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Premiere im Büro: Thomas Steinhardt, stellvertretender Redaktionsleiter beim Tagblatt, nimmt an einer Video-Presse-Konferenz mit dem Landratsamt teil.

Fürstenfeldbruck

Video-Gespräch zu Corona: Not-Klinik in Planung - Das sagt der Krankenhaus-Chef

  • Thomas Steinhardt
    vonThomas Steinhardt
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Nun ist der zweite Tote im Landkreis in Folge des Corona-Virus zu beklagen. Die Zahl der Infizierten ist weiter gestiegen. Die Verantwortlichen bereiten im Hintergrund weitere Maßnahmen vor.

Fürstenfeldbruck – Nach dem 90-Jährigen aus Dachau starb nun ein 87-Jähriger infolge der Erkrankung. Der 87-Jährige, der zuhause verstarb, habe an gleich mehreren Vorerkrankungen gelitten, so das Landratsamt am Nachmittag.

Zusätzliche Kräfte

Am Donnerstagvormittag zählte das Brucker Gesundheitsamt 250 bestätigte Corona-Fälle im Landkreis. Täglich wachse die Zahl etwa um 20 Prozent, sagte Dr. Lorenz Weigl, Chef des Kreis-Gesundheitsamts im Rahmen einer Video-Presse-Konferenz vor Vertretern verschiedener Medien am Vormittag. Der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus sei keine Kurz- oder Mittelstrecke, sondern eine Langstrecke. Weil es immer mehr Fälle gebe, gerate auch das Gesundheitsamt personell an seine Grenze. Daher werde versucht, zusätzliche Kräfte einzusetzen. Ab Montag kämen etwa drei Medizinstudenten und ein Arzt dazu.

Mehr Tests

Landrat Thomas Karmasin ergänzte, dass die Anzahl der Tests stark nach oben gefahren werden solle. So werde eine zweite Drive-Through-Stelle in Germering geplant, wo man sich nach vorheriger telefonischer Absprache auf das Virus untersuchen lassen kann. Karmasin geht davon aus, dass mit der Erhöhung der Testkapazität auch die Zahl der bekanntermaßen Infizierten steigen wird. Davon dürfe man sich nicht überraschen lassen. In der seit dem 17. März betriebenen Drive-Through-Stelle wurden bisher 491 Personen getestet. Es liegen 350 Ergebnisse vor, 22 sind positiv.

Mehr Intensivbetten

Der ärztliche Leiter des Brucker Kreisklinikums, Florian Weis, berichtete, dass im Krankenhaus seit Freitag eine zweite Infektionsstation eingerichtet sei. Die Zahl der Intensivbetten sei von acht auf zehn erhöht worden und könne auf 13 Betten mit Beatmungsgeräten aufgestockt werden.

Klinik in Hotel

Derzeit stünden in der Klinik 94 freie Betten zur Verfügung. In der Klinik werden neun positiv getestete Patienten behandelt, so das Landratsamt. Auf Nachfrage bestätigte Landrat Thomas Karmasin Pläne des Katastrophenstabs, eine Notfall-Klinik zusätzlich zur Kreisklinik einzurichten. Andernorts werden solche Ausweich-Stationen in Turnhallen aufgebaut. Davon wolle er allerdings Abstand nehmen, sagte Karmasin. „Sonst können wir gleich eine Corona-Party feiern.“

Ihm schwebt vor, eine solche Klinik in einem Hotel außer Betrieb einzurichten oder vielleicht in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr entstehen zu lassen. „Wir denken an Ersatzlösungen, damit wir im Notfall vorbereitet sind“, sagte Karmasin. Sprich: lieber jetzt vorbereiten als hinterher von den (denkbaren) Entwicklungen überrannt werden. Das Ersatzkrankenhaus werde auch eher für Nicht-Corona-Fälle eingerichtet, etwa für Nachversorgungen. Dieses Thema werde, wenn dann, aber erst in zwei oder drei Wochen virulent.

Wenig Schutzkleidung

Dr. Andreas Forster, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (und damit Nachfolger von Werner Kainzinger), berichtete von den Schwierigkeiten der niedergelassenen Ärzte. Hier herrsche Sorge, dass eine Praxis wegen Corona dicht gemacht werden könnte. Das Amt musste das aber noch  nie veranlassen. Insgesamt hätten die Niedergelassenen zu wenig Schutzkleidung.

Extra Corona-Praxen

Daher plane man eine Kanalisierung von Corona-Fällen. Sprich: Einige Praxen werden für Corona ausgestattet und sind dann dafür zuständig, andere nicht. Daran arbeite man gerade.

