Fürstenfeldbruck

Tod unter der Amperbrücke: Ein Brucker Regio-Krimi

  • schließen

Jegliche Übereinstimmung mit der Realität ist erfunden, erdacht oder – vielleicht ironisch gemeint – völlig korrekt: Das Tagblatt präsentiert aus aktuellem Anlass erstmals einen Brucker Regio-Krimi.

Prolog

Als es dunkel geworden war, schlich Dragomir wieder zur Brücke. Er blickte sich um. Keine Menschenseele hatte ihn bemerkt. Unten am Fluss blickte er zur porösen Brücke empor und erledigte seinen Job. Das dauerte nur wenige Sekunden. Zurück in seinem Zimmer sandte er eine Nachricht. Dragomir lächelte.

Der Kommissar

Über die Brücke floss ein schier unendlicher Verkehr. Kommissar Walter T. Piscator betrachtete die Autoschlange, die sich über den Amperübergang in der Kleinstadt unweit Münchens wälzte und hatte das Gefühl, sich an dem rohen Metallgeländer (waren das alte Wasserrohre?) der Brücken-Brüstung festhalten zu wollen.

Er war gerade aus dem Schwäbischen ins Oberbayerische versetzt worden und wunderte sich. Bus an Bus, Wagen an Wagen rollten Stoßstange an Stoßstange über die enge Brücke. Radfahrer kreuzten, schlingerten. Fußgänger fluchten. Gibt es hier keine Umgehungsstraße? fragte sich Piscator.

Walter T. Piscator schlenderte weiter in Richtung Rathaus, vorbei an gut gefüllten Straßencafés, in denen latte maciato ála Abgaso serviert und für später am Tag Aperol Einspritz vorbereitet wurde. Vor dem Rathaus bog er ab. Seine neuen Kollegen in der Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck hatten ihm geraten, auch das Viertel rund ums Amtsgericht zu erkunden. Möglich, dass er dort bald einmal aussagen müsse, hatte man ihm gesagt. Daher sei es sinnvoll, den Fußweg dorthin zu kennen.

Piscator ahnte nun warum. Es war unmöglich, hier einen Parkplatz zu finden. Er lenkte seine Schritte zwischen Rettungswägen in Richtung Klinik. Er ging zwischen SUVs hindurch, auf deren Rückbänke Kindersitze mit eingebauten Tablet-Haltern installiert und die kreuz und quer geparkt waren. Auf dem Weg begegneten ihm aber auch rasende Pedelec-Senioren, die mit ihren E-Bikes in einer Geschwindigkeit durch den dichten Verkehr und zwischen all den Hindernissen hindurchbrachen, als gebe es kein Morgen.

Vor dem Rathaus hatte ein Mann mittleren Alters ein Podest aufgestellt. Darauf stehend forderte er die Vorbeigehenden immer wieder auf, Respekt zu zeigen. Respekt in den Internet-Netzwerken, Respekt in der Politik, Respekt im wirklichen Leben. „Reschpekt“, schmunzelte Piscator ironisch in sich hinein, während er seine Schritte weiter lenkte.

Die Stadt

„Der Schwob ist wieder do“, lautete die kurze Begrüßung am Eingang zur Inspektion, als der Kommissar zurück war. Piscator grüßte knapp und trug seine Tasche voller Bücher in sein Büro. Er verschlang Literatur jeder Art. Einen Brucker Regio-Krimi hatte er in der Innenstadt allerdings nicht entdecken können, was vielleicht auch an den fehlenden Bücherläden lag, wie er sich überlegte.

In diesem Moment rannten Kollegen an ihm vorüber. Alarm in einem Dorf, Streit unter Nachbarn. Die Alarmierung lautete Mistgabel-Attacke, also Einsatz! Schon wieder, rief einer durch den Flur – doch das war nicht Piscators Fall. Er solle sich erst eingewöhnen, hatte der Chef ganz frei zu ihm gesagt – als Mordermittler müsse er nicht jedem Dorfkrimi hinterherjagen.

