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20 Jahre Krisenintervention: Sie versorgen die seelischen Wunden

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Ob Unfall oder Herzinfarkt: Um die Patienten kümmern sich die Ersthelfer. Doch was passiert mit Angehörigen und Augenzeugen? Ihre seelischen Wunden versorgen seit 20 Jahren die Ehrenamtlichen des Kriseninterventionsdienstes – eine wichtige und belastende Aufgabe.

Fürstenfeldbruck – Es ist ein sonniger Tag. Das Altstadtfest läuft. Auch im Josefstift genießen viele Besucher und Bewohner die Sonntagsruhe. Bis ein 65-jähriger Mann seine Frau im Bett und eine Altenpflegerin erschießt. Ein Team des Spezialeinsatzkommandos ist vor Ort. Auch Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes (KID) werden gerufen – sie helfen Pflegern und Besuchern, das Geschehene zu verarbeiten. Allen voran dem Ehemann der getöteten Pflegerin.

„Seelische Ersthilfe“ nennt das der stellvertretende Fachdienstleiter Jürgen Skrypczak. „Wir haben eine Brückenfunktion. Wir versuchen, Menschen dabei zu helfen, über die erste Brücke der Trauer zu gehen.“

Einsätze im Stillen

Selten sind das solch spektakuläre Fälle wie der vor 16 Jahren in Bruck. Meistens arbeitet der KID im Verborgenen. Immer aber sind es Ereignisse, die Menschen völlig unerwartet treffen: der Selbstmord eines Angehörigen, der Herztod im Schlaf oder ein Verkehrsunfall.

„Wenn es Kinder trifft, ist es auch für uns schlimm“, berichtet Seelsorger Wolfgang Wilczek. Er erinnert sich an ein zehnjähriges Mädchen. „Es ist von einem Kindergeburtstag auf die Straße gelaufen und vor den Augen seiner Freundinnen überfahren worden.“ Auch für ihn sei das ein sehr belastender Moment gewesen. Er musste den Eltern helfen, den Freundinnen und auch dem Autofahrer, den keinerlei Schuld traf.

Er habe sich selbst aus dem Geschehen genommen und sich zurückgezogen, erinnert sich Wilczek. „Mir hat auch geholfen, dass ich mir Unterstützung geholt habe.“ Nur dank dem Austausch mit Kollegen und regelmäßiger Supervisionen können die Helfer das Geschehene verarbeiten, erläutert Fachdienstleiter Willi Gleixner. Wer sich vom KID-Team in Stresssituationen befinde, werde nicht zu Einsätzen gerufen.

Eine gewisse Lebenserfahrung, die Teilnahme an einem Grundlehrgang und einem Fachlehrgang sind Voraussetzung, um die Hospitationszeit zu verbringen. Bei der begleiten die Anwärter erfahrene Kräfte zu den Einsätzen. Eine strenge Altersregelung gibt es nicht. „Einem unter 35 Jahre alten Bewerber würde ich aber trotzdem tendenziell abraten“, sagt Skrypczak.

Der KID wird stets von professionellen Einsatzkräften wie Rettungsdienst oder Polizei angefordert. Deren Kräfte geben den ehrenamtlichen Mitarbeitern einen Überblick. „Je besser ich informiert bin, desto besser kann ich mit meiner Hilfe ansetzen“, sagt Skrypczak.

Kaum ein Polizeibeamter überbringe eine Todesnachricht allein. Der Beamte ist oft dabei, weil nur er befugt ist, Personalien festzustellen. Die psychologische Betreuung übernimmt der Ehrenamtliche vom KID. „Der Betroffene kann Dir nach einer Viertelstunde sagen, dass du gehen kannst“, erzählt Gleixner. „Manchmal bist du ein paar Stunden einfach nur da.“

Die Anfänge

Die Sensibilisierung dafür, dass seelische Wunden ebenfalls erstversorgt werden müssen, hat laut Seelsorger Wilczek Mitte der 1990er-Jahre eingesetzt – nach Katastrophen wie Rammstein und Eschede. Der Arbeiter-Samariter-Bund in München habe als einer der Ersten einen Kriseninterventionsdienst installiert. Im Landkreis traten unter anderem Karl-Friedrich Walter und Bernhard Haunfelder vom Kreisvorstand des Roten Kreuzes 1996 an die beiden Kirchen heran. 15 Geistliche bekamen einen Crashkurs in Psychotraumatologie, erinnert sich Wilczek. Ein Dienstplan regelte die Notfallseelsorge. Die anfangs gut 40 bis 50 Einsätze waren überschaubar.

Dienstplan auf Kante

Mit den zunehmenden Personalsorgen der Kirchen traten immer mehr Ehrenamtliche an ihre Stelle. 2009 schloss sich das Brucker KID mit dem Gröbenzeller Kriseninterventionsteam (KIT) des Malteser Hilfsdienstes zusammen. Beide Organisationen wechseln sich wöchentlich ab und kommen zusammen mittlerweile auf rund 190 bis 200 Einsätze im Jahr.

Das ist für die 15 Mitarbeiter des KID nicht nur seelisch, sondern auch zeitlich belastend. „Der Dienst ist auf Kante genäht“, sagt Gleixner. Man benötige dringend weitere Ehrenamtliche. Doch die sind unter anderem deswegen schwer zu finden, weil es für KID-Kräfte keine gesetzlich geregelte Freistellung von der Arbeit gibt. „Das wäre Sache des Landtages“, sagt Gleixner.

Eine Gesetzesänderung forderte auch Notfallseelsorger Andreas Müller-Cyran in seinem Festvortrag bei der 20-Jahr-Feier im Pfarrsaal von St. Bernhard. „Das wäre ein schönes Geschenk der bayerischen Staatspolitik. Auf Dauer müssten solche Dienste wie der KID von Hauptberuflichen zumindest organisiert und geführt werden.“

Vize-Landrat Johann Wieser und Fürstenfeldbrucks Feuerwehrreferent Andreas Lohde hoben die große Notwendigkeit des KID hervor, die sich stets aufs Neue erweise. „Es sind moderne Samariter, die auf hohem Niveau professionell arbeiten“, sagte Lohde. Dem schlossen sich der Vize-Chef des BRK--Kreisverbandes, Willi Huber, und Iris Schießl vom Bezirk Oberbayern an. Den ehrenamtlichen Mitarbeitern gab Psychotherapeut Wolfgang Schwarzfischer einen Rat: „Es ist wichtig mitzuleiden, aber man muss sich doch auch wieder entfernen und Distanz schaffen.“  

Mehr Informationen

zum Kriseninterventionsdienst gibt es auf der Internetseite www.bereitschaften.brk-ffb.de und unter Telefon (0 81 41) 4 00 40.

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