Chefarzt Dr. Nicolay Marstrander will wohnortnahe, niedrigschwellige Behandlungsangebote entwickeln.

Fürstenfeldbruck

Krankheit in die Mitte der Lokalgesellschaft gerückt: Psychiatrie jenseits der Scham

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Seit knapp drei Jahren versorgt das KBO-Isar-Amper-Klinikum Fürstenfeldbruck Menschen mit psychischen Erkrankungen. Chefarzt Dr. Nicolay Mastrander zieht im Tagblatt-Interview eine erste Bilanz und wagt einen Ausblick.

Herr Dr. Marstrander, wie fällt Ihr Fazit nach knapp drei Jahren KBO in Fürstenfeldbruck aus?

Dr. Nicolay Marstrander: Wir haben im Oktober 2016 als regionale Vollversorgerklinik für die Landkreise Fürstenfeldbruck und Dachau eröffnet. Mit der Regionalklinik wollen wir die Behandlung psychisch Erkrankter in die Mitte der Lokalgesellschaft rücken und als offene Anlaufstelle für Hilfsbedürftige wahrgenommen werden. Die Kooperation mit dem Kreisklinikum und der Stadt war von Anfang an gut und positiv. Dennoch bleibt es wichtig, das Thema Behandlung psychisch erkrankter Menschen offen zu kommunizieren.

Wie hat sich die Akzeptanz der Klinik bei den Nachbarn in den bisherigen drei Jahren entwickelt?

Die Etablierung der Klinik im Geschwister-Haeusler-Park bedeutet eine große Veränderung für die Nachbarschaft – sowohl in Bezug auf ein gesteigertes Personen- wie auch Verkehrsaufkommen. Doch dazu trägt nicht nur die psychiatrische Klinik bei, das tun mehrere öffentliche Einrichtungen in der nahen Umgebung ebenfalls. Durch viele Gespräche mit den Nachbarn und der Stadt sind einige Maßnahmen getroffen worden, um die Effekte für die Nachbarschaft zu minimieren. Nach meiner Einschätzung gewöhnen wir uns langsam aneinander.

Psychische Erkrankungen waren lange mit einem Stigma belegt. Wie stellt sich die Situation heute dar?

Gesamtgesellschaftlich gibt es eine langsame Tendenz der Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Dennoch bleibt das Thema für viele Betroffene mit Scham besetzt. Unsere Aufgabe als Klinik und Gesellschaft ist es, die Hand zu reichen beziehungsweise niederschwellige, wohnortnahe Behandlungsangebote zu entwickeln.

Jüngst fand ein Symposium statt, bei dem Betroffenen, Vertreter der Ärzte und sozialtherapeutischer Einrichtungen sowie
Angehörige ihre Wünsche vortragen konnten. Welche Erkenntnisse konnte das KBO daraus ziehen?

Im Rahmen von einem Symposium haben wir versucht, die Perspektiven von Patienten, Mit-Behandlern und das Umfeld mit einzubeziehen. Es ist uns wichtig, fortlaufend in Kontakt mit den unterschiedlichen Gruppen zu bleiben. Nicht alle Vorschläge sind etwa aufgrund des Datenschutzes umsetzbar. Dennoch ist es wichtig, diesen „Trialog“ zu führen.

Welche Vorschläge haben Sie dabei konkret  mitgenommen?

Es ist wichtig, dass für entlassene Patienten vollständige Unterlagen an die weiterbehandelnden Ärzte und – auf Wunsch des Patienten – auch an die Angehörigen weitergeleitet werden. Die vernünftige Vorbereitung der Entlassung funktioniert in vielen Fällen gut, in einigen aber nicht. Es ist unsere Aufgabe, das zu verbessern. Darüber hinaus wollen wir im gegebenen ökonomischen Rahmen, der sich in den kommenden Jahren nicht verbessern wird, schauen, was wir inhaltlich im Behandlungsprozess verbessern können. Im stationären Bereich sind wir dabei durch verschiedene Gegebenheiten gebunden. Zum Beispiel müssen wir als Vollversorger jedem Menschen ab 18 Jahren helfen, der bei uns Hilfe sucht. Dadurch müssen wir rund um die Uhr auf mögliche Behandlungsindikationen reagieren. Eventuell müssen dann andere Dinge hinten anstehen. In der Ambulanz haben wir dagegen mehr Möglichkeiten, individuelle und flexible Angebote zu schaffen.

Tausende von Patienten haben schon Hilfe bei der Klinik gesucht

Etwa 1600 stationäre Behandlungsfälle verzeichnet das kbo-Klinikum Fürstenfeldbruck pro Jahr. Im Schnitt bleiben die Patienten 21 Tage, wobei es bei der Verweildauer laut Chefarzt Dr. Nicolay Marstrander eine große Streuung gibt. „Wir haben viele sehr kurze Fälle im Rahmen der Krisenintervention, aber auch einige sehr lange bei schwer erkrankten Menschen.“ Ambulant werden etwa 1100 Fälle im Quartal behandelt. Dazu kommen 600 Patienten pro Quartal am Standort Dachau, wo es eine Tagesklinik mit 20 Plätzen und eine Ambulanz gibt. 

In der Brucker Klinik gibt es vier Stationen (Sucht, Psychosen, Alterspsychiatrie und Krisenstation) mit je 22 Betten. Wegen des Vollversorgerauftrags sind Überbelegungen möglich. Zudem werden auch in Bruck tagesklinische und ambulante Behandlungsplätze angeboten. Die kbo-Klinik behandelt alle psychischen Störungsbilder bei Menschen ab 18 Jahren. „Ein großer Teil sind Depressionen und Belastungsstörungen, bei der Alterspsychiatrie sind es hauptsächlich Demenzassoziierte Störungen“, sagt Marstrander. Oft suchen auch Menschen mit einem Burnout Hilfe. „Das ist ein Übergangszustand von einer Erschöpfung in die Depression“, erklärt Marstrander . Unterstützung bekommt die Klinik dabei seit Dezember 2017 vom Krisendienst Oberbayern. Hier erhalten Betroffene und Angehörige bei seelischen Krisen rund um die Uhr eine telefonische Beratung (01 80 6 55 30 00)

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