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Bis heute gepflegt und in Ehren geh alten: Der ehemalige Kulturreferent Paul Weigl in der Jesenwanger Pestkapelle.

Der Dreißigjährige Krieg im Landkreis: Teil 2

Hunger und Elend bilden die Nachhut

Vor 500 Jahren kämpften die Mächtigen um die Vorherrschaft in Europa. 30 Jahre lang zogen ihre Truppen kämpfend, raubend, plündernd und mordend auch durch die Region um Fürstenfeldbruck. Dem einfachen Volk bescherte der Schwedenkrieg Hunger, Krankheit und Elend – auch noch Jahre nach dem Friedensschluss.

FürstenfeldbruckBesonders hart traf der Dreißigjährige Krieg die Bevölkerung in der Region 1634 sowie gegen Ende der Kämpfe von 1646 bis 1648. Bruck, Egenhofen, Maisach und viele andere Orte wurden immer wieder überfallen und geplündert. Auch das Kloster Fürstenfeld nahmen sich marodierende Truppen mehrmals vor. Die Menschen versteckten sich in den Wäldern. Doch wer Überfälle und Brandschatzungen überstanden hatte, für den ging die Leidenszeit oft erst richtig los. Nicht nur die unmittelbaren Kriegshandlungen gefährdeten das Leben der Menschen während des Dreißigjährigen Krieges akut.

Eine schwerwiegende Folge der Plünderungen und Verwüstungen war das Fehlen von Saatgut und Vieh. So kam es vielerorts ab den 1630er-Jahren zu Ernteausfällen. Es folgten schreckliche Hungersnöte. In Steinbach (Gemeinde Moorenweis) etwa wird die Ernte um 1634 nur noch auf ein Sechstel der Normalernte geschätzt. Hinzu kamen große Überschwemmungen im Landkreis, wie etwa im Jahr 1640.

Die obdachlosen, unterernährten und frierenden Menschen wurden zur leichten Beute für jeden Krankheitserreger. Im Jahr 1634 etwa brach in der Gegend eine Pestepidemie aus, die viele Einwohner das Leben kostete. Zur Gefahr wurde auch die „Ungarische Krankheit“, eine Art hitziges Fieber.

Dem Sterberegister der Pfarrei Aufkirchen ist zu entnehmen, dass die Zahl der dortigen Haushalte 1640 auf vier sank. Zum Vergleich: Anno 1611 sind noch 25 aufgeführt. Ähnlich stellt sich die Situation in Germering dar. Bis 1648 gingen die Haushalte um zwei Drittel zurück. Alleine der Pest sollen in der kleinen Ortschaft Aufkirchen 45 Personen zum Opfer gefallen sein. „Die Gegend ist fast ausgestorben“, schreibt der damalige Pfarrer von Ebertshausen, Balthasar Obermayer. Weil die Kapazität der Friedhöfe in Aufkirchen und Unterschweinbach nicht mehr ausreichte, musste rund um das Ulrichskirchlein in Englertshofen gar ein weiterer Friedhof angelegt werden. In Steinbach sprechen Indizien dafür, dass es dort einen extra angelegten Pestfriedhof außerhalb der Ortschaft gab.

Weil die Menschen nicht wussten, wie sie sich vor dem schwarzen Tod schützen sollten, suchten sie Zuflucht bei Gott. In vielen Orten entstanden Pestkapellen. Teilweise stehen sie heute noch, teilweise erinnern Flurnamen an diese baulichen Zeugen erhöhter Volksfrömmigkeit.