Also legte Piscator die Füße auf den Schreibtisch und begann zu grübeln. Er blätterte durch eine der lokalen Zeitungen, Tagesblatt genannt. Der Zustand der Amperbrücke sei wieder schlechter geworden, beklagte ein Journalist bezugnehmend auf das so genannte zuständige Straßenbauamt – und das obwohl die prekäre Lage lange bekannt sei, schimpfte der Redakteur. Piscator wunderte sich. Denn im Schwäbischen pflegte man, marode Brücke alsbald zu reparieren. In dem Bericht gab es sogar einige Hintergründe. Die Brücke stehe unter Denkmalschutz, weil die örtliche Politik das so gewollt habe, stand da, daher gestalteten sich die Debatten über Neubau oder Reparatur schwierig. „Seltsam“, dachte sich Piscator. „Wer macht sowas“?

Der Fall

Piscator wälzte sich nachts darauf in wilden Träumen, als der Alarm aufjaulte. Der Kommissar sprang auf, stürzte sich in seine Jeans und in das Dienst-Sakko und rannte los. „Ein Toter liegt unter der Amperbrücke“ hatte ihm die Einsatzzentrale mitgeteilt.

In wenigen Sekunden war Piscator vor Ort. Zu Fuß. Die Feuerwehr war trotzdem schon vor ihm da. Schlafen die in ihren Uniformen?, fragte sich der Kommissar noch etwas planlos. Große Scheinwerfer erleuchteten die nächtliche Szenerie.

Piscator stolperte neben der Brücke hinab zum Fluss. Als erstes nahm er wahr, dass am unteren Teil der Brücke ein großes Stück Beton fehlte. Er richtete seinen Blick nach unten, hinab zum Ufer. Dort lag der oben fehlende Betonblock. Unter ihm ragten Beine heraus, seltsam verdreht, auf der anderen Seite ragte ein Arm unter dem Block hervor, nach oben zeigend, wie um die Brücke anzuklagen. Kopf war keiner zu sehen. Blut färbte zusammen mit dem heranschwappenden Wasser Blasen bildend das Amperufer dunkelrot.

Piscator war klar: Der Betonblock hatte einen Menschen unter sich begraben und wahrscheinlich völlig zerquetscht. Er erinnerte sich an die Berichte über den schlechten Zustand der Brücke aus dem Tagesblatt und zog erste Schlüsse. Der Fall würde, so schoss es ihm durch den Kopf, schnell gelöst sein.

Der Betonblock wurde mit Hilfe eines Krans des örtlichen Technischen Hilfswerks hochgehoben. Unter dem Block spritzte noch mehr Blut hervor, unter ihm bildete sich matt-roter Regen, der auf den Boden niederging wie eine Mahnung, nie ohne einen den Kopf schützenden Schirm unter eine Brücke in Bruck zu gehen. Dann machten sich die Kriminaltechnicker an die Arbeit. Piscator sah die Leiche und versuchte sich ein Bild des Orts zu merken, zu speichern. War das wirklich einfach nur ein Unfall?

Die Sperrung

Die Brücke wurde sofort für den Verkehr gesperrt. Die Gefahr sei zu groß, dass weitere Teile herausbrechen, verkündete ein offenbar schnellst herbeigeeilter Mann, der sich als Vertreter des Landratsamts zu verstehen gab. Kein Auto, kein Bus, kein Radler dürfe die Brücke mehr passieren. Immerhin, jubelte der Mann vom Landratsamt: Für die Busse haben wir etwas vorbereitet. Er präsentierte einen Umleitungsplan. Man entschuldige sich für die Umstände, hieß es auf dem offenbar schon lange vorher erarbeiteten Papier, das der Mann verteilte. „Umstände?“, dachte Piscator. Bus fahren wird die Leiche sicher nicht mehr.

Einer der Helfer von der Feuerwehr hielt Piscator einen herausgebrochenen Stahlträger aus dem Inneren der Brücke unter die Nase, der an seinen Rändern regelrecht zu bröseln begonnen hatten wie altes Brot. „Schau Dir das an“, maulte er. „Kein Wunder, dass da etwas passiert.“

Die Amperlage

„Tod unter der Amperbrücke“ titelte tags darauf etwas effekthascherisch eine der Tageszeitungen am Ort. Ein großes Foto des Feuerwehreinsatzes zierte das Titelblatt, aus dem unten sprachlich betrachtet nicht weniger Blut herauslief als in der Nacht zuvor unter dem hervorgehobenen Betonblock, fand Walter T. Piscator.

