Straßennamen

Leben auf einer einsamen Insel mitten in Bruck

  • schließen

Die Schwestern Gabriele und Mirjam Haeusler lebten ein zurückgezogenes Leben in ihrer Villa an der Dachauer Straße. Aus dem Vermögen, das sie hinterließen, entstand die in Bruck ansässige Kester-Hauesler-Stiftung.

Fürstenfeldbruck – Keine Zentralheizung, kein Fernseher – Mirjam und Gabriele Haeusler pflegten trotz ihres großen Immobilienvermögens einen bescheidenen, um nicht zu sagen spartanischen Lebensstil. In ihrer denkmalgeschützten Gründerzeitvilla an der Dachauer Straße lebten die Schwestern noch in den 1980er Jahren wie auf einer einsamen Insel. Die beiden waren die letzten überlebenden von insgesamt sechs Geschwistern, die ohne Nachkommen blieben. Diesem Umstand verdankt Bruck die Kester-Haeusler-Stiftung.

„Die beiden lebten isoliert von der Öffentlichkeit“, erzählt Volker Thieler, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Der Rechtsanwalt hat die 1988 und 1989 verstorbenen Schwestern noch persönlich gekannt. Jede Woche wurde er in der Villa zu Salat, Aufschnitt und warmen Brezen eingeladen. Man besprach Geschäftliches, doch die Damen ließen sich von Thieler auch gern „vom Leben erzählen“, das sich außerhalb ihrer Grundstücksgrenzen abspielte. Ihren scharfen Schäferhund sperrten sie in einen alten Opel Kadett, bevor Thieler eintraf. Erst nachdem der Anwalt wohlbehalten im Haus war, wurde der Hund wieder herausgelassen.

Geblümte Sommerkleider, große Strohhüte, weiße Handschuhe – dieses Bild von Mirjam und Gabriele Haeusler hat sich in Thielers Erinnerung eingeprägt. So waren sie angezogen, wenn sie ihn gelegentlich in seiner Münchner Kanzlei aufsuchten. „Sie waren richtige Damen und legten großen Wert auf gutes Benehmen.“ Dazu gehörte offenbar auch ein ausgeprägtes Standesbewusstsein.

Dass die Schwestern sich etwa mit ihren beiden Hausangestellten gemeinsam zu Tisch gesetzt hätten, war undenkbar. Zu den Vorfahren der Haeuslers zählten hochrangige Militärs und erfolgreiche Fabrikanten – ein Großvater der Schwestern machte sein beachtliches Vermögen mit einer Lederfabrik, der zu ihrer Zeit modernsten in Europa.

Nicht, dass sich die Schwestern zu fein zum Arbeiten gewesen wären. Gabriele Haeusler betrieb im Garten der Villa einen gewerblichen Obst- und Gemüseanbau. Auch, als es längst nicht mehr nötig war, versorgten sich die Damen mit Gemüse komplett selbst. Der Garten blieb bis ins hohe Alter ihre große Leidenschaft.

Mirjam und Gabriele hatten drei ältere Brüder und eine jüngere Schwester, die bereits vor ihrem 15. Geburtstag starb. Zwei der Brüder, Eduard und Ludwig (geboren 1889 und 1891), zog es in die Welt hinaus. Anfang der 1920er Jahre gingen sie als Generalvertreter diverser europäischer Unternehmen nach Chile.

Während Gabriele Haeusler in Deutschland blieb, packte auch Mirjam das Fernweh. Sie folgte ihren Brüdern nach Südamerika und übernahm in der Generalagentur die Buchführung, kam aber Mitte der 1930er Jahre nach Bruck zurück. Ihre Mutter und Schwester brauchten Unterstützung bei der Versorgung des schwerkranken dritten Bruders Richard. Nach dessen Tod musste der Vater gepflegt werden – er starb zehn Monate nach seinem Sohn.

Mirjam träumte noch lange von einer Rückkehr nach Chile, doch daraus wurde nichts mehr. Die politische Situation in Nazi-Deutschland und der Zweite Weltkrieg machten die Reise unmöglich. Wenige Wochen nach Kriegsende starb die Mutter der Haeusler-Geschwister, und Mirjam entschloss sich, auf Dauer bei ihrer Schwester in Bruck zu bleiben. Die schöne Zeit in Chile lebte nur in ihrer Erinnerung weiter. „Sie konnte stundenlang davon erzählen“, berichtet Thieler.

Nach dem Krieg war auch für die Schwestern das Leben nicht einfach. Um finanziell über die Runden zu kommen, vermieteten sie bis in die 1960er Jahre in ihrer Villa Zimmer, bevorzugt an Adlige, ehemalige Offiziere und Offizierswitwen.

Nachdem keines der Haeusler-Geschwister geheiratet und Kinder gehabt hatte, beschäftigte die Schwestern mit zunehmenden Alter die Frage, wie sich das Familienvermögen bewahren lasse. Ein Auseinanderfallen des Besitzes war für sie „nicht nur unerwünscht, sondern unvorstellbar“, sagt Volker Thieler.

Die Lösung war die gemeinnützige Kester-Haeusler-Stiftung, die sich seit über 30 Jahren der Förderung von Wissenschaft, Forschung und Kultur verschrieben hat.

Um die Erinnerung an die Stifterinnen wachzuhalten, benannte die Stadt Fürstenfeldbruck den Verbindungsweg zwischen Sinzinger und Stadelberger Straße nach ihnen. Der Geschwister-Haeusler-Weg befindet sich in unmittelbarer Nähe ihres früheren Zuhauses. Heute ist die Haeusler-Villa Sitz der Stiftung.

Die Serie

Viele Straßen in Fürstenfeldbruck sind nach verdienten Bürgern, nach Künstlern und nach Äbten benannt. Die Tagblatt-Serie stellt die Namensgeber vor.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wo sich der Oldtimer durchs Maisfeld frisst
Bis er auseinander fällt. Landwirt Ludwig Probst aus Fürstenfeldbruck fährt einen Maishäcksler der ersten Generation. Der Oldtimer leistet noch gute Dienste.
Wo sich der Oldtimer durchs Maisfeld frisst
Freibäder mussten 2019 kreativ sein
Auch wenn der Spätsommer derzeit Überstunden macht: Becken und Liegewiesen der Freibäder gleiten langsam in den Winterschlaf hinüber. In den Büros der zuständigen …
Freibäder mussten 2019 kreativ sein
Gasflasche explodiert - Mann schwer verletzt
Weil sich eine Gasflasche nicht zudrehen ließ, geschah das Unglück. Bei einer Explosion wurde ein Olchinger (52) schwer verletzt und ins Krankenhaus Bogenhausen gebracht.
Gasflasche explodiert - Mann schwer verletzt
Hund beißt Briefträger ins Bein - Postboten fürchteten das Tier schon lange
In Gröbenzell gibt es einen Briefkasten, vor dem sich Postboten besonders fürchten: Hier lauert ein Hund, der keifend und knurrend auf die Zusteller wartet. Vor Kurzem …
Hund beißt Briefträger ins Bein - Postboten fürchteten das Tier schon lange

Kommentare