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Direkt vom Züchter am Tegernsee werden die Fische nach Gröbenzell gefahren. Profi-Transportboxen, Kühlkette und die nötige Genehmigung sorgen dafür, dass nichts den Genuss trübt

Gröbenzell

Außergewöhnliche Idee rettet Reisebüro

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
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Nur ganz wenige Branchen hat der Corona-Lockdown wohl ähnlich hart getroffen wie die Reisebüros. Der Inhaber eines Reisebüros in Gröbenzell wurde deshalb jetzt kreativ. Er schickt – bildlich gesprochen – einen Fisch auf Reisen. Wie es scheint, sichert die ungewöhnliche Idee seinem Geschäft das Überleben.

Gröbenzell Die Szene hat etwas Skurriles: Eine Kundin betritt das TUI-Reisecenter. Doch sie will keine Beratung für ihren nächsten Urlaub. Stattdessen fragt Inhaber Helmut Lang: „Kommen Sie wegen des Fisches?“ Die Frau nickt, Lang verschwindet kurz im Keller und kommt nach wenigen Minuten mit einer Tüte zurück. Darin befinden sich Saiblinge. Frisch gefangen aus dem Tegernsee. Dieses Frage-Antwort-Muster wiederholt sich mehrmals an diesen Vormittag. Nur die Fischsorte ändert sich mitunter.

Die Geschäftsidee des Reisbebüro-Inhabers wurde aus der Not heraus geboren: Die Auswirkungen der Corona-Krise waren für das Reisebüro bedrohlich. „Unsere Einnahmen sanken praktisch auf Null“, sagt Lang. Gleichzeitig mussten aber auch schon gebuchte Reisen rückabgewickelt und die bereits vereinnahmte Provision an die Veranstalter zurückbezahlt werden. „Die laufenden Kosten für Personal und die Büroräume fallen aber weiter an.“

Der Züchter vom Tegernsee

Die Idee zum Fischverkauf entstand in einem Tochterunternehmen von Langs Gröbenzeller Büro im Münchner Stadtteil Harlaching. Der dortige Geschäftsführer kennt den Fischzüchter vom Tegernsee, von dem auch Lang jetzt seine Fische bezieht. In einem Gespräch hatte der Händler halb im Spaß vorgeschlagen, dass das Büro doch seine Fische verkaufen solle, wenn es schon keine Reisen an den Mann bringe.

Da das Reisebüro in München ohnehin in einer Ladenzeile mit einem Obstladen und einer Pfisterei liegt, griffen Lang und sein Kollege die Idee auf. „Eigentlich war es eine Schnapsidee“, sagt Lang und lacht. Doch aus dieser entwickelte sich recht schnell ein wirtschaftlich rentables Geschäftsmodell. In Gröbenzell hat alles mit einem Rundbrief zu Ostern begonnen.

Lang hat seine Kunden angeschrieben: „Wenn Sie schon nicht ans Meer oder an die geliebten Seen reisen dürfen, kommt zumindest Erlesenes aus den Seen frisch zu Ihnen auf den Tisch“, heißt es in dem Anschreiben.

Der Erfolg war so groß, dass eine zweite Aktion zum Vatertag folgte. „Das kam so gut an, dass die Leute uns gefragt haben, ob wir das nicht weitermachen“, sagt Lang.

Und so bietet das Reisebüro inzwischen alle zwei Wochen Saiblinge, Forellen, Aale, aber auch Begleitprodukte wie Wein, Kürbiskern- und Olivenöl oder Krabbensalat an. „Wir hätten nie gedacht, dass das so einschlägt“, erzählt Lang.

Boxen zum Transport

Für ihn ist klar: „Wir machen das weiter.“ Das Gewerbe ist bereits angemeldet, im Keller stehen große Kühlketten, außerdem hat Lang professionelle Boxen zum Transport des Fisches angeschafft. „Damit die Kühlkette erhalten bleibt“, wie er sagt. Alle zwei Wochen fährt Lang donnerstags mit ein paar Mitarbeitern an den Tegernsee, wiegt dort den frisch am Vortag gefangenen und dann vakuumierten Fisch ab, den die Kunden zuvor vorbestellt haben.

Die Ware wird mit den Preisen ausgezeichnet und am Freitagvormittag unter dem Label „Ein Fisch auf Reisen“ verkauft. Für Lang bedeutet das kuriose Geschäftsmodell ein Stück finanzielle Sicherheit in den unsicheren Corona-Zeiten.

Zusammen mit einer zweiten Aktion – dem Verkauf von unbegrenzt gültigen Reisegutscheinen – kann Lang so genug Geld einnehmen, dass er zumindest kein Liquiditätsproblem hat. „Wir werden natürlich ein sattes Minus schreiben“, sagt der Reisbüro-Inhaber. „Aber wir kommen mit der Kurzarbeit gut zurecht und müssen niemanden ausstellen.“ Dank frischem Fisch vom oberbayerischen Tegernsee.

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