Serie: Wie wird der landkreis fit für die Zukunft?

Neues Leben in der Witwensiedlung

Die Metropolregion München boomt. Gearbeitet wird in der Stadt, geschlafen in der Region. Will man bezahlbaren Wohnraum, muss man immer weiter raus ziehen, auch im Brucker Land. Das erhöht den Siedlungsdruck auf den westlichen Landkreis. Passende Wohnformen sind jedoch selten – noch.

Fürstenfeldbruck Die Räumliche Entwicklungsstrategie (RES) für den Landkreis Fürstenfeldbruck benennt die Defizite und fordert eine höhere Vielfalt an Wohnformen. Dass der Wohnungsbau dem steigenden Wohnraumbedarf hinterherläuft, ist an den steigenden Grundstückspreisen abzulesen – im Osten stärker als im Westkreis. „Das Thema schwappt aber auch in den Westen über, wo der Strukturwandel der Landwirtschaft noch nicht abgeschlossen ist“, erklärt Kreisbaumeisterin Karin Volk.

Die 44-Jährige hat die RES mitentwickelt und erklärt die Hintergründe. Die einzelnen Gebäudeteile eines Bauernhofes entsprechen in den seltensten Fällen den Anforderungen an die moderne Landwirtschaft, wenn sie überhaupt noch in Benutzung sind. Früher haben die alten Bauern im Austraghäusl gelebt und die Jungen auf dem Hof. Heute ist es andersrum: Die Jungen haben irgendwo neu gebaut und die Alten leben allein in einem viel zu großen Haus.

Ähnlich ist es bei den Baugebieten, die in den 1980-er Jahre entstanden sind: Die damalige Elterngeneration wohnt nun alleine in Häusern, die für mehrköpfige Familien gebaut wurden. Leider so, dass die Grundrisse es nicht zulassen, dass Eltern, Kinder und Enkel unter einem Dach wohnen. Deshalb sind die jüngeren weggezogen.

„In den 1960-er Jahren wurden für Einfamilienhäuser nicht selten Grundstücke mit 1000 Quadratmetern ausgewiesen. Heute lebt auf solchen Geländen häufig nur noch eine Person.“ Die Straßenzüge erhielten den Spottnamen Witwensiedlungen. Auch wenn das vertraute Haus eigentlich viel zu groß ist, und oft zur Last wird, der Schritt ins Altenheim fällt den Betroffenen trotzdem schwer. Sie müssten auch das gewohnte dörfliche Wohnumfeld aufgeben.

In Kottgeisering entstand deshalb eine Idee, die dieses Dilemma lösen sollte (siehe Kasten). Durch ein genossenschaftliches Neubau-Wohnprojekt hätten viele Senioren in kleineren Wohnungen am Ort bleiben können, während junge Familien in die frei werdenden großen Häuser ziehen hätten können. Der Gemeinderat lehnte ab. Junge Familien sollten lieber am Ortsrand siedeln, wo ein neues Zentrum geschaffen werden soll.

Ortsplanerisch grundverkehrt nennt Kreisbaumeisterin Volk diese Entwicklung. Innen- vor Außenentwicklung bedeutet nicht nur Flächensparen und wertvolle Freiflächen erhalten, sondern vor allem die Ortszentren zu stärken und am Leben zu halten. Schwer zu bewerkstelligen, wenn Visionen fehlen oder Bauern ihre ungenutzten Höfe nicht verkaufen wollen, weil sie nicht wissen, was sie in der Niedrigzinsphase mit dem Geld dann anfangen sollen.

Karin Volk empfiehlt den Gemeinden, es mit Tauschgeschäften zu versuchen. Manchmal helfe es auch, Nachbarn ins Boot zu holen, die vielleicht einen besseren Draht untereinander hätten, oder Hinterliegergrundstücke zu erschließen. Volk: „Die Devise sollte heißen weiterbauen im Ort statt neu bauen am Rand.“ Im Sinne einer maßvollen Nachverdichtung schließe Bauen im Bestand das Wegreißen alter Bausubstanz und den Neubau mit zum Teil größeren Gebäudeumfängen aber vergleichbarer Typologie nicht aus.

Zwei Stichworte fallen bei der RES-Teilstrategie ‚Vielfalt an Wohnformen’ immer wieder: interkommunal und Qualität. Das Landratsamt wird künftig mit der RES arbeiten, obwohl die Studie keine Rechtskraft hat.

„Wir setzen darauf, dass Bürgermeister und Bauamtsleiter dieses informelle Instrument nutzen und sich bei neuen Planungen daran orientieren“, sagt Karin Volk, „insbesondere wenn es um Themen wie Mobilität und Freiraumstrukturen geht, die nicht an der Gemeindegrenze enden“.

Neue Serie

Unter Federführung des Landratsamtes wurde eine Räumliche Entwicklungsstrategie entwickelt. Sie soll aufzeigen, wie die Region fit gemacht werden kann für die Zukunft. Das Tagblatt hat die wichtigsten Themenschwerpunkte aufgegriffen und beleuchtet sie ausführlich anhand konkreter Beispiele. (mjk)

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