Mit erstaunlich vielen Details schilderte das Tagesblatt die Lage des Opfers, die Hand, die verzweifelt zur Brücke empor wies, die blutigen Blasen in der Amper. Der Schreiber musste sich unentdeckt in der Nähe des Tatorts herumgetrieben haben, schoss es Piscator durch den Kopf. „So ein Hund.“

Piscator legte die Stirn in Falten, während er sich auf den Weg zur großen Amperlage machte, wie das Treffen innerhalb der Polizei genannt wurde. Die Identität des Toten war noch in der Nacht geklärt worden. Es handelte sich um den 65-jährigen Karl von Binnigheim, Inhaber einer Wohnbaugesellschaft und Investor in verschiedenen Bauprojekten.

Er hatte seinen Ausweis bei sich gehabt. Auch ein Handy war gefunden worden. Er musste es, so rekonstruierte es ein Techniker, in der Hand gehabt haben. Es war anders als fast alles andere nicht völlig zerquetscht.

Sofort erging an die Kriminaltechnik der Auftrag, zu retten, was an dem Handy noch zu retten war. Einer der Kollegen erhielt den Auftrag, die Todesnachricht in der Firma zu überbringen und deren wirtschaftliche Umstände zu recherchieren. Ein dritter Ermittler sollte die Internet-Netzwerke durchkämmen. Vielleicht verplauderte sich jemand? Vielleicht hatte jemand etwas gesehen?

Und natürlich galt es, die Brücke technisch genauer in Augenschein zu nehmen, als es am Vorabend möglich gewesen war – ein externes Ingenieurteam wurde gerufen, um den Fall möglichst schnell zu untersuchen. Außerdem wurden chemische Tests in Auftrag gegeben. Piscator selbst wollte sich um die persönlichen Umstände des Toten bemühen. Wer war Karl von Binnigheim?

Das Chaos

Unterdessen brach über die Kleinstadt das Chaos herein. Streifenpolizisten schwärmten aus, um wenigstens die schlimmsten Folgen der Brückensperrung in den Griff zu bekommen. Autos standen kreuz und quer. Auf dem einzigen weiteren Amperübergang bildete sich ein von Piscator schmunzlend so benannter sizilianischer Hakenkreuzstau, der am Ende des Tages nur mit schwerem Gerät zu beseitigen war: Mit einem Kran mussten Autos und Lieferwägen aus dem Kreuzstau gehoben werden, so sehr hatten sich die Wagen ineinander verkeilt.

Auf den umliegenden Straßen kam es zu Auffahrunfällen. Geschrei und Beleidigungen beherrschten die Atmosphäre der Kleinstadt. Einige der Schlaueren ließen ihre Autos stehen und versuchten, mit dem freilich einzigen Rikscha-Taxi der Stadt von A nach B zu kommen. Dessen Betreiberin, eine kleine Person, drohte unter dem Ansturm zusammen zu brechen, strampelte aber immer munter weiter.

Im Laufe des Vormittags bildete sich eine größere Menge an Menschen, die offenbar alte Plakate schnellst mit neuen Lettern überschrieben hatte. „Renoviert die Brücke endlich“, stand darauf. „Und was tut die Stadt?“ auf einem anderen. Auf der Rückseite eines der Plakate glaubte Piscator, den übermalten Schriftzug „Rettet die Bienen“ erkannt zu haben, doch da war er sich nicht ganz sicher. Die Spontandemo fand immer mehr Zulauf. „Findet die schuldigen Brückenbauverhinderer“ wurde skandiert. Die Polizei musste schlichtend eingreifen, bevor die aufgebrachte Menge sich Richtung Rathaus bewegen konnte.

