Ein Mann hält ein Heft mit dem Aufdruck "Deutsches Reich Reisepass" in der Hand.
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Politikwissenschaftler Sven Deppisch schätzt, dass im Landkreis FFB 130 Reichsbürger leben. (Symbolbild)

Online-Vortrag

Reichsbürger fallen auch im Landkreis Fürstenfeldbruck auf

  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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Der Gröbenzeller Historiker und Politikwissenschaftler Sven Deppisch sprach in einem Online-Vortrag der Volkshochschule Fürstenfeldbruck über Reichsbürger.

Fürstenfeldbruck – Viel ist noch nicht geforscht worden zum Thema Reichsbürger. Lange galten sie als skurriler Randbereich der rechten Szene. Doch sie sind ein eigenes Phänomen, wie der Gröbenzeller Historiker und Politikwissenschaftler Sven Deppisch in einem Online-Vortrag der Volkshochschule Fürstenfeldbruck klarmachte.

Einig sind sich Reichsbürger und die ihnen verwandten „Selbstverwalter“, „Souveränisten“ und „Staatenlosen“ lediglich in der Ablehnung der Bundesrepublik, aus der sie meinen „austreten“ zu können. Bundesweit sollen es im Jahr 2019 etwa 19 000 gewesen sein, zu fast 75 Prozent Männer und älter als 40 Jahre. In Bayern ging man 2020 von rund 4100 zum Milieu gehörigen Personen aus.

Sven Deppisch, Historiker aus Gröbenzell.

Im Landkreis schätzt Deppisch ihre Zahl auf etwa 130. Die Betreffenden fallen ihren Mitmenschen meist nicht auf – es sei denn, sie bringen ihre abstruse Weltsicht durch Grenzziehungen um das eigene Grundstück zum Ausdruck. „Manche tun das mit Farbe oder Klebeband“, berichtete der Wissenschaftler.

Unangenehm und zuweilen aggressiv werden die Angehörigen der Szene im Umgang mit öffentlichen Stellen und Behörden. Sie verweigern die Annahme von Ausweispapieren, wollen keine Steuern und Gebühren zahlen und terrorisieren Ämter mit „Vielschreiberei“ – ellenlangen Briefen mit Texten aus dem Internet sowie erfundenen Geldstrafen und Schadensersatzforderungen. Manche setzen sich sogar gegen den Besuch des Kaminkehrers zur Wehr. Deppisch berichtete von einem Fall aus dem Jahr 2017, bei dem eine 29-Jährige im Südharz einen Polizisten mit Säure attackierte. Sie hatte zuvor die Heizungsinspektion durch den Bezirksschornsteinfeger verweigert.

Auch der Landkreis Fürstenfeldbruck ist keine „Insel der Glückseligen“, wie der 39-Jährige in seinem Vortrag ausführte. Im vergangenen Herbst sei in Olching eine Lehrerin wegen der im Unterricht geltenden Maskenpflicht von einem Vater bedroht worden. Eine Zuhörerin berichtete im anschließenden Chat mit dem Referenten, dass sie als Behördenmitarbeiterin auch schon einmal mit einem Szeneangehörigen zu tun hatte. Eskaliert sei die Situation aber nicht. „Es war schwierig und auch etwas lustig.“

Der Staat müsse in Sachen Reichsbürger „Umtriebe im Keim ersticken und klare Kante zeigen“, forderte Deppisch. Eine nachgewiesene Zugehörigkeit zur Szene gelte mittlerweile als Kriterium für waffenrechtliche Unzuverlässigkeit, sodass Waffenscheine einkassiert werden. Klare Kante zeigte auch das Land Schleswig-Holstein, als es für zurückgeschickte, aber noch gültige Personalausweise eine Verwahrgebühr von fünf Euro am Tag erhob. „Die meisten Reichsbürger holten ihre Ausweise daraufhin wieder ab.“ os

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