1648 endlich besiegelte der Westfälische Friede das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Not und Elend ließen sich nicht mit einem Federstrich von einem Tag auf den anderen beenden. Noch jahrelang darbten die Menschen. Erst unter Ferdinand Maria, ab 1651 Kurfürst, erholten sich die Dörfer langsam von den Kriegsauswirkungen. In Hörbach etwa nahm die Zahl der Anwesen bis 1671 im Vergleich zum Jahr 1629 um drei zu, in Althegnenberg blieb sie im gleichen Zeitraum konstant. Bekannt ist, dass man die großen Bevölkerungsverluste im westlichen Teil des Landkreises mit Siedlern aus Landsberg und Tirol auszugleichen versuchte. (seo)

Überlebende des schwarzen Todes bauen Pestkapellen

Die Pest brachte den „schwarzen Tod“ im Dreißigjährigen Krieg in große Teile des Landkreises. Thomas Führer, von 1956 bis 1987 Pfarrer in Mammendorf und Vikar von Jesenwang, hat sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt. Er schreibt, dass 1634 in Mammendorf von August bis November 146 Personen an der heimtückischen Krankheit starben, in Nannhofen 36. Jesenwang erreichte die Pest um 1640. „Wie in Nannhofen durch ein Bettelweib die Pest eingeschleppt wurde, so soll sie in Jesenwang durch einen durchreisenden Mann ins Dorf gebracht worden sein“, so Führer. Damit sich die Epidemie nicht weiter ausbreiten konnte, wurden an den Ortseingängen Strohwische als Zeichen der grassierenden Pest aufgestellt. Kein Jesenwanger durfte den Ort verlassen, kein Auswärtiger in den Ort hinein. 

Aus den umliegenden Dörfern wurden Nahrungsmittel bis kurz vor die Sperrzone geliefert. Als „Helfer und unerschrockener Freund“ für die Jesenwanger zeigte sich Pfarrer Melchior Roming (1641 bis 1657). Er kümmerte sich um die Verteilung der Lebensmittel und um die Bestattung der Pesttoten am Südwestrand des Ortes. 

Diejenigen, die von der Pest verschont blieben, legten 1642 ein Gelübde ab: Nach dem Ende der Epidemie würden sie eine Votivkapelle zu errichten. 1651, als die Pest verschwand, folgten den Worten Taten. Die Kapelle steht bis heute in Jesenwang. Sie ist den sogenannten Pestpatronen Sebastian und Rochus gewidmet. Auch in Nebel bei Germering wurde damals eine Pestkapelle errichtet. Das kleine Gotteshaus ist heute völlig verschwunden. An seinem Standort mitten im Feld zwischen Nebel und Germering steht heute ein Pumpenhäuschen für die städtische Wasserversorgung. Und nicht weit davon: der Hexenbaum. Ob der volkstümliche Name des Baumes mit der Pestkapelle zu tun hatte, ist nicht mehr bekannt. 

Während der Aufklärung entwickelte sich ein neuer Zeitgeist. Ihm fielen viele kleine Heiligtümer zum Opfer. „Aus Unvernunft vernichtete man damals viele unersetzliche historische Werte“, schrieb der verstorbene Germeringer Heimatforscher Hans Doll. Er beruft sich auf eine Regierungsverordnung von 1803: „Da alle die an den Straßen stehenden Kapellen, Martersäulen und Bildstöcke usw. als dem guten Geschmack abziehend, so sollen selbe hinweggeräumt werden.“ Bei Verweigerung mussten die Dorfführer mit strengen Strafen rechnen. Ein „Opfer“ dieser neuen Epoche wurde wohl auch die Pestkapelle in Nebel. 

Wer genau diese Kapelle erbaute und wann, ist ein bislang nicht gelöstes Rätsel. Ebensowenig bekannt ist, wo die Pest-Toten ihre letzte Ruhe fanden. Vermutungen zufolge wurden sie zunächst beim ehemaligen Gutshof Nebel und dann letztendlich am Fuße des Parsberges beigesetzt. Nur noch ein Flurname erinnert an die Kapelle. In den Katasterblättern bis zur Flurbereinigung 1954 wurden die Grundstücke rund um das Pumpenhaus als Kapellenäcker bezeichnet. (seo)

Lesen Sie hier: Teil 1 der Serie zum Dreißigjährigen Krieg.

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