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Die Römer kamen als Besatzer. Viele blieben. Das Foto entstand im Sommer 2016 im Kloster Fürstenfeld. Eine Gruppe aus Dasing zeigte Szenen aus der Antike.

Migration hat im Landkreis eine Jahrtausende alte Geschichte

Schon immer kamen Fremde – und blieben

Heute ist der internationale Tag der Migranten. Doch das Thema Zuwanderung ist so alt wie die Menschheit selbst. Auch der Landkreis ist seit tausenden von Jahren Ziel von Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Fast jeder Bewohner hat somit einen Migrationshintergrund.

Fürstenfeldbruck – Es sind Migranten, die den vielleicht größten Umbruch in der Zivilisationsgeschichte in die Region bringen. Bis zur Geburt des Christus-Kindes sind es noch gut 5000 Jahre, die Menschen zwischen Gröbenbach und Glonn ernähren sich von dem, was sie sammeln und jagen. Doch von den Karpaten, vom Balkan und aus dem Vorderen Orient haben sich Menschen mit Schafen und Ziegen sowie Nutzpflanzen im Gepäck auf den Weg gemacht. „Sie haben die Sesshaftigkeit mitgebracht“, sagt Kreisheimatpfleger Toni Drexler.

Der 70-Jährige ist eine Instanz auf dem Gebiet der Volkskunde, Regional-Historie und Archäologie. Vor zwei Jahren bekam er die Rainer-Christlein-Medaille, so etwas wie der bayerische „Nobelpreis für Archäologen“. Mit der Geschichte des Landkreises kennt er sich aus wie kein zweiter – und dabei spielt das Thema Migration eine wichtige Rolle. „Die Menschen waren schon immer in Bewegung“, sagt Drexler. „Unsere ganze Kultur und Lebensweise beruht auf Migration.“

Schafe gelten heute als nützliche Haustiere. Mitgebracht haben sie Einwanderer aus dem Orient vor 7000 Jahren.

Ein Paradebeispiel dafür ist die Ankunft der Römer in der Region, die Drexler auf das Jahr 15 vor Christus datiert. Rund 1000 Menschen siedeln sich damals im heutigen Landkreis an – insbesondere Handwerker und Bauern. Vor allem im Dialekt gibt es auch heute noch Hinweise darauf. Bekanntestes Beispiel ist der Begriff „Semula“, also weißes Mehl – besser bekannt als Semmel.

Doch wie heute gibt es schon damals Menschen, denen die Ankunft der Neuen nicht passt. Archäologen nennen sie die „Heimstettener Gruppe“ und fanden in ihren Gräbern „übertrieben traditionelle“ Tracht. Die Historiker vermuten, dass man so Tradition und Eigenständigkeit beweisen wollte.

Dabei ist die Ankunft der Römer nur ein Vorgeschmack. Als das Weltreich allmählich in sich zusammenbricht, geht es rund in Europa. Goten, Markomannen, Sueben und die berühmt-berüchtigten Vandalen machen sich auf den Weg und mischen den Gen-Pool des Kontinents gewaltig auf. „Das war ein großes Durcheinander damals“, sagt Drexler. Und mittendrin: der heutige Landkreis Fürstenfeldbruck.

Nach der Pest kommen die Italiener

Pest: Die Seuche im Gefolge des 30-Jährigen Krieges entvölkerte ganze Landstriche. Pestkapellen, wie diese in Jesenwang entstanden – und Einwanderer schlossen die Lücken. Viele kamen aus der Gegend des heutigen Südtirol. Nachnamen wie Tyroler zeugen bis heute davon.

Drunter und drüber geht es auch im 30-Jährigen Krieg. Auseinandersetzungen und die Pest raffen gut ein Drittel der Bevölkerung dahin. Das entstandene Vakuum wird gefüllt durch Migranten – viele von ihnen kommen aus dem heutigen Südtirol, erklärt Drexler. Nachnamen wie Tyroler oder Sanktjohanser zeugen noch heute davon.

Italien ist auch der Ursprung einer weiteren Einwanderungswelle im 19. Jahrhundert. Vor allem Fachleute wie Ziegler, Obst- und Gemüsehändler oder die Terrazzeri (Handwerker, die Fußböden fertigten) finden im Landkreis eine neue Heimat.

Die suchen nach dem 2. Weltkrieg auch tausende Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. Zu den rund 66 000 Einwohnern im Landkreis (Stand 1950) kommen rund 17 000 Menschen hinzu – eine Mammutaufgabe. Die Autorin Angelika Schuster-Fox, hat zu dem Thema ein Buch verfasst. Die Kommunen im Landkreis müssen im Schnitt mit einem Flüchtlingsanteil von 25 bis 30 Prozent zurechtkommen, sagt Schuster-Fox. In Egenhofen, Hofhegnenberg, Holzhausen und Zankenhausen sind es sogar über 40 Prozent. „Die Veränderungen waren in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, religiöser und sozialer Hinsicht spürbar.“ 

Tobias Gehre

Späterer Bürgermeister kam aufeiner Wiese im Flüchtlingslager zur Welt

Er hat die Olchinger Kommunalpolitik geprägt, wie kaum ein anderer. Doch auch der ehemalige Bürgermeister Ewald Zachmann von den Freien Wählern hat einen Migrationshintergrund. 

Herr Zachmann, woher stammt Ihre Familie? 

Zachmann: Meine Familie hat 160 Jahre lang in der Bukovina im heutigen Rumänien gelebt. Ein sehr fruchtbares Land und reich an Bodenschätzen. Die Zachmanns haben im sogenannten Schwabendorf Illischestie in der Zwölfergasse gelebt. 

Warum musste Ihre Familie ihre Heimat verlassen?

Ewald Zachmann

Im Hitler-Stalin-Pakt wurde im Jahr 1939 die Teilung der Bukowina vereinbart. Die rund 95 000 deutschstämmigen Bewohner sollten demnach ins Deutsche Reich umgesiedelt werden. Von 1940 bis 1942 lebte meine Familie deshalb in einem Lager bei der österreichischen Stadt Graz, anschließend wurden sie nach Oberschlesien gebracht, wo sie angesiedelt werden sollten. Als die Rote Armee 1945 vorrückte, mussten sie nach Westen fliehen. Auf einer Wiese bei Linz bin ich dann auf die Welt gekommen. 

Wie sind Sie schließlich nach Olching gekommen? 

Nach zwei Jahren in Österreich sind wir in Baden-Württemberg gelandet, wo ich zunächst bis zu meinem achten Lebensjahr auf einem Dorf gewohnt habe. Anschließend bin ich in Ravensburg zur Schule gegangen, wo ich auch Abitur gemacht habe. Zum Studieren bin ich dann nach München gezogen. Nach der Heirat haben meine Frau und ich eine günstige Wohnung gesucht. In Esting sind wir damals fündig geworden. 

War es schwierig, in der neuen Heimat Fuß zu fassen? 

Es war ein langwieriger Prozess. Anfangs sind die Flüchtlinge aus dem Osten unter sich geblieben. Die Integration war nicht einfach. Die Einheimischen waren oft nicht sonderlich begeistert, aber man wurde akzeptiert. 

Wann haben Sie sich richtig integriert gefühlt? 

Beim Studium in München habe ich schon gute Kontakte geknüpft, aber so richtig angekommen sind wir erst in Esting. Es war eine tolle Gemeinschaft mit den neuen Nachbarn. Zu dieser Zeit hat auch mein kommunalpolitisches Engagement begonnen. (tog)

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