Ausweichrouten total überlastet

Totalsperre auf der B2 - und dann folgt die Umleitung ins Chaos

Totalsperre nach Unfall auf der B2: Das ist eine Horrormeldung für alle, die diese Stelle passieren müssen – vor allem im Pendlerverkehr. Denn die Ausweichstrecken brechen unter den Blechlawinen, die sich in solch einem Fall auf ihnen von A nach B wälzen, komplett zusammen. Notfallpläne, um das Chaos irgendwie in den Griff zu bekommen, gibt es nicht – noch nicht.

Fürstenfeldbruck/Alling/Germering – Donnerstag, 15. November 2018, 15.30 Uhr: Auf der Bundesstraße kracht zwischen der Abzweigung nach Wagelsried und dem Scheitelpunkt des Hoflacher Berges ein Pkw frontal in einen entgegenkommenden Lastwagen. Die Fahrer kommen mit leichten Verletzungen davon. Doch beide Fahrzeuge müssen abgeschleppt werden. Die B 2 bleibt auf einem Abschnitt, über den täglich 20 000 Fahrzeuge rollen, drei Stunden gesperrt.

Der Verkehr Richtung Fürstenfeldbruck wird unten am Hoflacher Berg ausgeleitet, Autos Richtung München, winkt die Feuerwehr bei Wagelsried raus. In der einsetzenden Rushhour reiht sich auf den schmalen Straßen zwischen dem Weiler Wagelsried, Biburg, Germansberg und Alling bald Auto an Auto. Überall dort, wo innerorts geparkt werden darf, kommen die Schlangen endgültig ins Stocken. Wo ein Auto steht, kann immer nur ein Fahrzeug passieren, die Gegenrichtung muss warten. Lkw und Busse, die sich ebenfalls über die Ausweichstrecke quälen, verschlimmern die Situation zusätzlich. Als dann auch noch die Dunkelheit hereinbricht, geht oft Minuten lang gar nichts.

Josef Ullmer steht an seinem Fenster und beobachtet das traurige Schauspiel. Er wohnt in Alling in der Straße Am Weinberg. „Drei Autos haben geparkt. Wenn dann einer stehen bleibt, um den Gegenverkehr passieren zu lassen, müssen die anderen auch warten. Dann geht die Huperei los.“ Er und die anderen Anwohner sind in einem solchen Gewühl quasi gefangen. „Wir können da überhaupt nicht mehr aus unseren Einfahrten heraus.“

Einige Tage später machen die Allinger ihrem Unmut in einer Bürgerversammlung Luft. Sie fordern, dass etwas unternommen wird, damit sich solch ein Chaos nicht wiederholt. Dabei wird deutlich: Um das Problem zu lösen, gilt es dicke Bretter zu bohren, egal auf welchem Weg man an die Sache herangeht.

Verweis auf fehlendes Personal

Die Idee, den Verkehr nicht nur von der Hauptroute auszuleiten und dann sich selbst zu überlassen, sondern auch auf der Ausweichstrecke zu regeln, löst bei Polizei und Feuerwehr heftige Abwehrreaktionen aus. „Dazu fehlen uns einfach die Leute, das können wir nicht leisten“, sagt Andreas Ruch, Vizeleiter und Sprecher der zuständigen Polizeiinspektion Germering. Betroffen seien außer Alling regelmäßig auch Eichenau und Puchheim.

Die Lösung, die Polizeisprecher Ruch für umsetzbar hält, würde aber die Anwohner da wie dort wenig begeistern: Man könnte Halteverbote an den schlimmsten Engstellen erlassen – wie etwa in Alling Am Weinberg. Das hieße aber, dass die begehrten Parkplätze für immer weniger würden, nur weil es ab und an auf der B 2 kracht. Allings Bürgermeister Frederik Röder befürchtet zudem, dass ohne die hinderlichen, abgestellten Fahrzeuge auf den betroffenen Straßenabschnitten grundsätzlich schneller gefahren würde.