Piscator unterdessen war auf dem Weg zur Tochter des Toten, Maria von Binnigheim. Sie lebte in einer Villa am Ausgang der Stadt, ebenfalls in Ampernähe. Spitze Tränen schossen aus ihren Augen, als ihr der Kommissar vom Tod ihres Vaters berichtete. Ihr Handy fest umklammert, sank sie auf die Couch im Wohnzimmer und war kaum fähig zu sprechen. Eine Vernehmung im Moment war sinnlos. Das Kriseninterventionsteam, das er gerufen hatte, übernahm die Betreuung der Tochter des Zerquetschten und Piscator verließ ratlos die Villa. Stirnrunzelnd kämpfte er sich zu Fuß durch das Verkehrschaos und ließ sich beschimpfen, weil er als Fußgänger ja durchkam. Piscator beschloss, in einem der heute besonders gut besuchten Straßencafés den angekündigten Aperol Einspritz zu testen und sich in der Stadt nach der Tochter des Toten umzuhören.

Die Techniker 

Als er am nächsten Morgen zur Dienststelle kam, erwarteten ihn zahlreiche aufgeregte Presse-Anfragen. Mit Verweis auf eine spätere Erklärung wiegelte er sie ab. Mehr wissen wir ja auch noch nicht, sagte er zu sich selbst. „Was sollen wir da der Presse erklären?“ Im Kommissariat kam erneut die große Amperrunde zusammen. Der Chef hatte über Nacht beschlossen, eine Sonderermittlungsgruppe einzuberufen. Ihr Name lautete „Bröckelbrücke“. Wenigstens der Chef hat Humor, schmunzelte Piscator in sich hinein. 

Mit großer Spannung lauschten die Ermittler im Kommissariat dem Vortrag des technischen Untersuchungsleiters, ein älterer Herr mit würdig ergrautem Haar. Er berichtete von zerfaserten Stahlträgern in der Brücke, eindringendem Wasser und marodem Beton. Neben diversen weiteren Details kam der Leiter zu dem Schluss: Ja, ein Block der Brücke kann unversehens, vielleicht unter der Last eines vollbesetzten Busses oder eines Lastwagen herausgebrochen sein. Ja. Es könne sich um einen tragischen Unfall gehandelt haben. Im Kommissariat ging ein Aufatmen durch die Runde. „Der Fall kann schnell ad acta gelegt werden“, rief einer der Kollegen. Vielleicht muss man noch einige Formalia prüfen, hoffte einer der Ermittler genau wie Piscator in seinen Gedanken am Tag zuvor. Allenfalls müsse geklärt werden, ob es möglich sei, Verantwortliche für den schlechten Zustand der Brücke zu ermitteln, meinte der Ermittler. 

Piscator lehnte sich zurück und dachte nach, während er ein Nusshörnchen eines örtlichen Bäckers genoss. Warum befand sich der Tote genau zu diesem Zeitpunkt genau an diesem Ort?, ging ihm durch den Kopf. Zufall, natürlich. Viele Unfälle beruhen ausschließlich auf bitteren Zufällen, das war ihm klar. Und doch nagten Zweifel in ihm, als er das Hörnchen zu Ende gegessen hatte. „Und was ist mit dem Handy des Toten?“, sprudelte es spontan aus ihm heraus. Die Runde im Kommissariat stutzte, der Ingenieur lehnte sich entspannt zurück. „Das ist nicht meine Baustelle.“

 In diesem Moment stürzte der Kollege herein, der den Auftrag erhalten hatte, die Firma genauer unter die Lupe zu nehmen. Aufgeregt berichtete er von dem großen Reichtum der von Binnigheims. „Der alte Firmengründer hat im Laufe seines Leben mit Immobiliengeschäften ein wahres Vermögen angehäuft“, schilderte er. Nun aber sei er knapp vor dem Ruhestand gewesen. „Der Alte hat vorgehabt, seine Firma bald an die Tochter zu übertragen. Entsprechende Verträge liegen vorbereitet in der Firma.“ Der Ermittler schloss: Ein Motiv für einen möglichen Mord zumindest innerhalb der Familie gebe es damit nicht. Die Untersuchung des Handys des Toten ließ unterdessen auf sich warten. Das Passwort muss erst geknackt werden, stöhnte der IT-Kollege, als Piscator ihn im oberen Stock des Kommissariats besuchte. Piscator ermutigte den Spezialisten, weiter zu machen. „Wieso?“, grummelte der in sich hinein. „Schuld an dem Unglück ist doch eh die alte Brücke“, schimpfte er, während er trotzdem weiter die Algorithmen auf dem Display seines Rechners tanzen ließ. 

