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Kette der helfenden Hände

Der lange Weg weg vom Heroin

  • Thomas Eldersch
    VonThomas Eldersch
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Dank legaler Drogenersatzmittel hat es Helmut R.* in der Hilfseinrichtung P6 Neo in Fürstenfeldbruck geschafft, vom Heroin los zu kommen. 

Fürstenfeldbruck – Fast drei Jahrzehnte lang hatte die Droge zuvor sein Leben bestimmt, ihn wirtschaftlich ruiniert. Eine körperliche Besonderheit machte dem 52-Jährigen den Entzug besonders schwer. Er hielt durch – und wurde zum Vorbild für seine Schicksalsgenossen. Ordentlich rasiert, akkurater Haarschnitt, saubere Kleidung: Wer Helmut R. heute auf der Straße trifft, kommt nicht auf den Gedanken, einen ehemaligen Junkie vor sich zu haben. Allerdings war es ein langer Weg, bis der 52-Jährige zu diesem Punkt kam. „Nur mit eisernem Willen und viel Disziplin habe ich den Absprung geschafft“, sagt er.

Helmut R. versuchte es zuerst mit dem legalen Drogenersatzstoff Polamidon. Doch das Mittel verlor nach einer Zeit seine Wirkung. Der 52-Jährige war verzweifelt. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Damit hatten sie nicht gerechnet. Die Mediziner kamen zu dem Schluss, dass ihr Schützling eine Teilresistenz entwickelt haben muss.

Helmut R. zog es den Boden unter den Füßen weg. Er sah nur noch zwei Alternativen: komplett nüchtern werden oder seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. „Ich habe ernsthaft über Suizid nachgedacht“, sagt er. Er entschied sich für die andere Option.

Inzwischen nimmt Helmut R. seit fast acht Monaten gar nichts mehr. „Der Entzug war hart. Ich habe einmal sechs Tage nicht mehr geschlafen“, berichtet er. Auch jetzt schläft er maximal vier Stunden pro Nacht. Doch er ist stolz, durchgehalten zu haben – auch wenn es nach wie vor Tage gibt, an denen er zu kämpfen hat.

Doch der 52-Jährige hat inzwischen eine Zusatzmotivation durchzuhalten: Er ist zum Vorbild geworden. „Leute aus dem Programm von P6 Neo wollen jetzt nach meinem Vorbild auch komplett clean werden.“ Kaum einer, nicht einmal die Ärzte, hätten gedacht, dass es Helmut R. alleine und ohne Betreuung schafft.

Die Wurzel für sein zwischenzeitlich so verkorkstes Leben, liegt in seiner Kindheit. Sein Vater war Alkoholiker, schlug ihn und seine drei Schwestern. Als Sechsjähriger bekam R. Depressionen. Er fürchtete sich vor der Dunkelheit und dem Alleinsein. Erst als sich die Eltern trennten und er bei seiner Mutter blieb, wurde es besser. Trotzdem war R. gezeichnet. Als Jugendlicher berauschte er sich mit Alkohol und Marihuana. Anfang 20 nahm er das erste Mal Heroin. Zunächst schnupfte und rauchte er das Opiat. Als die Wirkung immer kürzer anhielt, griff er zur Spritze.

„Am Beginn konnte ich noch arbeiten gehen“, erzählt der 52-Jährige. Als der Lohn nicht mehr für die Drogen reichte, wurde er zum Dieb. „Ich bestahl Freunde und Verwandte. Nach und nach verlor er seine bürgerliche Existenz: Arbeit, Freunde, Auto, Führerschein. Als auch noch seine Mutter starb, fiel er in ein tiefes Loch. „Ich bin fast zehn Jahre so gut wie nicht vor die Tür gegangen.“

Eine Freundin leitete die Wende ein. Sie stellte den Kontakt zum P6 Neo her. In der Suchthilfe schaffte es der 52-Jährige das Heroin zu ersetzen. Ein Motivationsschub war ihm seine Tochter. Jahre lang war der Kontakt völlig abgerissen. Da meldete sich der Vater plötzlich am Telefon. Die 28-Jährige war heilfroh. „Sie hat geglaubt, ich bin tot“, erklärt R. Weil er die Rechnungen nicht bezahlt hatte, war sein Anschluss gesperrt worden und er nicht mehr zu erreichen. Jetzt besucht er regelmäßig seine Tochter – und seine beiden Enkelkinder.

Ganz vertrieben hat R. die Schatten der Vergangenheit noch nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Abhängigen hat er es zwar geschafft, sich nicht mit schweren Krankheiten wie HIV oder Hepatitis anzustecken. „Ich habe immer auf Hygiene geachtet. Nie Spritzen geteilt.“ Aber auf dem Arbeitsmarkt muss er allerdings erst wieder Fuß fassen. Dazu will er den Führerschein wieder machen. Der ist teuer. Und eine bessere Wohnung kann R. sich auch erst leisten, wenn es ihm finanziell wieder einigermaßen geht. Dabei möchte er so gerne in die Nähe seiner Tochter ziehen. *Name geändert

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So funktioniert die Kette der helfenden Hände

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