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Ein amerikanischer Jeep auf der Amperbrücke: Eines der wenigen Bilder aus der Zeit. Links neben dem Lagerhaus auf der linken Seite wohnte Antonie O. mit ihren Eltern. 

Serie: Kriegsende vor 75 Jahren

So haben die Brucker ihre Brücke gerettet

Ende April 1945 nahmen siegreiche US-Truppen Dorf für Dorf den Landkreis Fürstenfeldbruck ein. Die Bevölkerung war hin und her gerissen. Sie fürchtete die letzten NS-Schergen ebenso wie die Amerikaner. Die Bürger waren froh, dass der Krieg vorbei war – und gleichzeitig bang vor dem, was die Zukunft bringen würde. Eine Tagblatt-Serie berichtet über diese turbulente Zeit.

Fürstenfeldbruck– In der Kreisstadt Fürstenfeldbruck schlug die so genannte Stunde Null am 29. April nachmittags um 16 Uhr. Dass die Amperbrücke am Marktplatz da noch stand und unversehrt war, ist einer Gruppe von mutigen Brucker Bürgern zu verdanken. Die Geschichte der Brückenrettung liest sich wie ein Krimi – und sie funktionierte nur mit einem Trick.

Als klar war, dass der Einmarsch der Amerikaner kurz bevor stand, hatten die Nazis befohlen, die Brücken der Stadt zu sprengen, damit sie nicht den Siegern in die Hände fallen. Das war Teil einer in den letzten Kriegstagen in größter Not erdachten diffusen Strategie. An der sogenannten Amperlinie von Weilheim über den Ammersee bis zur Isar sollten die vorrückenden Truppen der Amerikaner gestoppt – oder zumindest für einige Tage aufgehalten – werden.

Brücke in der Nähe wurde gesprengt

Fürstenfeldbruck kam dabei wegen der zentralen Lage und dem Fliegerhorst eine besondere Bedeutung zu. Die Hoffnungen der Bürger, ihre Stadt würde zur „Lazarettstadt“ erklärt und so geschont, waren dahin. Die Eisenbahnbrücke am Amperstausee wurde in der Nacht auf den 29. April auch tatsächlich in die Luft gejagt.

Der Amperübergang zwischen Marktplatz und Leonhardikirche entging diesem Schicksal knapp. Über die Brücke führte schon damals nicht nur die wichtige Straßenverbindung von Augsburg nach München. In ihr waren auch Wasserleitungen und Stromkabel verlegt, die für die Versorgung der Stadt unabdingbar waren.

Nazis schaffen Lastwagen voller Sprengstoff heran

Lastwagenweise hatten die Nazis in den letzten Kriegstagen noch Sprengstoff herankarren lassen. Als sie begannen, die Sprengung vorzubereiten, verbreitet sich das wie ein Lauffeuer in der Stadt.

Der damalige Apotheker Hans Kolb schreibt später in seinem Augenzeugenbericht: „Ich war in der Apotheke, da kam jemand und meldete: ,Die Amperbrücke wird gesprengt.‘ ... Da gab es für mich nur eins, mitzuhelfen, dass dieser Wahnsinn verhindert würde.“ Kurzentschlossen eilte er zur Brücke. „Mehrere Soldaten waren damit beschäftigt, Sprengladungen einzubauen.“ Auch andere Bürger waren da und zu allem entschlossen. Nicht nur, weil sie eine Katastrophe für das Alltagsleben bedeutet hätte – auch weil die namensgebende Brücke ein Symbol für ihre Stadt war.

Die Brückenretter organisierten sich in drei Gruppen. Eine sollte durch Gespräche verhindern, dass die NSDAP-Kreisleitung den Sprengbefehl ausführte, die zweite bewachte die Brücke und das militärische Sprengkommando Tag und Nacht, die dritte sollte beim Einmarsch der Amerikaner präsent sein, um weiteren Schaden abzuwenden.

Brückenretter riskierten ihre Leben

Die Bürger nahmen dafür ihren ganzen Mut zusammen. Die Aktion hätte jedem einzelnen von ihnen den Tod bringen können. „Heute, hinten nach mögen all diese Einzelheiten einfach und selbstverständlich erscheinen. Damals aber war alles ein großes Wagnis und, gefahrvoll für jeden Beteiligten“, schreibt ein anderer Zeitzeuge später in einem Bericht über das Kriegsende in Fürstenfeldbruck.

