1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fürstenfeldbruck
  4. Fürstenfeldbruck

Nach Corona-Infektion: Bruckerin leidet seit Monaten an Long Covid

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Eva Strauß

Kommentare

Wegen ihrer Erkrankung verbringt Elke Scherer viel Zeit zu Hause.
Wegen ihrer Erkrankung verbringt Elke Scherer viel Zeit zu Hause. © Weber

Schmerzen im Händen und Armen lassen eine 46-Jährige seit Langem nicht schlafen. Es sind Nachwehen einer Corona-Infektion, genannt Long Covid. Die Bruckerin möchte aufklären.

Fürstenfeldbruck – Früher hat Elke Scherer einen ganzen Saal zum Lachen gebracht und spontan Vorträge gehalten. Jetzt meidet sie Menschengruppen. Worte fallen ihr nicht mehr ein. In Händen und Armen hat sie Schmerzen. Die Fürstenfeldbruckerin leidet an Long Covid – die Folge einer Corona-Infektion. Sie will ihr altes Leben zurück – und über die Krankheit aufklären.

Ein Haus irgendwo in Fürstenfeldbruck. Eine Frau macht die Tür auf. Blondes, schulterlanges Haar, gestreiftes Shirt, rote Brille. „Ich bin heute etwas knatschig“, sagt Elke Scherer fast schon entschuldigend. Nierenschmerzen hätten sie schlecht schlafen lassen. Die bekommt die 46-Jährige von den Medikamenten, die sie gegen die Schmerzen in Händen, Handgelenken und Armen nimmt – nur eine der Folgen ihrer Corona-Erkrankung im Februar.

Ihr Leben hat sich verändert

Heute, vier Monate nach der Infektion, hat sich das Leben der gebürtigen Kölnerin total verändert – und auch ihre Persönlichkeit. Schon wenn beide Kinder (9 und 10) gleichzeitig etwas von ihr wollen, fühlt sie sich gestresst. Menschengruppen meidet sie, geht deshalb auch um 7 Uhr früh einkaufen. „Da ist der Laden noch leer.“ Auch Pommes holen im Freibad überlässt sie lieber ihrem Mann – zu viele Menschen in der Schlange vorm Kiosk. Vor Corona war das anders. Die Elke von früher sei „laut, impulsiv und gesellig“ gewesen – eine echte Kölner Frohnatur eben, so die 46-Jährige. „Jetzt bin ich sehr ruhig geworden.“ Dieser Zustand belastet sie und ihre ganze Familie. Ihre Mutter klage am Telefon: „Ich will die alte Elke zurück.“

Eine von 350 000 Betroffenen

Elke Scherer ist einer von über 350 000 Menschen in Deutschland, die infolge einer Corona-Infektion an Long Covid leiden. Es scheint, als hätten ältere und übergewichtige Menschen ein höheres Risiko für Long Covid. Außerdem sind mehr Frauen betroffen. An den Ursachen wird noch geforscht. Es gibt eine Reihe von Erklärungsversuchen, etwa dass eine vom Virus ausgelöste Nervenentzündung fortbesteht. Womöglich gibt es auch eine Autoimmunreaktion oder eine Schädigung der Gefäße. Bestimmte Vorerkrankungen wie Diabetes oder Asthma können das Risiko steigern. Zu den Symptomen zählen chronische Erschöpfung, verminderte Leistungsfähigkeit, Überforderung und kognitive Störungen.

Solche Aussetzer kennt Elke Scherer nur zu gut. Statt die Wäsche in den Korb zu werfen, landete diese im Müll. Dem Sohn, der die dritte Klasse besucht, bei den Hausaufgaben helfen – Fehlanzeige. „Ich kapiere es einfach nicht mehr.“ Und auch der Weg zum Mammendorfer Freibad ist ihr entfallen. „Es ist eine Katastrophe“, sagt die eigentlich lebenslustige Frau. „Ich wurde total aus dem Leben gerissen.“

Hinzu kommen die seelischen Belastungen einer Corona-Erkrankung. Wie sehr Long Covid auch die Psyche belastet hat 24vita.de zusammengefasst*.

Wo sie sich angesteckt hat, weiß Elke Scherer, die als Masseurin in einer Physio-Praxis arbeitet, nicht mehr. Die Familie, die Arbeitskollegen, das private Umfeld – alle waren negativ. Die drei Wochen, in denen sie gegen das Virus kämpfte, verbrachte sie im Dachgeschoss – isoliert von der Familie. Zu den Schmerzen in Gliedern, Augen und Kopf kamen irgendwann Geruchsprobleme und Atemnot hinzu. Ins Krankenhaus musste sie aber nicht. Es war ein milder Verlauf.

Extreme Erschöpfung

Sobald Elke Scherer als genesen galt, ging sie wieder arbeiten. Doch bereits am ersten Tag stellte sie fest, dass etwas nicht stimmte. „Ich konnte keinen Gesprächen folgen und war extrem erschöpft.“ Nachdem es nicht besser wurde und auch die Schmerzen in den Händen nicht nachließen, suchte die 46-Jährige sämtliche Ärzte auf – vom Neurologen über den Orthopäden bis hin zum Lungenfacharzt. „Aber alle sagen, ich bin gesund. Die Werte sind top“, so die Bruckerin. Ihre Psychiaterin, zu der sie schon seit einer Wochenbett-Depression im Jahre 2013 geht, schreibt sie schließlich arbeitsunfähig. Das war Ende März.

Seitdem ist Elke Scherer daheim. Sie macht den Haushalt – so gut es geht –, werkelt im Garten und pflegt ihren Hibiskus. Zwischendurch muss sie sich immer wieder hinlegen. Unterstützt wird sie von ihrem Mann, der im Homeoffice arbeitet. Ihren Kinder sagt sie: „Denkt dran. Ich kann es nicht.“

Positiver Blick in die Zukunft

Alleingelassen fühlt sie sich hinsichtlich einer Anlaufstelle. Zwar gebe es in Großhadern eine Long-Covid-Ambulanz, aber die würde nur Patienten aufnehmen, die im Klinikum behandelt worden seien. Hilfe hat sie in der Facebook-Gruppe „Leben mit Covid-19“ gefunden.

Generell werde zu wenig über Long Covid berichtet, findet die 46-Jährige. „Es ist immer woanders. Es ist nie vor der Haustür. Es ist nie der Nachbar. Auch mir sieht man es ja nicht an“, sagt sie. Deshalb möchte sie über die Erkrankung aufklären.

Wie es ihrer eigentlich rheinischen Frohnatur entspricht, blickt Elke Scherer positiv in die Zukunft. „Es wird schon wieder alles werden.“ Derzeit wartet sie auf einen Platz in einer Reha-Klinik im Schwarzwald, in der auch Demenzkranke und Schlaganfall-Patienten behandelt werden. Sie wünscht sich vor allem eines: „Dass die Schmerzen aufhören und ich wieder denken kann.“ Ihr Leben vor dem Virus eben.

Das tägliche Update zum Coronavirus in Fürstenfeldbruck lesen Sie hier.

Weitere Nachrichten aus Fürstenfeldbruck lesen Sie bei uns. *24vita.de ist ein Angebot vom IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare