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In lockerer Wohnzimmer-Atmosphäre: Vize-Landrat Johann Wieser spricht mit Tagblatt-Reporter Andreas Daschner über sein Leben und di e Kommunalpolitik. Der ehemalige Jesenwanger Bürgermeister und der Ortsberichterstatter kennen sich aus unzähligen Gemeinderats-Sitzungen. 

70. Geburtstag

Vom Standesbeamten zum Vize-Landrat

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Kommunalpolitische Erfahrung gepaart mit wohltuender Gelassenheit: Diese Attribute schreibt Landrat Thomas Karmasin seinem Stellvertreter Johann Wieser zu. Der Jesenwanger feiert an diesem Donnerstag seinen 70. Geburtstag.

Jesenwang –  Johann Wieser kennen viele Bürger aber auch als Leiter des Bürgerbüros der Stadt Fürstenfeldbruck (1978 bis 2010). Von 1996 bis 2014 war er außerdem Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. Seit 2002 sitzt der im Ortsteil Pfaffenhofen aufgewachsene und seit 1975 mit seiner Frau Annemarie in Jesenwang lebende Wieser für die Freien Wähler im Kreistag, seit 2008 fungiert er als Vize-Landrat.

Bürgerbüro, Gemeinde, Landkreis – welche ihrer drei Haupttätigkeiten hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Jede Tätigkeit hat für sich gewisse Reize. Ich war mit Leib und Seele Mitarbeiter im Brucker Rathaus und habe dort als Auszubildender im Einwohnermeldeamt von der Pike auf gelernt. Später ist daraus das Bürgerbüro geworden, das ich geleitet habe. Es war eine schöne Karriere, die ich im Brucker Rathaus machen durfte. Ein Bürgermeister hat sowieso sehr vielfältige Aufgaben. Da ist man immer wieder vor Überraschungen nicht gefeit. Das Amt hat mir 18 Jahre unheimliche Freude gemacht. Ähnlich ergeht es mir mit der Tätigkeit als stellvertretender Landrat. Es ist wieder ein anderes Aufgabenfeld, bei dem man mit anderen Menschen zu tun hat.

Bei der Stadt waren Sie auch Standesbeamter. Wie viele Ehen haben Sie geschlossen?

Ich habe das nie nachgezählt. Es waren viele Jahre, in denen ich anfangs noch mehr Trauungen vorgenommen habe. Später, als das Bürgerbüro immer größer geworden ist, hatte ich nicht mehr so viel Zeit, selbst Trauungen zu vollziehen.

Ist Ihnen eine Trauung besonders in Erinnerung geblieben?

Ich habe nicht erlebt, dass jemand ,Nein’ gesagt hat. Aber es gab mal einen Hochzeitstermin, zu dem sich das Brautpaar angemeldet und alles vorbereitet hatte, und dann ist der Bräutigam alleine da gestanden. Die Braut ist nicht gekommen.

Wie viele Bürgermeister haben Sie im Brucker Rathaus miterlebt?

Es waren vier: Wilhelm Buchauer, Max Steer, Eva-Maria Schumacher und Josef Kellerer.

Und wie sind Sie dann selbst zur Kommunalpolitik gekommen?

Ich bin schon 1984 vom damaligen Jesenwanger Bürgermeister Andreas Stangl angesprochen worden, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle. Ich bin damals auf die Liste gegangen, allerdings haben seinerzeit noch 23 Stimmen gefehlt. Ich war erster Nachrücker. 1990 wurde ich dann von Leonhard Dilger, meinem Vorgänger, erneut angesprochen. Und dieses Mal wurde ich dann auch gewählt. Sechs Jahre später wurde ich Bürgermeister. Ich bin also erst einmal gescheitert, um dann Gemeinderat und sogar Bürgermeister zu werden.

Der Jesenwanger Gemeinderat zeichnet sich seit Jahren durch seine Sachlichkeit aus. Das war sicher auch mit Ihr Verdienst?

