Pflegefamilien im Landkreis sollen in Zukunft besser betreut werden. symbolFoto:
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Pflegefamilien im Landkreis sollen in Zukunft besser betreut werden. symbolFoto:

Pflegeeltern kritisieren Änderungen

Neue Jugendhilfe stößt auf Widerstand

  • Thomas Steinhardt
    vonThomas Steinhardt
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Die Jugendhilfe wird dezentraler und zudem in so genannten Sozialräumen neu organisiert. Das stößt allerdings nicht nur auf Zustimmung. Pflege-Eltern laufen Sturm gegen die Neuerung. Landrat Thomas Karmasin aber will an der Neustrukturierung festhalten.

Landkreis – 80 Familien kümmern sich im Landkreis um rund 120 Pflegekinder. Dabei handelt es sich um Kinder, die bei ihrer eigentlichen Familie aus verschiedensten Gründen nicht bleiben können. Weil es die Pflegeeltern gibt, müssen diese Kinder nicht ins Heim. Vorteil außerdem: Die Kosten für eine Heimunterbringung sind ein Vielfaches höher als die Unterbringung in Pflegefamilien.

Fünf Sozialpädagogen sind im Jugendamt für das Pflegekinderwesen zuständig, wie der Verein Pflegeeltern erklärt. Diese hätten langjährige Erfahrung mit der speziellen Thematik und hätten eine sehr gute und erfolgreiche Arbeit gemacht. Der Landkreis habe ausreichend Pflegeelternbewerber – und das sei eine Seltenheit in Deutschland. Das sehen die Pflege-Eltern durch die Reform aber in großer Gefahr. Dabei wird der Landkreis in so genannte Sozialräume aufgeteilt, damit mehr Mitarbeiter vor Ort sein können.

Keine Fachleute mehr für Pflegefamilien

Wie die Pflegeeltern beklagen, sollen nun drei Mitarbeiter des Pflegekinderwesens in die fünf neuen Sozialräume aufgeteilt werden. Zwei Mitarbeiter blieben im Jugendamt für generelle Aufgaben wie Adoption, Pflegeelternbewerber, Schulungen. In zwei Sozialräumen würden also keine Fachleute für Pflegefamilien sitzen und die drei Mitarbeiter in den anderen Sozialräumen dürften auch nicht alle Pflegefamilien in den entsprechenden Sozialräumen betreuen, sondern nur die, die sie bisher betreut haben. Die Folge sei, dass eine gewisse Zahl der Pflegefamilien von Sozialpädagogen betreut werden soll, die keine Ahnung von der speziellen Thematik haben (psychologische Faktoren wie Traumatisierung, sozialpädagogische Themen wie spezielle Familienkonstellationen, juristische Themen wie Rückführung).

Dazu komme, dass die meisten Pflegekinder Bindungsprobleme haben und es für einige sehr schwierig ist, sich auf neue Betreuer einzulassen und die alten gehen zu lassen, die sie teilweise schon ihr ganzes Leben betreuen, so die Pflegeeltern.

Familienrat als Hilfe zur Selbsthilfe

Mit der Reform soll auch die Methode des Familienrates eingeführt werden – das ist vereinfacht gesagt eine Hilfe zur Selbsthilfe für Familien, die in Schwierigkeiten geraten sind. Das aber sei keine geeignete Methode im Pflegekinderwesen, betonten die Pflegeeltern. Beispielsweise könne man nicht Eltern (deren Kind erst vor kurzem in Obhut genommen wurde) und neue Pflegeeltern zusammen an einem Tisch setzen, damit sie gemeinsam die Regelung der Umgangskontakte diskutieren.

Die Pflegeeltern fürchten nun, dass Fachkompetenz verloren geht, die auch nicht so einfach ersetzt werden könne. „Wenn Pflegefamilien nicht fachlich gut und engmaschig betreut werden, ist die Gefahr sehr groß, dass Pflegeverhältnisse scheitern“, heißt es in einem Brief ans Tagblatt. Die Folge sei, dass mehr Kinder in Heimen untergebracht werden müssen, was sehr hohe Kosten verursache.

Amt hält an Plänen fest

Die Reform bei der Familienhilfe insgesamt begrüßen die Pflegeeltern übrigens. Sie bringe in vielerlei Hinsicht Positives mit sich. Aber eben nicht für die Pflegefamilien.

Im Landratsamt indes will man an den Plänen festhalten. In den neuen Strukturen gebe es zwei Mitarbeiterinnen, die nur für die Belange der Pflegeeltern zur Verfügung stünden. Hierbei handele es sich um erfahrene Sozialpädagoginnen, die schon im Pflegekinderwesen tätig gewesen seien. Das Aufgabenfeld umfasst die Überprüfung neuer Bewerber, die Aus- und Fortbildung von Pflegefamilien sowie auch die Zusammenarbeit mit dem Pflegeelternverein. Verändert werde nur die Zuständigkeit für die Pflegekinder.

Qualifizierungen für Mitarbeiter

Deren Ansprechpartner sind die jeweiligen Fachkräfte in den Sozialraumteams der Jugendhilfe vor Ort. Somit stehe sowohl eine konstante und fachlich qualifizierte Fachkraft für die Anliegen der Pflegefamilie als auch eine weitere Fachkraft, die die Belange des Pflegekindes als Aufgabenfeld hat, zur Verfügung, betont das Landratsamt. Natürlich müssten sich neue Mitarbeiterinnen die Expertise für den Bereich von Pflegekindern erst erarbeiten, räumt ein Sprecher ein. Entsprechende Qualifizierungen werden aber durchgeführt, verspricht er.

Es sei zu berücksichtigen, dass auch im bisherigen Pflegekinderwesen Personalwechsel stattfanden; so seien zwei Mitarbeiterinnen erst seit 2020 im Jugendamt tätig. Ein Ziel der Neustrukturierung sei es gerade, die personelle Konstanz zu erhöhen. Die Fallübergabe erfolge im Rahmen eines Gesprächs; somit lernen die Pflegekinder und die Pflegeeltern ihre neue Fachkraft persönlich kennen.

Verbesserung für alle Beteiligten

Eine Rückkehr zu alten Strukturen sei derzeit nicht vorgesehen und würde dem sozialräumlichen Ansatz widersprechen, dessen Ziel es gerade ist, eine Verbesserung für alle Beteiligten zu erzielen. Landrat Thomas Karmasin betont: „Es freut mich, dass die Pflegeeltern mit der derzeitigen Betreuung sehr zufrieden sind, und ich kann verstehen, dass sie deshalb Sorgen vor Veränderungen haben.“ Das Amt wünsche sich aber Verbesserungen für die große Mehrheit der Hilfesuchenden im Landkreis. Das erfordere Offenheit von allen. Karmasin: „Ich habe ausdrücklich angeboten, dass die Pflegeeltern, die mir sehr am Herzen liegen, zu mir kommen können, wenn es Probleme geben sollte.“

Ganz so einfach wird es wohl nicht abgehen: Inzwischen hat eine Sozialpädagogin des Pflegekinderwesens gekündigt. Somit seien nur noch zwei der fünf Sozialräume mit Fachkräften aus dem Pflegekinderwesen besetzt, heißt es von den Pflegeeltern.

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