Walter T. Piscator war gerade auf dem Weg zum Mittagessen (Pizza, hatte man ihm geraten), als ihn ein Kollege heranwinkte. Ein anonymer Anrufer wolle ihn sprechen, berichtete der Polizist. Er solle ihn möglichst lange hinhalten, damit die Nummer zurück verfolgbar sei. Piscator nahm den Hörer ab. „Herr Kommissar“, flüsterte eine verrauchte Stimme am anderen Ende der Leitung. „Sie treffen mich heute Nacht unter der Amperbrücke, um Mitternacht“ – und schon war das Gespräch beendet. Piscator knallte den Hörer auf die Gabel. Verdammt. Das war zu kurz gewesen – und ihm blieb nichts, als nachts den Weg zur Blutbrücke einzuschlagen. 

Unter der Brücke 

Trotz der katastrophalen Umstände zuvor stand der Verkehr vollständig still, als Piscator nachts in der Innenstadt ankam. Er beschloss, in einer nahen Burgerbar, die noch geöffnet hatte, den berühmten Brucker Cocktail zu verkosten, bevor er zu dem Treffen ging. In der Bar saßen noch einige wenige junge Leute, die Witze darüber rissen, dass die marode Amperbrücke nun endlich reif für die Sprengung sei. Piscator wunderte sich über den Humor der jungen Leute, trank aus und ging zur Brücke. Breite Sperrbarken versperrten den Weg, Piscator schlängelte sich durch sie hindurch. Ein eisiger Wind wehte von der Amper herauf und trug den Wellenschlag an sein Ohr. Ein Biber nagte unweit der Brücke an einer Trauerweide. Sie würde bald fallen, dachte Piscator und zog sich die Mütze dichter ins Gesicht. Feine Gischt sprühte auf, als ihm plötzlich ein Lichtschein entgegenkam. 

Die dunkle Gestalt dahinter war nicht zu erkennen. Das Licht der Lampe in der Hand der Gestalt blendete den Ermittler, der die Hand schützend vor die Augen hielt. „Commissario“, sagte die dunkle Gestalt mit kehliger Stimme. „Sie sind wirklich gekommen. Fürchten Sie sich nicht vor der Brücke? Das sollten Sie aber. Sie wirft Betonblöcke auf neugierige Menschen“, sagte die Gestalt mit zynischem Unterton. Piscator antwortete nicht und fragte zurück: „Wer sind Sie?“ Die Gestalt antwortete nur „Der, der ich bin“ und warf Piscator ein Mini-Tablet zu. Die in schwarze Gewänder gehüllte Person schnaubte kurz auf und verschwand zwischen den Weiden. Piscator wollte der Gestalt folgen. „Halt, warten Sie!“ Doch der Mann war zwischen den Häusern spurlos verschwunden. Nur der Biber nagte munter weiter. 

Das Sozialamt

Mit fiebriger Spannung schaltete Piscator sofort das Mini-Tablet an, als er kurz nach Mitternacht zu Hause war. Er fand darauf eine einzige Text-Datei mit einigen Dokumenten im Anhang. Piscator brühte frischen Kaffee auf und begann, die Dokumente zu studieren. Sie trugen, soweit er es erkennen konnte, das offizielle Siegel der Stadt und enthielten Katasterpläne. In einer Überschrift fand Piscator das Wort „Vorvereinbarung“. Die elektronisch gespeicherten Papiere waren unterzeichnet von einem Vertreter der Stadt, der dem Sozialamt anzugehören schien und von – Karl von Binnigheim! Piscator fiel das Tablet vor Überraschung auf den schmalen Küchentisch vor ihm. Welche Kontakte hatte der Immobilienhai zum Sozialamt? Und warum? Piscator griff wieder zum Tablet, doch ihm verschwammen die Texte vor den Augen – der Brucker Cocktail zeigte seine Wirkung. Piscator schlief auf den Küchentisch gestützt ein. Zusammen mit dem IT-Spezialisten versuchte er am Morgen darauf, die Text-Datei auf dem Tablet zu öffnen.