Ich habe mir alle Mühe gegeben, dass es so ist. In meiner Antrittsrede als Bürgermeister habe ich gesagt, dass wir im Sitzungssaal heiß diskutieren und auch streiten können. Wir müssen uns am Ende, wenn wir den Raum verlassen, aber alle miteinander ins Gesicht schauen können.

Weiter ging es dann mit der Wahl zum Kreisrat...

Der damalige Kreisvorsitzende der Freien Wähler, Michael Leonbacher, wollte unbedingt Kandidaten aus allen Landkreisgemeinden haben. Als ich 1996 Bürgermeisterkandidat war, hat er mich bereits angesprochen, ob ich nicht auch für den Kreistag kandidieren wolle. Damals wurde ich von Platz 23 auf Platz 18 vorgehäufelt. Sechs Jahre später habe ich Michael Leonbacher dann gebeten, mich auf den Platz zu stellen, wo mich die Wähler 1996 haben wollten, und so kandidierte ich auf Listenplatz 18. Das Ergebnis ist bekannt, ich war unter den ersten Sieben dabei.

Hat es Sie überrascht, als sie sechs Jahre später als Kandidat für den Posten eines stellvertretenden Landrats vorgeschlagen wurden?

Ich war davon schon sehr überrascht. Sich als Jesenwanger Bürgermeister so ein Ziel zu setzen, wäre vermessen gewesen. Ein bisserl auf dem Boden muss man schon bleiben (lacht). Ich musste dann erst mal eine Nacht drüber schlafen und mit meiner Familie reden. Dann habe ich mich entschieden, dass ich es machen würde.

Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen Gemeinde- und Kreispolitik?

Wenn wir im Gemeinderat unterschiedlicher Meinung waren, konnten wir auch mal ein bissl länger diskutieren und haben dadurch dann viele einstimmige Beschlüsse zustande gebracht. Im Kreistag ist das anders, da wird schon eher Parteipolitik gemacht.

Sie kandidieren 2020 nicht mehr. Wird Ihnen jetzt langweilig?

In meiner politischen Laufbahn ist es stufenweise immer mehr geworden. Jetzt habe ich es auch so gehalten, dass es stufenweise wieder weniger wird. Bei der Stadt Fürstenfeldbruck hatte ich schon mit 60 Jahren die Möglichkeit, in die Altersteilzeit zu gehen. Ich habe – langfristig geplant – mit 64 Jahren als Bürgermeister aufgehört. Ich habe es immer so gehalten, dass ich mich für die Gemeinde, Geschehnisse und Politik interessiert habe.
Ich bin immer noch bei allen Jesenwanger Vereinen Mitglied. Ich freue mich immer noch, wenn ich Einladungen zu deren Veranstaltungen bekomme und gehe dort gerne hin. Der nächste Schritt ist, dass ich kommenden April als Kreisrat aufhöre. Ich gehe davon aus, dass mir da der Absprung genau so gut gelingt, wie bei den anderen beiden Tätigkeiten.

Was wünschen Sie sich zu ihrem 70. Geburtstag für die Gemeinde und für den Landkreis?

Für die Gemeinde wünsche ich mir, dass sie eine gesunde Entwicklung nimmt. An allen Ecken und Enden fehlt es an Wohnraum. Der Ort soll trotz der jüngsten Bautätigkeit so lebenswert bleiben, wie in den vergangenen Jahren.
Im Landkreis leite ich in der zweiten Legislaturperiode die Baukommission. Das macht mir Freude, aber ich sehe auch mit Sorge, was da auf den Landkreis zukommt. Alleine für den Schulbau und den Unterhalt sind im Haushalt 39 Millionen Euro vorgesehen – eine Steigerung um über zehn Millionen gegenüber dem Vorjahr. Ich wünsche mir, dass der Landkreis das gut bewältigt und keinen Sanierungsstau produziert, weil das Geld ausgeht.

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