Mit dem E-Scooter durch Bruck.
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Mit dem E-Scooter durch Bruck.

Mikromobilität

Mit dem Elektro-Roller durch Fürstenfeldbruck – ein Versuch

  • Lisa Fischer
    VonLisa Fischer
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In vielen Großstädten haben sie bereits für Furore gesorgt. Jetzt sind die Elektroroller auch im Landkreis angekommen und auf den Straßen in Bruck, Germering, Puchheim und Olching unterwegs. Das neue Fortbewegungsmittel will natürlich ausprobiert werden. Tagblatt-Mitarbeiterin Lisa Fischer hat den Selbstversuch gewagt.

Fürstenfeldbruck – Ob Auto, Motorrad, Bagger oder Sattelschlepper: Ich bin schon mit allen möglichen Fortbewegungsmitteln gefahren – oder habe zumindest ein paar Übungsrunden gedreht. Nur mit diesen trendigen, neuen Rollern, die zum Beispiel schon durch München sausen, konnte ich mich bisher noch nicht anfreunden. Da es die E-Scooter nun auch seit ein paar Tagen in Fürstenfeldbruck gibt, war die Zeit reif für einen Selbstversuch.

Der Anbieter kommt aus Amerika

Die E-Roller werden von der Firma Bird Rides Germany betrieben und vermietet. Diese ist laut Homepage Vertragspartner der „Bird Rides Inc.“ mit Sitz in Kalifornien – ein US-Unternehmen also.

Bevor ich die Fahrt mit einem der schwarz-weißen Zweiräder starten kann, muss ich mir die zugehörige kostenlose App herunterladen. Ohne die geht nichts. Kurz schleicht sich der Gedanke in meinen Kopf, was ich beim Klicken auf „Installieren“ alles zustimme – aber den schiebe ich schnell weg. Bei einer App für Mode oder Einrichtungsideen denke ich ja auch nicht daran.

Also, App herunterladen und öffnen. Zugegeben, etwas neugierig bin ich ja schon. Eigentlich hatte ich erwartet, erst einmal meine kompletten Daten, zumindest Vor- und Nachname und Geburtsdatum, angeben zu müssen. Umso mehr bin ich erfreut, dass diese Forderung ausbleibt. Nachdem ich geortet wurde, fliegt meine Standort-Nadel auf der Karte von den USA nach Fürstenfeldbruck. Hier sitze ich jetzt und möchte losfahren.

Ohne große Erklärung, was passiert oder was ich tun soll, wird mir nun die Brucker Innenstadt rund um den Stockmeierweg angezeigt. Und da ploppen auch schon einige weiße Blasen mit dem Bird-Logo in Brucker Straßen auf. Hier stehen wohl die Leih-Roller, denke ich mir. Kurz auf ein Logo draufgetippt und schon ist meine Illusion vom anonymen Rollerfahren zerstört: Um diesen E-Scooter auszuleihen, muss ich meinen Führerschein abfotografieren, steht dort.

Der Kampf mit der App

Diese Aufforderung verwirrt mich so sehr, dass ich schnell in Google eingebe, ob es denn kritische Meldungen über die Firma Bird gibt. Es gibt zahlreiche Online-Berichte. Aber in keinem wird das Thema Führerschein erwähnt.

Also gut, Führerschein abfotografieren. Die Aufforderung, dass die App Fotos mit meiner Kamera aufnehmen darf, klicke ich erst energisch weg – die folgende Meldung, dass es ohne Kamera-Zugriff aber nicht funktioniert, zwingt mich dann zum Zustimmen. Ich möchte ja endlich fahren. Führerschein abfotografiert (es gäbe auch die Option Personalausweis) und los.

„Halt, stop!“, sagt die App. Als nächstes soll ich ein Selfie machen, um zu verifizieren, dass der Führerschein zu mir gehört. Ich sehe schon meine Testfahrt dahinschwinden, denn das biometrische Führerschein-Foto hat mit dem schnell aufgenommenen Redaktions-Selfie keinerlei Ähnlichkeit. Aber es funktioniert – ich bin ich! Kurz überfliege ich noch einen aufploppenden „Mietvertrag“, den ich zunächst wie das Zustimmen der AGBs routiniert wegklicken will. Ein paar Punkte lese ich mir aber dann doch durch. Bei dem Hinweis „Der Nutzer darf ein Maximalgewicht von 100 Kilogramm inklusive Gepäck nicht überschreiten“ werfe ich einen kurzen fragenden Blick zu meiner Handtasche – und bestätige den sogenannten Mietvertrag mit der Berliner Firma. Und endlich klappt es, ich kann einen Leih-Roller mieten!