 Doch der Mini-Computer war leer. Keine Datei, kein Anhang, kein Dokument. Nichts. Walter T. Piscator schilderte dem IT-Spezialisten, was er in der Nacht zuvor darauf gefunden hatte, doch der lächelte nur. „Haben Sie einen Brucker Cocktail getrunken?“, spottete er, um dann wieder Ernst zu werden. Es sei möglich, eine Selbstlöschung zu programmieren, sagte der Spezialist. „Wenn Sie nicht geirrt haben und wirklich etwas auf dem Tablet war, dann ist es nun endgültig gelöscht. Jemand wollte Ihnen einen Tipp geben – aber mehr auch nicht.“ Piscator stöhnte auf. 

Beim Bürgermeister

 Im Rathaus traf Piscator auf einen zerknirschten Bürgermeister. Der von der alten Brücke ausgelöste Tod des blöden von Binnigheim ist eine Katastrophe, schimpfte er. Schon lange habe er die Sanierung gefordert, nie aber habe er sich durchsetzen können gegen die Denkmalstimmen im Rathaus, klagte der OB. „Wir hatten eine Lösung für ein Riesenproblem und jetzt ist der von Binnigheim tot und damit die Lösung“, grummelte der Bürgermeister. Piscator stutzte. Er berichtete dem OB von den Dokumenten, die er kurz hatte einsehen können und die er trotz des Brucker Cocktails für keine Illusion hielt. 

Auch der Bürgermeister stutzte. „Woher kennen Sie die Dokumente?“, schimpfte er. „Sie wären die Lösung gewesen!“ Piscator blickte fragend um sich und sah auf den Verkehr unter dem Rathaus-Fenster, der sich schon wieder in einander zu verkeilen drohte. „Was genau, Herr Bürgermeister, meinen Sie?“ Der Bürgermeister schluckte und hob zu einer Erklärung an, die ihm sichtlich schwer fiel. „Von Binnigheim wollte uns seine sämtlichen noch freien Grundstücke zu einem symbolischen Preis überlassen“, grummelte er. „Er wollte nach all den vielen Geschäften, die er gemacht hatte, kurz vor dem Ruhestand seinen Frieden finden. Wir als Stadt hätten auf den Grundstücken Sozialbau betreiben können. Es wäre die Lösung für eines unserer größten Probleme gewesen“, seufzte der Bürgermeister. „Jetzt aber gehört alles seiner Tochter. Und die wird einen Teufel tun und den Willen des alten von Binnigheim erfüllen“, grollte der Bürgermeister. „Sie ist die Gier in Person.“ 

Zurück in seinem Büro machte sich Piscator Aufzeichnungen über die Aussagen des Bürgermeisters. Mit dem Tod des Alten waren die Übergabe-Pläne vernichtet, die Tochter bekam das ganze Vermögen – und hatte damit doch ein Motiv! Doch wie hätte es ihr gelingen können, einen Teil der Brücke zum Einsturz zu bringen? Wusste sie überhaupt von den Plänen ihres Vaters? War sie skrupellos genug, um aus Habgier einen Mord zu begehen? War nicht doch einfach nur die alte Brücke zusammengekracht? Piscator lehnte sich zurück, pfiff durch die Zähne und rief den IT-Spezialisten an. „Haben Sie das Handy endlich geknackt?“, fragte er den genervt wirkenden Computerspezialisten. „Ja natürlich, Sie Witzbold“, schmetterte dieser zurück. Genau in dieser Sekunde, schob er etwas kleinlaut nach. 

Piscator eilte in den oberen Stock, um die Ergebnisse in Empfang zu nehmen. Eine lange Liste an Nachrichten und Kontakten tauchte auf dem Bildschirm auf. Wen der alte von Binnigheim alles gekannt hatte, dachte sich Piscator, als ihn der IT-Spezialist auf eine ganz bestimmte SMS-Nachricht hinwies: „Komm heute um Mitternacht zur Amperbrücke. Wir müssen reden. Liebe Grüße, M.“, stand da. Piscators Augen weiteten sich. „Kennen wir den Absender?“, fragte er. „Absenderin“, entgegnete der IT-Spezialist grinsend. „Die Nachricht kam vom Handy von Maria von Binnigheim. Die Nachricht stammt von der Tochter des Toten.“ 

