Die Lizenz zum Gratulieren 

Stadträte auf Glückwunsch-Mission

Das Leben eines Stadtrats besteht nicht nur aus langen Abenden im Sitzungssaal. Es gibt auch repräsentative Aufgaben – Termine, die Spaß machen.

Fürstenfeldbruck –  Feiern Bürger zum Beispiel ihren 80. Geburtstag oder einen besonderen Hochzeitstag, schickt das Rathaus einen Gratulanten vorbei. Und da machen fraktionsübergreifend alle Stadträte mit, auch diejenigen, die jung genug sind, die Enkel der Jubilare zu sein – zum Beispiel Philipp Heimerl (28) und Jan Halbauer (33).

Merhmals im Monat ist jeder von ihnen in Sachen Glückwunsch-Mission unterwegs. „Meist ist das sehr nett“, erzählt SPD-Vertreter Heimerl. „Man erlebt eine sehr schöne Atmosphäre“, hat auch Grünen-Stadtrat Halbauer festgestellt. Als bereichernd empfindet er es, vielen neuen Menschen zu begegnen – „Menschen, die man sonst nicht kennengelernt hätte“.

Ansprachen müssen die beiden zu diesen Anlässen nicht vorbereiten. „Man überbringt die Glückwünsche der Stadt und sagt ein paar persönliche Worte. Darüber freuen sich die Leute. Lange Reden wollen sie nicht hören“, hat Heimerl festgestellt. Erwartet wird aber eine dem Anlass entsprechende Kleidung. „Man erscheint im Sonntags-Outfit. Das muss nicht unbedingt mit Krawatte sein, aber Jackett ist Pflicht“, sagt Halbauer.

Dass die Jubilare überrascht sind über das junge Alter der offiziellen Gratulanten, erleben beide Stadträte. „Man merkt, dass erst mal Verwunderung da ist, aber bisher war die Reaktion dann immer sehr positiv“, erzählt Heimerl. „Die Leute finden es gut, dass sich jemand in meinem Alter schon im Stadtrat engagiert.“ Jan Halbauer stieß vor allem zu Beginn seiner Amtszeit auf Skepsis. „Jetzt, nach über zwei Jahren, ist das weniger geworden.“ Meist komme man schnell weg von der Altersfrage, „denn man ist ja doch Repräsentant der Stadt“.

Beide genießen den Austausch mit älteren Mitbürgern und hören gespannt zu, wenn alte Brucker Geschichten zur Sprache kommen. Zum Beispiel Lausbubenstreiche aus der Nachkriegszeit, wie der von den Jungs, die auf Lastwagen kletterten und die Proviant-Pakete für US-Soldaten anritzten. „Die Amerikaner waren damals noch sehr vorsichtig. Sie befürchteten Giftanschläge und warfen beschädigte Pakete weg“, erzählt Halbauer. „Die Jungs holten sie sich aus dem Mülleimer und waren selig über Schokolade und Kaugummi.“ Der 33-Jährige, der unter anderem Neuere Deutsche Geschichte studiert hat, ist fasziniert von solchen Erzählungen. „Sowas erfahren Sie sonst nirgendwo.“

Manche Gespräche entwickeln sich besonders nett. „Eine Dame hat mich eingeladen, wenn ich Zeit habe, sie öfter zu besuchen – sie würde auch jedes Mal Kaffee kochen und einen Kuchen backen“, berichtet Heimerl und lacht.

Das mit dem Kuchen ist so eine Sache. Damit sich die vielen Besuche nicht irgendwann auf der Waage niederschlagen, muss Halbauer „das eine oder andere Stück ablehnen, sonst wird es zu viel“.

Die Besuche mit ihrem Berufsleben zu vereinbaren, gelingt beiden gut. Heimerl, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den SPD-Landtagsabgeordneten Herbert Kränzlein arbeitet, übernimmt bevorzugt Termine am Freitagnachmittag. Halbauer schafft neben seiner Tätigkeit bei einer Münchner Unternehmensberatung bis zu sechs Besuche im Monat.

Sollte bei diesen Anlässen das Gespräch auf Politik kommen, ist dem Grünen-Stadtrat nicht bange – selbst wenn kontroverse Ansichten zur Sprache kommen. „Meine Großmutter ist seit 40 Jahren in der Frauen-Union, insofern hat es politische Diskussionen an Feiertagen schon immer gegeben.“

Während Halbauers Verwandte weit weg in der Eiffel wohnen, hat Philipp Heimerl seine 83-jährigen Großeltern in Bruck vor Ort. Als offizieller Vertreter der Stadt war er jedoch noch nicht bei ihnen. „Ich glaube, bisher wollten sie solche Besuche nicht. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt, wo ich zur Auswahl stehe.“ (os)

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