Die Fahrt beginnt

Das nächste Fahrzeug steht nicht weit weg, ich könnte es sogar für 15 Minuten reservieren. Bei dem schmalen Scooter angekommen, öffne ich die App und scanne den QR-Code, der oben auf dem Lenker abgebildet ist. 13 Kilometer Reichweite hat er noch laut App. Ein Signal am Roller sagt mir, dass er entsperrt ist. Und beim kurzen Blick auf die App sehe ich, dass die Zeit schon läuft. Am Lenker sind Klingel und ein Hebel angebracht. Letzteres muss wohl der Gashebel sein. Der Kollege aus der Sportredaktion hat mich schon vorgewarnt, dass die Dinger ganz schön Gas geben können. Also tippe ich zaghaft an den Hebel. Der Roller macht einen kleinen Satz nach vorne und schon rollen wir los. Mit den ersten Metern und dem leichten Fahrtwind überkommt mich gleich ein Gefühl von Freiheit und Spaß und ich bin überzeugt: So kann man sich wirklich super und einfach fortbewegen!

Mulmiges Gefühl auf der Hauptstraße

Doch da kommt schon, etwas bedrohlich, die große Münchner Straße, auf die ich nun abbiegen soll. Denn die Leih-Roller gelten wie Fahrräder, auf dem Gehweg fahren ist tabu. Mit mulmigen Gefühl ordne ich mich zwischen den Autos ein. Ab der Sparkasse beginnt Gott sei Dank der Radl-Weg, auf den ich mich flitzend flüchte. Für den Foto-Termin mit dem Tagblatt-Fotografen möchte ich den Roller an der Hauptstraße abstellen. Das geht nicht, sagt die App – „Parkverbotszone“. Wie ich später herausfinde, kann man den Roller aber immerhin digital absperren, um in ein Geschäft zu gehen – die Zeit und damit die Fahrtkosten laufen aber weiter. Gemütlich bummeln ist also nicht drin.

Neben der auf der Karte eingezeichneten, roten Parkverbotszone gibt es noch die lilafarbene große Zone, in der man die Roller benutzen und abstellen darf. Schnell düse ich zu einer solchen Grenze. Was wird passieren, wenn ich drüber fahre? Ich vermute mal, dass der Roller langsamer wird und stehen bleibt.

Peinliches Piepsen

Als ich dann all meinen Mut zusammennehme und über die lilafarbene Grenze fahre, geschieht einige Meter lang – nichts. Ich fahre Richtung Kloster Fürstenfeld. Plötzlich fängt der Roller aber unangenehm laut an zu piepsen. Peinlich berührt drehe ich schnell um und fahre das Teil in den erlaubten Bereich zurück. Es dauert ein paar Sekunden, bis sich der kleine Vogel (kommt daher der englische Firmen-Name „Bird“?) beruhigt hat. Dann kann ich ganz normal weiterfahren.

Mein Fazit: Mit dem Roller durch Bruck zu düsen macht Spaß. Den Weg durch den Anmelde-Dschungel könnte man allerdings noch ein wenig einfacher gestalten. Und ganz günstig war die Fahrt nicht: Für 27 Minuten zahle ich etwas über sechs Euro.

So soll der Scooter-Boom in kontrollierte Bahnen gelenkt werden

Neben Fürstenfeldbruck werden die E-Scooter künftig auch in Olching, Puchheim und Germering angeboten. Insgesamt sind es vorerst 140 Gefährte. Um Konflikte zu vermeiden, haben sich die Städte, das Landratsamt und der Anbieter an einen Tisch gesetzt und ein Regelwerk für den Verleih der Roller geschaffen.

Darin verpflichtet sich der Anbieter „Bird“, sich an feste Nutzungsgebiete und Parkverbotszonen zu halten. So dürfen die Roller etwa nicht an der Hauptstraße in Fürstenfeldbruck geparkt werden. Dort drohen aus Sicht der Stadt Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern. „Auch Friedhöfe sind tabu“, erklärt Martin Imkeller von der Stabsstelle ÖPNV im Landratsamt. Wo geparkt werden darf, zeigt die App an.

Die sogenannte Selbstverpflichtungserklärung des Anbieters ist aus Sicht des Landratsamtes die einzige Möglichkeit, den Verkehr und das Abstellen der Fahrzeuge in geordnete Bahnen zu lenken. Die Zusammenarbeit mit dem bisher einzigen Anbieter „Bird“ klappe sehr gut, erklärt Martin Imkeller vom Landratsamt. Für den Fall, dass weitere Unternehmen Leih-Roller anbieten wollen, werde man auch dort versuchen, eine Selbstverpflichtung mit den gleichen Regeln auf den Weg zu bringen.

Mit der Beschränkung der Flotte auf 140 Fahrzeuge wolle man Erfahrungen sammeln. Je 40 Roller warten in Germering und Fürstenfeldbruck auf Nutzer, je 30 sind es in Puchheim und Olching. Je nachdem, wie die Anfangsphase läuft, können es auch noch mehr werden. Wie das Landratsamt mitteilt, haben auch andere Kommunen im Landkreis die Möglichkeit, sich jederzeit kurzfristig anzuschließen.

Mittelfristig ist geplant, das E-Roller-Angebot mit den sogenannten Mobilitätsstationen zu verknüpfen. Dabei handelt es sich um Orte, die Drehscheibe mehrerer Verkehrsmittel sind. Dazu zählen neben Bus und Bahn auch Angebote mit Leihrädern und Leihautos. Die Eröffnung der ersten Mobilitätsstationen ist für das zweite Halbjahr 2022 vorgesehen. tog

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