Zur Verhandlungsgruppe gehörte auch der Apotheker. In hitzigen Diskussionen erreichten er und seine Mitstreiter tatsächlich die vorläufige Rücknahme des Sprengbefehls. Ersatzweise wurde eine Barrikade errichtet. Dazu wurde ein Militärlaster vor die Brücke geschleppt, quer gestellt, und mit Eisenschienen verkeilt. Andere Bürger schafften mit Fuhrwerken schwere Steine herbei. Dass dies alles amerikanische Panzer aufhalten könnte, glaubte wohl kaum einer. Aber Hauptsache die Sprengung war verhindert.

Ein Trick rettet die Brücke in Fürstenfeldbruck

Doch noch war die Brücke nicht endgültig gerettet. Am Vormittag des 29. April erschien ein Major der sich zurückziehenden restlichen deutschen Truppen in der Stadt. Er hatte einen militärischen Befehl zur Brückensprengung. Die Zusage der örtlichen NS-Führung, das Bauwerk zu verschonen, war damit wertlos.

Doch dem damaligen Direktor der Stadtwerke war inzwischen die rettende Idee gekommen – und er hatte sie auch in die Tat umgesetzt. Wegen der Leitungen in der Brücke hatte er sich von einem Heeresgeneral einen übergeordneten Befehl verschafft, indem sie als Versorgungsbrücke eingestuft wurde. Als solche war sie von der Sprengung ausgenommen. Zeitzeugen berichten, dass am Ende auch die Wachmannschaft abzog und Brucker Bürger die Barrikade wieder abbauten – nur Stunden bevor die ersten amerikanischen Panzer auf den Marktplatz rollten.

In der Wohnung ihrer Familie hielten die Amis Brückenwache

Heute blättert die 93-Jährige gerne in alten Fotoalben. „Man darf nicht vergessen und muss die Leute aufwecken“, sagt sie.

Die Amerikaner waren sich der großen Bedeutung der Amperbrücke wohl bewusst. Sie fürchteten, dass letzte versprengte Reste der Wehrmacht sie doch noch in die Luft sprengen könnten. Deshalb hielten nun US-Soldaten Brückenwache. Damit sie dabei im nasskalten April nachts nicht frieren mussten, quartierten sie sich in einer Wohnung im damaligen Haus Hauptstraße 1 ein. Dort lebte Antonie O. mit ihren Eltern und Brüdern.

Antonie war damals 19 Jahre alt. „Wir mussten ein Zimmer in unserer Wohnung räumen“, berichtete die heute 93-Jährige. „Von den Fenstern dort konnte man zur Brücke schauen.“ In der Familie herrschte große Aufregung. Man war einesteils froh, überhaupt in der Wohnung bleiben zu dürfen. Andererseits wusste man nicht, wie die Soldaten sich verhalten würden. Besonders die Schwarzen unter ihnen erschienen der Familie damals als fremd und bedrohlich.

Antonie O. lebte als junges Mädchen nahe der Amperbrücke.

„In der ersten Nacht sperrten sich meine Brüder mit mir in ihr Zimmer ein. Ich durfte nichtmal raus, um auf die Toilette zu gehen“, erzählt Antonie O.. „Meine Brüder hatten solche Angst, dass die Soldaten mich vergewaltigen würden. Die Befürchtungen waren unbegründet. Die Amerikaner gingen freundlich mit der Familie um. Als sie am nächsten Morgen wieder abzogen, um erst am Abend wieder zu kommen, entspannte sich die Situation vollends. Die Soldaten hatten vorher in ihrem Wachzimmer gefrühstückt. Was sie nicht gegessen hatten, ließen sie stehen. „Schokolade in Dosen und andere leckere Sachen. Das war für uns junge Leute unglaublich und sehr willkommen. Wir hatten ja immer Hunger.“ Durch die Brückenwache war Antonie O. und ihren Brüdern eine Weile lang jeden Tag eine zusätzliche Mahlzeit sicher.

Sabine Kuhn

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