sich von Grafrath aus auf den Heimweg machte, geriet in tiefe Dunkelheit. Plötzlich setzte sich ein kleines Licht auf den Rücken seines Pferdes. Dem Bauern war dabei sehr unwohl zumute. Bei der Kapelle von Eismerszell verschwand das Licht. Der Bauer bedankte sich für das Leuchten, doch am nächsten Morgen konnte er sich nicht mehr aus dem Bett bewegen. Drei Tage später war er tot. Als man ihn begrub, sagten die Leute: „Er hat eine ruhelose Seele erlöst. Sie hat ihn heimgeholt.“ Das sagt Sagenexpertin Annemarie Strähhuber aus Gernlinden: „Weihnachten gehört zu den Haupt-Spuk- Zeiten. In vielen Sagen zeigt sich die nie zu unterdrückende Angst vor dem Jenseits. Häufig kündigten dabei kleine Lichter den Tod an.“

Auch interessant: Die Geschichte Fürstenfeldbrucks.

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