Das leidige Problem mit den Umleitungsstrecken kennt auch Kreisbrandrat Hubert Stefan. „Am schlimmsten ist es immer, wenn auf der B 471 etwas passiert und wir bei Gernlinden ausleiten müssen.“ Auf dieser Strecke verkehren besonders viele Lastwagen, die sich ebenso wie die Pkw dann durch Esting und Geiselbullach retten müssen. Die Verkehrsregelung auf den Ausweichrouten sei aber nicht Sache der Feuerwehr, sagt Stefan. Lediglich wenn die Polizei aktiv werde und um Unterstützung bitte, könne die Feuerwehr hier unterstützend eingreifen.

Bürokratische Hürden

Ganz grundsätzlich kommt auch der Kreisbrandrat auf die Manpower zu sprechen. Der Hauptteil der Einsatzkräfte werde am eigentlichen Unfallort gebraucht. „Sie müssen helfen, Verletzte bergen und die Straße wieder frei bekommen, damit die Sperre aufgehoben werden kann.“ Eigentlich stünden die Feuerwehrleute an den Ausleitungen, damit ihre Kameraden am Unfallort gefahrlos arbeiten könnten. Das sei rechtlich so geregelt.

Extra Pläne für die Regelung der Umleitung aufzustellen, hält Hubert Stefan für zu aufwändig. „Das sind Ausnahmesituationen, da müssen Autofahrer halt durch.“ Es sei immer noch besser, im Schneckentempo über eine Umleitungsstrecke zu rollen, als – wie etwa auf Autobahnen nach Unfällen – zu stundenlangem Stillstand verurteilt zu sein.

Karl Stecher vom Straßenverkehrsamt im Landratsamt bringt außerdem bürokratische Hürden ins Spiel: Ganz grundsätzlich dürften offizielle Umleitungen nur über Straßen verlaufen, die zumindest einigermaßen gleichwertig zu den gesperrten Strecken sind. Die Ausweichroute für eine Kraftstraße (B 471) etwa kann gerade noch über eine Bundesstraße führen, die für eine Bundesstraße über eine Kreisstraße. Das gilt für Baustellen ebenso wie für Unfälle. Die B 2 nach einem Crash offiziell über Ortsstraßen umzuleiten, sei rechtlich schlicht nicht zulässig. Hier gehe es um Sicherheitsaspekte, zum Beispiel im Umfeld von Schule. Auch für die Verhängung von Halteverboten gebe es im übrigen klare Regeln.

Runder Tisch geplant

Einen Hoffnungsschimmer für Anwohner und Autofahrer gibt es aber doch – zumindest für Alling. Die Germeringer Polizei will künftig für Umfahrungen auch die Umgehung von Gilching nutzen, die derzeit gebaut wird. Damit könnten die Verkehrsströme von und nach Fürstenfeldbruck entzerrt und über zwei verschiedene Routen gelenkt werden. Das würde zumindest die Engstelle Am Weinberg entlasten. „Die würde nach diesen Plänen dann nur noch in eine Richtung als Ausweichroute genutzt“, erklärt Sprecher Andreas Ruch.

Er will deshalb Vertreter aller beteiligten Kommunen, Behörden und Verbände an einen Tisch holen, damit eine gangbare Lösung gefunden wird. Die Polizei selbst prüft derzeit, inwieweit es möglich ist, Informationen von vor Ort in solchen Situationen zeitnah, etwa in mobile Navigationsgeräte für Smartphones einzuspeisen. Autofahrer könnten dann frühzeitig auf die Sperrung aufmerksam gemacht werden und reagieren. „Denn eins muss uns klar sein“, so Ruch. „Unfälle auf unseren immer dichter befahrenen Durchgangsstraßen werden künftig sicher nicht seltener.“ (Sabine Kuhn)

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