Landrat Karmasin bezeichnete die Arbeit der niedergelassenen Ärzte als „wesentlichen Beitrag“. In der Kreisklinik sollen weiter nur solche Patienten behandelt werden, deren Zustand eine stationäre Betreuung unabdinglich macht. Die Hausärzte sollen für die ambulante Hilfe sorgen. Wenn ein Patient etwa in häusliche Quarantäne müsse, sei ja weitere Betreuung nötig – und sei es nur in Form von Fragen nach dem Befinden und der Fähigkeit, im Zweifelsfall richtig zu entscheiden.

Klinik-Chef: Auch Jüngere können schwer erkranken

Auf Bitte von Kreisräten berichtete Klinikchef Groitl im Kreisausschuss am Donnerstagnachmittag spontan von der Corona-Lage in seinem Haus. Demnach sind derzeit 90 von 900 Beschäftigten (mit Jesenwang) erkrankt. Das sei deutlich mehr als im Vorjahr. Es sei auch nötig gewesen, Kollegen in Quarantäne zu schicken. 

Groitl schilderte einen beispielhaften Einzelfall: Eine Patientin sei ohne Symptome für einen chirurgischen Eingriff in die Klinik gekommen. Während der OP habe sie zu fiebern begonnen – dann wurde sie positiv getestet. Das OP-Team durfte nach mehreren Abstrichen erst 48 Stunden später wieder arbeiten. In der Klinik werde jeder Verdachtsfall so behandelt, als sei er ein bestätigter Fall. Mundschutz sei daher verpflichtend. Für das Wochenende erwartet Groitl die nächste Welle an Erkrankten. 

Wegen der Vorbereitung auf mögliche Entwicklungen stehe das Haus zu einem Drittel bis zur Hälfte leer, da man Termine abgesagt habe. Von sechs OP-Sälen seien nur zwei in Betrieb. Das bedeute Einnahmeausfälle. Daher versuche man, im Ministerium Ersatz dafür zu erwirken. Immer wieder würden Corona-Patienten geheilt entlassen. Aber jetzt kämen mehr neue Patienten nach als Patienten gesund das Haus verlassen, ergänzte der Landrat. Groitl betonte, dass es anders als oft dargestellt zu schweren Corona-Verläufen auch bei Jüngeren kommen könne. Das zeigten Erfahrungen aus Frankreich. Solche Fälle gebe es nicht so oft, aber es gebe sie. „Das sei den Witzbolden ins Stammbuch geschrieben, die sich nicht an die Regeln halten“, kommentierte der Landrat. Eigentlich in der Sitzung war Groitl wegen der Großraumzulage für seine Mitarbeiter. Der Kreisausschuss stimmte zu. Weil der nächste Kreistag coronabedingt entfällt, kann der Landrat hier nun mit einer dringlichen Anordnung weiter arbeiten. Das heißt: Die Zulage kommt – und Groitl dankte-

Anmerkung der Redaktion: Im Rahmen der Berichterstattung über die Videokonferenz mit dem Landratsamt zum Thema Corona haben wir berichtet, dass zwei Orthopäden aus dem Landkreis ihre Praxis aufgrund Infizierung geschlossen hätten. Dazu stellen wir richtig, dass die aus Tirol (nicht Südtirol) zurück gekehrten Orthopäden die Praxis nur aus Vorsichtsgründen, freiwillig und vorsorglich geschlossen hatten, nicht aufgrund einer Infizierung. Der entsprechende Passus wurde aus diesem Beitrag entfernt.

Ganz Nebenbei: 

Die aktuelle Lage veranlasst auch Behörden und Medien, neue Wege zu gehen: Es war die erste Pressekonferenz des Brucker Landratsamts überhaupt, die über eine Video-Schalte stattfand. Und es war auch die erste Pressekonferenz dieser Art für das Brucker Tagblatt. In Zeiten von Corona ist diese Art der Gesprächsführung sicherlich sinnvoll – und sie funktioniert ja auch, wie man am Donnerstag erleben konnte. Verbunden über ein bestimmtes Online-Instrument (in diesem Fall: „Zoom“) sieht und hört man sich tatsächlich live gegenseitig – so die Technik will, jedenfalls. Immer derjenige, der spricht, taucht groß am Bildschirm auf, die anderen klein oben nebeneinander aufgereiht. Wie im wirklichen Leben kann man bei einer solchen Konferenz also auch beobachten, was die gerade nicht aktiv Beteiligten so treiben. Das mag disziplinatorisch wirken, ist aber auch ganz witzig. Quintessenz, Schlussfolgerung für die Zukunft: Videokonferenz: ja gerne – Corona: nein danke. Bleiben Sie gesund. (st)

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