Am Ammersee: Die MS-Gruppe Fürstenfeldbruck mit Leiterin Sigrid Straube (stehend 4.v.l.) und Mitglied Michaela Fitzek (stehend 2.v.l.) unternimmt gerne gemeinsame Ausflüge und lacht viel zusammen.

Kontaktgruppe besteht seit 40 Jahren

Leben mit Multipler Sklerose

Fürstenfeldbruck - Sie ist unheilbar, heimtückisch und  unvorhersehbar – die Krankheit Multiple Sklerose (MS). Auch im Landkreis gibt es viele Betroffene.

Nach ihrem ersten Besuch bei der Multiple-Sklerose-Kontaktgruppe sagte sich Michaela Fitzek: Da gehst du nie wieder hin. Zu belastend war es, andere Betroffene zu sehen, die im Rollstuhl saßen, ihr Glas nicht mehr alleine halten konnten oder gefüttert werden mussten. Sie selbst hatte ihre Diagnose gerade erst bekommen und spürte kaum Beeinträchtigungen. Schon am Morgen nach jenem ersten Besuch hatte sie es sich anders überlegt.

„Ich sagte mir: Doch, da gehst du wieder hin – da siehst du, wie gut es dir geht.“ Zehn Jahre ist das her. Längst ist Michaela Fitzek festes Mitglied der MS-Kontaktgruppe geworden, und bis heute geht es ihr vergleichsweise gut. „Ich kann noch alles machen“, sagt die 48-jährige Buchhalterin. „Aber es geht alles langsamer. Ich darf mir nicht mehr so viel vornehmen, und ich muss auf meinen Körper hören.“

Außenstehende merken ihr die Krankheit nicht unbedingt an. Nur sie selbst weiß, wie viel Anstrengung es kostet, beim Laufen das Gleichgewicht nicht zu verlieren. „Ich muss mich wahnsinnig konzentrieren, dass ich meine Spur halte“, erzählt die Bruckerin. „Sonst würden die Leute denken, ich habe die ganze Nacht durchgesoffen.“

Ein schwankender Gang gehört für MS-Kranke zu den häufigsten Beeinträchtigungen. Es fühlt sich an, als müssten sie mit Gewichten an den Füßen über eine halb aufgeblasene Luftmatratze balancieren. Verletzende Kommentare über das „Torkeln“ waren für Betroffene früher durchaus ein Grund, die Öffentlichkeit zu meiden, weiß Sigrid Straube. Die 58-Jährige leitet die MS-Kontaktgruppe seit 15 Jahren. „Heute sind die Leute selbstbewusster und können besser mit der Krankheit umgehen.“

Einmal im Monat trifft sich die Gruppe in der Erlöserkirche. Neben Fachvorträgen wird Ergo- und Atemtherapie praktiziert, es gibt Gymnastik, Bastelveranstaltungen und Ausflüge in Museen und Kultureinrichtungen. Sigrid Straube, selbst nicht von MS betroffen, versteht sich als Impulsgeberin und will die Eigenständigkeit der rund 15 Mitglieder fördern. „Ich setze der Gruppe nicht etwas vor, sondern biete etwas an – das ist nicht so frontal.“ Ein Konzept, das gut ankommt.

Außerdem genießt man das Zusammensein. „Wir reden ganz selten über unsere Krankheit“, sagt Michaela Fitzek. „Wir haben einfach Spaß zusammen.“ Das bestätigt Christa Zimmer, die seit fast 30 Jahren unter MS leidet. „Man geht nach Hause und lächelt.“

Das Zuhause der 69-Jährigen ist ein barrierefreies Haus in Gernlinden. Eine Rampe führt vom Hof zur Haustür, eine weitere vom Wohn- in den Essbereich. Hier kommt die zweifache Mutter – schmal, dunkler Haarschopf, vergnügte Augen – gut zurecht. Morgens kommt ein Pflegedienst, danach Therapeuten, jeden Tag ein anderer. Ihren Rollstuhl bedient sie mit der rechten Hand, die linke Seite ist schwerer von MS betroffen.

Die Familie hat das Haus gebaut, nachdem Christa Zimmer die niederschmetternde Diagnose bekommen hatte. Sie arbeitete damals noch in der Hubschrauber-Einsatzleitung am Münchner Flughafen – ein Job, den sie liebte und auf keinen Fall aufgeben wollte. Als das Gehen schwieriger wurde, setzte sie sich für längere Strecken in einen Rollstuhl, zog einen weißen Socken über den Fuß und erzählte den Leuten etwas von einem Skiunfall. „Ich habe mich geschämt für die Krankheit.“ Eines Abends kam sie eine Treppe nicht mehr herunter.

Sie rutschte im Sitzen die Stufen hinab und sah ein: Es geht nicht mehr. Das war das Ende ihrer Berufstätigkeit. „Mit MS kann man weinen oder lachen“, sagt Christa Zimmer. Sie selber lacht lieber. Zum Beispiel darüber, dass sie aussieht „wie eine Obdachlose“, wenn sie mit ihrem tütenbeladenen Rollstuhl vom Einkaufen kommt. Oder über ihre Enkelkinder, wenn sie im ausrangierten Vorgängermodell über den Hof düsen. Und sie träumt davon, zur Meisterschaft der Rollstuhltänze ins brandenburgische Rheinsberg zu fahren – am liebsten zusammen mit der ganzen MS-Gruppe.

von Ulrike Osman

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