Die Entdeckung 

Piscator war gerade dabei, sich wegen des immer noch tödlichen Staus in der Stadt die Radl-Rikscha zu bestellen, um Maria von Binnigheim einen Besuch abzustatten, als ein Kollege hereinstürmte. „Die Chemiker“, rief er „die Chemiker haben etwas gefunden“. „Und was?“, fragte Piscator. „Sprengstoff!“, antwortete der Kollege. „Sie haben Sprengstoff an dem heruntergefallenen Block gefunden. Er muss absichtlich abgesprengt worden sein. Ein Teil der Brücke wurde gesprengt.“ 

Piscator lehnte sich zurück und biss in sein Nusshörnchen. Kurz dachte er darüber nach, ob man die Radl-Rikscha nicht gleich als grüne Minna einsetzen könnte, verwarf den Gedanken aber. „Einsatz. Bringen Sie mir Maria von Binnigheim. Sofort“, rief er am Telefon der Wache am Eingang der Polizei zu. Der Wachhabende stöhnte. „Wir müssen wegen des Verkehrs mit Blaulicht fahren. Rechnen Sie in Sekundenschnelle mit Presseanfragen.“

 Derweil telefonierte Piscator mit dem Chemiker, um Genaueres zu erfahren. „Der Sprengstoff muss in mehreren Plastikkanülen in Ritzen im Beton gesteckt haben. Der Zünder war an eine Zeitschaltuhr gekoppelt. Wir haben Reste davon gefunden. Billige Supermarktware, funktioniert aber bestens“, sagte der Ermittler. 

Die Vernehmung

 Ihr Handy umklammernd saß Maria von Binnigheim im Vernehmungsraum der Kripo. Kahle Wände, eiskalte Nüchternheit. Ein Raum der Wahrheit, wie Piscator fand, während er sich auf das Gespräch vorbereitete. Diese Frau hatte ein Motiv, diese Frau hatte das Opfer zum Tatort gelockt - der Fall war in seinen Augen gelöst. Nur: wie hatte sie den Teil der Brücke abgesprengt? Er wies einen Beamten an, Maria von Binnigheim das Handy abzunehmen und es zu untersuchen. „Jetzt, sofort“, befahl er. Maria von Binnigheim schluchzte und schwieg. Die Tusche an ihren Augen verlief und zerteilte sich über ihrem Gesicht, die Tränen strömten wie die Amper an guten Tagen. Der IT-Spezialist grinste, als der Kommissar wieder bei ihm im Büro stand. „Maria von Binnigheim hat ihr Handy nicht passwortgeschützt“, lachte er laut. „Das hätten Sie selbst lesen können, Herr Piscator.“ 

Neben der Nachricht an ihren Vater fanden die Ermittler in dem Handy auch einen Kontakt zu einem gewissen Dragomir. Er bot an, einen großen Betonblock mithilfe einer Zeitschaltuhr von der Amperbrücke abzusprengen, so die Tochter in der Lage sei, den Alten zum bestimmten Zeitpunkt dorthin zu locken. Die Nachricht war in einem speziellen Messenger verfasst, der Botschaften sofort und unwiderbringlich löschen würde, hatte Dragomir versprochen – falls Maria die richtige Einstellung am Handy treffen würde. Das hatte sie aber nicht getan, alles war problemlos lesbar. Piscator pfiff erstaunt durch die Zähne. „So durchtrieben und so blöd?“, fragte er. „Wir müssen diesen Dragomir finden.“ 

Sinnlos

 Trotz aller Hoffnungen Piscators aber: Die Suche nach der Handynummer Dragomirs war sinnlos. Die Nummer gab es nicht. Sie war offiziell noch nie von jemandem benutzt worden, niemals. Auf dem Handy fanden die Ermittler auch eine Überweisung über 666 000 Euro an ein Konto bei Western Union. „Sinnlos, dem nach zu gehen“, sagte Piscator. Maria von Binnigheim schließlich gestand, Dragomir als Auftragskiller über das Dark-Net ausfindig gemacht und später über das Handy mit ihm kommuniziert zu haben. Maria von Binnigheim keifte bei ihrer letzten Vernehmung, als der Tränenstrom längst versiegt war: „Der Alte wollte kurz vor der Firmenübergabe den freien Grund der Stadt schenken. Das musste verhindert werden.“ 

Dragomirs Versprechen 

Dragomir, das war natürlich nicht sein richtiger Name, studierte die Nachrichten in den Online-Portalen.

