Brucker erforscht Tod von Onkel im Zweiten Weltkrieg

Spurensuche in der Familien-Geschichte

Als Eduard Wörlsinger auf die Welt kam, war sein Onkel schon 20 Jahre lang tot. Hans Knoller war 1942 in Russland gefallen. Seiner Familie blieb nur ein Foto eines Grabes, irgendwo im Nirgendwo. In jahrelanger Detektivarbeit gelang es Wörlsinger, das Grab ausfindig zu machen – und die letzten Minuten im Leben seines Onkels zu rekonstruieren.

Fürstenfeldbruck Der Verwandte, den er nie kennengelernt hatte, faszinierte Wörlsinger seit seiner Kindheit. „Mein Vater hat immer viel von ihm erzählt.“ Ein ganz Lustiger muss er gewesen sein, der Onkel. Ein echter Brucker, aufgewachsen im Kloster Fürstenfeld, mit einer Vorliebe für Brauchtum und einer großen Abenteuerlust.

„Er wollte immer was erleben“, sagt Eduard Wörlsinger und blättert in dem Fotoalbum, das er über seinen Onkel zusammengestellt hat. Ein Bild zeigt Hans Knoller mit Anfang 20 am Brucker Bahnhof – lachend, in Uniform, die Mütze schief auf dem Kopf. Bevor er zum Militär eingezogen wurde, hatte Knoller als Säger im Kloster gearbeitet und seiner verwitweten Mutter mit den sechs jüngeren Geschwistern geholfen.

„Er musste früh Verantwortung übernehmen.“ Wörlsinger glaubt, dass das gesicherte Einkommen beim Militär seinen Onkel gereizt hat. Er kam zu den Gebirgsjägern nach Lenggries und später zu den Fallschirmjägern. Nach dem Krieg, brachte ein Kamerad namens Hans Wolf der Familie ein Foto, auf dem Knoller zu sehen war.

Als Wörlsinger Anfang der 1990er-Jahre mit seiner Suche nach dem verschollenen Onkel begann, war dieser Hans Wolf sein einziger Anhaltspunkt – der allerdings zu nichts führte. Unmöglich, unter tausenden Trägern des Allerweltsnamens den Richtigen zu finden, wenn er überhaupt noch lebte. „Er muss ja damals schon über 80 gewesen sein.“

Den Durchbruch brachte ein Buch mit dem Titel „Fallschirmjäger auf Kreta“, das Wörlsinger auf Ebay entdeckte. Darin fand er ein Gruppenbild, auf dem sein Onkel zu sehen war. Laut Fotoverweis hatte ein gewisser Fritz Strienitz die Aufnahme zur Verfügung gestellt.

Wörlsinger besorgte sich eine CD mit sämtlichen Telefonanschlüssen Deutschlands, schrieb alle Männer mit Namen Strienitz an – und tatsächlich war der richtige darunter. „Er wohnte in der ehemaligen DDR und hatte erst nach der Wende wieder Kontakt mit noch lebenden Kameraden aufgenommen“, erzählt der 55-jährige Brucker.

Strienitz erwies sich als Goldgrube. „Von ihm bekam ich weitere Namen von noch lebenden Fallschirmjägern aus dem Bataillon meines Onkels.“ Und damit nicht genug. Im Jahr 2000 war Strienitz nach Russland gereist, in ein nahezu ausgestorbenes Dorf namens Malachowo. Hierher war Hans Knoller Heiligabend 1941 von Kreta aus verlegt worden, und hier traf ihn am 5. Januar 1942 die Kugel eines Scharfschützen. Der 23-Jährige war sofort tot.

In einem schwülstigen Kondolenzbrief an Knollers Familie hatte der Kompaniechef seinerzeit noch behauptet, der Brucker habe mit seinen letzten Worten seine Mutter grüßen lassen.

Videoaufnahmen, die Fritz Strienitz auf seiner Russland-Reise anfertigte, zeigen das Grab aber in einem traurigen Zustand – geplündert von Grabräubern, die sterblichen Überreste in der Umgebung verstreut. Inzwischen wurden zehn deutsche Fallschirmjäger, darunter Hans Knoller, in einem neuen Grab gemeinsam bestattet.

Aus sehr vielen Gesprächen hat Eduard Wörlsinger mittlerweile ein facettenreiches Bild seines Onkels. „Ich habe Geschichten gehört, die in der Familie unbekannt waren“, erzählt der Berufsfeuerwehrmann. Ein trauriges Detail hat er von einer Cousine seines Vaters erfahren. Bei seinem letzten Besuch in Bruck hatte Hans Knoller alle seine Habseligkeiten verschenkt. Als hätte er geahnt, dass er nicht mehr zurückkommen würde. (os)

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