Erfolgreich, aber trotzdem am Boden geblieben. So beschreibt Antonie Ochmann ihren Onkel Jean Perzel.
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Erfolgreich, aber trotzdem am Boden geblieben. So beschreibt Antonie Ochmann ihren Onkel Jean Perzel.

Fürstenfeldbruck

Seine Lampen standen in Königspalästen

  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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Ein Brucker schickte sich vor über 100 Jahren an, einer der gefragtesten Lampendesigner der Welt zu werden. Jean Perzel brachte Licht in die Häuser und Paläste von Bankiersfamilien und Königen. Seine Wurzeln in Fürstenfeldbruck hat er nie vergessen.

Fürstenfeldbruck – Zu den bedeutendsten Lampendesignern des 20. Jahrhunderts gehörte ein Brucker. Jean Perzel, am 2. Mai 1892 in der Amperstadt geboren, machte sich als 16-jähriger Glasmalergeselle zu Fuß auf den Weg durch Europa. Mit 18 landete er in Paris, wo er später eine weltberühmte Firma gründen sollte.

In Bruck gibt es noch heute jemanden, der sich gut an Jean Perzel erinnert: seine Nichte Antonie Ochmann (95). Als sie 1926 zur Welt kam, war ihr Onkel schon waschechter Franzose und Inhaber eines Lampenstudios, das er drei Jahre zuvor gegründet hatte. Die Verbindung in seine Heimatstadt und zu seiner Schwester –Ochmanns Mutter – ließ Perzel jedoch nie abreißen.

Die Liebe zu seinem Handwerk hatte er vom Vater und dem Großvater, beide Glasmacher, mitbekommen. In die Lehre ging er bei der renommierten Münchner Firma F.X. Zettler. „Man ging ja damals auf die Walz“, erzählt Antonie Ochmann. Und das tat ihr Onkel ausgiebig und offenbar bestrebt, möglichst unterschiedliche Impulse aufzunehmen und so viel wie möglich zu lernen.

Der begabte junge Mann wanderte durch Österreich, Tschechien und die Schweiz, bevor er über Norditalien nach Frankreich kam. Unterwegs heuerte er in den verschiedensten Werkstätten an, bis er 1910 am Ziel seiner Träume war – in Paris, wo ihn ein Meisterbetrieb nicht nur vom Fleck weg engagierte, sondern ihn nach einem Jahr bereits mit der Leitung einer Dependance in Algier beauftragte.

Eines seiner Werke wurde schon im Brucker Stadtmuseum ausgestellt. Auf dem Foto bewundert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Verena Beaucamp das Stück.

Den Ersten Weltkrieg verbrachte Perzel in der Fremdenlegion – vielleicht, weil er lieber für seine Wahlheimat Frankreich kämpfen wollte als gegen sie. Antonie Ochmann weiß es nicht genau, denn viel hat ihr Onkel darüber nicht gesprochen. „Er hat nur gesagt, die Zeit in der Fremdenlegion habe ihm nicht geschadet.“ 1919 konnte er in seinen Beruf zurückkehren und vier Jahre später das Atelier Jean Perzel gründen, das unter diesem Namen noch heute existiert.

Antonie Ochmann hat ihren Onkel oft in Paris besucht. Er zeigte ihr die Stadt, nicht nur die Sehenswürdigkeiten. Hatte er in einem weniger guten Viertel zu tun, ließ er sie im Auto und bat sie, aufzupassen, dass niemand den Mercedes-Stern vom Kühler abbrach. Perzel nahm seine Nichte in Künstlerlokale mit, wo Maler mit Bildern bezahlen durften, wenn das Geld knapp war. Genauso gern führte er sie edel zum Essen aus.

Nicht alle Besonderheiten der französischen Küche sagten der Bruckerin auf Anhieb zu, aber tapfer probierte sie all die exotisch anmutenden Delikatessen. In der Gesellschaft ihres Onkels schlürfte sie ihre ersten Austern – ein Fan wurde sie aber nicht („die haben mir nicht geschmeckt“).

Weltstar in der Branche

In seiner Branche war Perzel inzwischen ein Weltstar. Die von ihm entworfenen modernistischen, streng geometrischen Art-Déco-Lampen erleuchteten die Häuser der Reichen und Mächtigen, darunter den Königspalast in Belgien, das Haus von Henry Ford und eine Residenz der Bankiersfamilie Rothschild. Perzel konzipierte auch die Beleuchtung für die Kathedrale in Luxemburg, die kanadische Botschaft in Den Haag und das französische Kreuzfahrtschiff Normandie.

Als vielfach ausgezeichneter „Meister des intelligenten Lichts“ konstruierte er Lampen in zeitlos klaren Formen, die das Licht streuten ohne zu blenden. Gerne verwendete er diamantgeschnittenes Glas und Halterungen aus Bronze.

Abgehoben ist der gebürtige Brucker, der sogar mit Picasso bekannt gewesen sein soll, dennoch nie. Er kam häufig zu Besuch in die alte Heimat, pflegte den Kontakt zu seiner Familie und Freunden aus der Jugendzeit. Da er selbst keine Kinder hatte, holte er als Nachfolger einen Neffen – einen Cousin von Antonie Ochmann – in seine Firma. Später stieg auch dessen Sohn mit ein. Bis heute befindet sich das Perzel-Lampenstudio an seiner angestammten Adresse in der Rue de la Cité Universitaire im 14. Pariser Arrondissement. Hier entstehen in Handarbeit die Leuchten, die ihren Erfinder einst berühmt gemacht haben.

Wer sich eine davon leisten möchte, muss einen vierstelligen Betrag lockermachen. Antonie Ochmann erinnert sich an Jean Perzel vor allem als einen liebevollen Onkel. Einer, der ihr auf einer winterlichen Reise warme Schuhe kaufte, der Blumen liebte und gutes Essen. Er starb 1986 in Paris.

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