 Er las von der Verhaftung der Tochter des Zerquetschten. Sie habe vor Gericht angegeben, nicht zu wissen, wer ihren Mord-Auftrag ausgeführt habe, berichtete das Online-Blatt. Auch der Polizei sei es nicht gelungen, die ausgetauschten Nachrichten und den Geldfluss zu rekonstruieren, wurde in dem Bericht aus dem Landgericht geschildert. Der Arbeiter, der die Sprengsätze nach Aussagen der Tochter angebracht haben soll, sei nicht zu ermitteln, bestätigte die Kripo. Er müsse während Reparaturarbeiten unter falscher Identität bei der zuständigen Brückenbau-Firma angeheuert haben, hieß es, wobei weitere Untersuchungen anstünden.

 Immerhin, so das Gericht, sei die Auftraggeberin ermittelt worden. Dragomir schmunzelte bei der Lektüre und strich mit seinen schmalen Händen über das Dutzend Pässe, das er besaß. Ein neuer Auftrag wartete, er war erst gestern eingegangen. Ein bestimmtes Auto muss in Flammen aufgehen, forderte der Auftraggeber. Nichts darf nachvollziehbar sein, auch nicht, dass der Anschlag auf das Auto zielgerichtet gewesen sein wird. Dragomir kündigte an, den Auftrag zu erfüllen, nannte seinen teuflischen Preis und versprach sich selbst, den Kunden diesmal so zu beraten, dass auch er unauffindbar bleiben würde.

 Dragomir streichelte über die Rasta-Perücke, die er sich für diesen Fall besorgt hatte und die vielen kleinen Grillanzünder. Dragomir lächelte, während über die mittlerweile notdürftig reparierte Amperbrücke wieder ein unendlicher Verkehr floss.

Anmerkung des Autors

Natürlich ist es die Aufgabe des Tagblatts, nüchtern über die Dinge des täglichen Lebens zu berichten und keine Phantasieprodukte zu verbreiten. Der Regio-Krimi als kleine Ausnahme wird daran nichts ändern. Die Idee zu dem Krimi und das zentrale Thema entstanden übrigens – das ist jetzt kein Scherz – mitten in der Nacht während eines Traums, aus dem ich dann, man kann es sich vorstellen, etwas aufgewühlt hochschreckte. 

Man sieht wieder einmal: Die Amperbrücke ist bestens geeignet, einem auch ganz real wenn nicht das Leben, so doch den Schlaf zu rauben. (st)

Lesen Sie außerdem:

Die B2: Die zentrale Verkehrsachse im Landkreis Fürstenfeldbruck

Feuerteufel in Fürstenfeldbruck: Kripo fahndet mit Phantombild

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

So geht es Hund Albi nach der grausamen Nadel-Attacke
Erneut hat es in Germering bei München einen Anschlag auf Hunde gegeben. Diesmal hat es einen Vierbeiner im Gnadenhof Gut Streiflach erwischt - er schluckte den …
So geht es Hund Albi nach der grausamen Nadel-Attacke
Stadtrat segnet Stadion-Pflege nachträglich ab - Demo von SCF-Mitgliedern
Der Stadtrat hat die im Dezember 2018 mit dem SCF geschlossene Pflegevereinbarung für die Anlage am Klosterstadion nachträglich genehmigt.
Stadtrat segnet Stadion-Pflege nachträglich ab - Demo von SCF-Mitgliedern
Vor der Wahl: CSU startet Bürger-Befragung
Die CSU rüstet sich für den Wahlkampf: Mit einer großen Bürgerbefragung will die Partei herausfinden, wo die Brucker Probleme und Stärken der Stadt sehen. Der Fragebogen …
Vor der Wahl: CSU startet Bürger-Befragung
Als Stadionsprecher bleibt er Teil des Teams
Eigentlich sollte Sebastian Dengg nur einmal als Stadionsprecher bei den Footballern der Fursty Razorbacks aushelfen. Daraus wurden acht Jahre. Und obwohl er jüngst …
Als Stadionsprecher bleibt er Teil des Teams

Kommentare