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In der Fürstenfeldbrucker Marthabräuhalle

Schnell-Schach: Mittendrin bei Deutschlands größtem Turnier

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Mit 174 Teilnehmern kam trotz Grippewelle und Schneeeinbruch ein Rekord-Teilnehmerfeld zu Deutschlands größtem Schnellschachturnier. Neben sechs Groß- und sechs internationalen Meistern sowie zahlreichen Profis wagte Tagblatt-Reporter Christian Masengarb in der Brucker Marthabräuhalle einen Selbstversuch. Am Ende gab es einen Überraschungssieger.

Fürstenfeldbruck Als ich in der Marthabräuhalle ankomme, ist noch gut eine Stunde Zeit bis Turnierbeginn. An manchen der bereits fertig aufgebauten Bretter studieren einige Teilnehmer noch entscheidende Züge, neben mir diskutiert eine russische Jugendmannschaft. Sie sind bei weitem nicht die einzigen jungen Teilnehmer.

Am Ende der Halle gibt es Schachbücher mit Fragen wie „Was ist die beste Antwort auf E2-E4?“ oder „Wie bringe ich einem Sechsjährigen am besten Schach bei?“ Ich erinnere mich vage, in ähnlich jungen Jahren mit meinem Opa Schach gespielt zu haben. Der freute sich damals, die Tradition an mich weiterzugeben. Weil ich mir denken kann, wie sehr er sich über meine Teilnahme freut, habe ich bei den BrainGames zugesagt.

Eine reelle Chance habe ich trotzdem gegen niemanden hier. Mit Schachtheorie beschäftigte ich mich nie, ich bin wohl der unerfahrenste Spieler im Raum.

Mein erster Gegner heißt Paul. Mit einer Turnierwertzahl von 1920 liegt er nicht weit hinter den 2512 an Nummer eins gesetzen russischen Profi Igor Khenkin. Die Turnierwertzahl soll helfen, Schachspieler nach Stärke vergleichbar zu machen. Sie errechnet sich aus den Ergebnissen bei vergangenen Turnieren.

Meine Turnierwertzahl beträgt 0. Dass der Unterschied zu Paul leistungsgerecht ist, wird mir schnell klar. Er ist ab dem ersten Zug im Vorteil, setzt mich durch ungewöhnliche Züge unter Druck. Er kennt die besten Antworten auf diese Züge auswendig, ich überlege. Das kostet Zeit. Beim Schnellschach stehen jedem Spieler nur 15 Minuten Nachdenkzeit zur Verfügung. Wer die aufbraucht, verliert. Gegen Ende einer Partie ziehen Schnellschachspieler deswegen blitzartig. Daher kennen sie die richtigen Spielweisen für alle Situationen intuitiv.

Christian Masengarb

Auch gegen Paul muss ich jetzt schnell ziehen. Das führt zu Fehlern und schon bald bin ich matt. „Wenn du gegen einen guten Spieler mehr als 15 Züge durchhältst, ist das gut“, hatte mein Vater vorher gesagt. Immerhin das könnte geklappt haben.

Schaut man den Profis wie Großmeister Igor Khenkin zu, sieht man, wie es richtig geht. Bei ihm wechseln sich blitzschnelle Züge und sofortige Schläge auf die Uhr ab. Wird die Zeit knapp, dauert ein Zug oft nicht länger als ein oder zwei Sekunden. Für mich sieht das aus wie Hexenwerk.

Mein Hoffnungen liegen auf den letzten Spielen. Das „Schweizer System“, das die BrainGames anwenden, lost Spielern im Turnierverlauf immer gleichstarke Gegner zu. Nach jeder Runde bekommen die Sieger des letzten Spiels stärkere Gegner, die Verlierer schwächere. „Eigentlich entscheidet sich das Turnier erst in den letzten zwei Spielen“, meint deswegen Hans-Joachim Hecht (79), Deutschlands Rekord-Teilnehmer an der Schacholympiade und seit 25 Jahren in Fürstenfeldbruck zuhause. „Man muss ständig darum kämpfen, das Niveau zu halten.“

„In den ersten Runden bekommt man es oft mit Großmeistern zu tun“, meint auch Werner Held, mein Gegner in Runde vier. „Da hat man keine Chance. In den letzten Partien wird es besser.“

Nach jeder Runde ist kurz Pause. Jetzt melden die Teilnehmer die Ergebnisse der Spiele, der Computer lost die nächsten Begegnungen aus. Lange Aushänge verkünden die nächsten Partien. Vor diesen bilden sich schnell große Menschentrauben, die sich langsam zu den 100 Schachbrettern im Raum hin auflösen.

Ähnlich beständig sind meine Niederlagen. Zwar halte ich einige Male mit und mache mir durchaus Hoffnungen, doch meine Gegenüber erkennen alle meine Attacken und entlarven die Schwächen meiner Verteidigung.

Mein letztes Spiel des Tages habe ich gegen die neunjährige Susi (Name geändert). „Jetzt zählt es“, denke ich mir. „So viel mehr Erfahrung kann Susi nicht haben.“ Doch Susi weiß, was sie tut. Sie zieht schnell, spielt aggressiv und gewinnt ohne Mühe.

Ich beende das Turnier ohne Sieg. Spaß hatte ich trotzdem. Wenn ich mich vor den Partien als überforderter Journalist vorstellte, reagierten meine Gegenüber mit Sympathie. Sie gaben mir Tipps und betonten, wie toll sie es fanden, dass ich mir ihren Sport einmal anschaute. Die Stimmung war wohlwollend und freundlich.

Mit Daniel Beletic gewann am Ende ein echter Überraschungssieger. Beletic ist eigentlich zwei Ränge unter den Großmeistern wie dem favorisierten Igor Khenkin. Dennoch sei der Sieg verdient, meint Organisator Thomas Hirn. „Beletic spielte mutig. Wo andere ein Remis annehmen, setzte er weiter voll auf Sieg. Deswegen geht der erste Platz in Ordnung.“ Hirn war mit den BrainGames auch dieses Jahr wieder zufrieden. „Mich begeistert besonders die familiäre Atmosphäre. Darauf wollen wir aufbauen.“ (Christian Masengarb)

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