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Ein Bild ist keine Schautafel, sagt Künstler Guido Zingerl. Deshalb muss es auch etwas Unbestimmtes und Interpretationsspielraum haben.  

Zum 85. Geburtstag von Guido Zingerl

Der Wahnsinn der Welt auf Leinwand

Seine Karikaturen sind legendär, von vielen auch gefürchtet. Kommunalpolitiker brachte er früher mit seiner kompromisslosen Kunst regelmäßig zur Weißglut, die Kirche sowieso. Vor einigen Tagen hat Guido Zingerl seinen 85. Geburtstag gefeiert – und ist weit entfernt vom Ruhestand.

FürstenfeldbruckDie Hände in den Schoß legen, das käme für Zingerl nie in Frage. Noch immer steht er jeden Morgen früh auf und arbeitet den ganzen Vormittag in seinem Atelier. Ein paar Tage vor seinem Geburtstag hat er einen Herzschrittmacher bekommen, nun fühlt er sich fitter als vorher. Seine Augen leuchten, von Altersmüdigkeit keine Spur.

Guido Zingerl malt, was ihm im Kopf umgeht. Seziert auf der Leinwand gnadenlos den Wahnsinn der Welt, ist oft voller Wut und ohnmächtiger Trauer. Allein in den vergangenen beiden Jahren hat er viele neue Bilder geschaffen, Bilder mit Titeln wie „Bitcoin“, „Lobbykratie“, „Das große Blabla“ und „Irrenhaus Geld“. Typische Zingerl-Werke, Fegefeuer aus Farben, Fratzen und unendlich vielen Details, in deren Betrachtung man sich verlieren kann. Doch man muss nicht jeden Seitenhieb verstehen, um von der Wucht der visuellen Botschaft getroffen zu werden.

Interpretationshilfen gibt der Künstler ungern. „Ein Bild muss etwas Unbestimmtes haben. Es ist ja keine Schautafel.“ Seine Frau Ingrid erzählt, dass sie manchmal noch nach Jahren in den Werken Dinge entdeckt, die ihr vorher nie aufgefallen waren. Sie hat für ihren Guido zum Geburtstag ein Buch zusammengestellt, eine Sammlung seiner jüngeren Werke.

„Und sie machten sich die Erde untertan“ heißt es, nach dem gleichnamigen Gemälde. Fünf Teile, kreuzförmig angeordnet, zeigen Panzer und qualmende Fabrikschlote, fliehende, stürzende, sterbende Menschen und über all dem eine feiernde Elite aus Reichen und Richtern. Durch das Bild schlängelt sich eine rote Linie. „Das ist der Dax“, sagt Zingerl und schmunzelt.

Auch das Zahnrad im Zentrum des Bildes gehört dazu, quasi als augenzwinkernde Erinnerung an seinen ursprünglichen Beruf als Diplomingenieur, den er „aus Versehen“ ergriffen und „nur ganz kurz“ ausgeübt hat. Studiert hat er Maschinenbau an der Technischen Universität in München, nachdem er zuvor an einem Regensburger Gymnasium Abitur gemacht hatte – unter anderem mit der schulbesten Arbeit in Religionslehre. Kurz danach trat er aus der Kirche aus.

Von Regensburg spricht er inzwischen nur noch als seiner „Geburtsstadt“. Seine Heimat heißt längst Bruck. In beiden Städten hat er Kunstpreise entgegengenommen, sich aber auch mit Lokalpolitikern angelegt. Eine Galerie, die ihn und seine Kunst vertritt, hat er nicht – er ist zu unbequem. Ausgestellt werden seine Werke aber immer wieder, das nächste Mal im April in der Kulturwerkstatt am Olchinger Mühlbach (KOM).

Hier werden hauptsächlich die Bilder zu sehen sein, die auch im neuen Buch dokumentiert sind. „Die Zeiten sind härter und auch deine Bilder sind noch härter geworden“, schreibt seine Ingrid am Schluss des Buches in einigen persönlichen Zeilen an ihren „lieben Zingerl“, mit dem sie seit 60 Jahren glücklich ist.

Eines der Bilder ist aber selbst ihr zu „furchtbar“, als dass es irgendwo im Haus hängen dürfte. Es zeigt die Hinrichtung des amerikanischen Ehepaars Rosenberg im Amerika der 1950er-Jahre, wegen angeblicher Spionage. „Später hat sich herausgestellt, dass die beiden unschuldig waren“, sagt Zingerl. Das Bild war noch nie öffentlich zu sehen, doch im KOM soll es dabei sein. (Ulrike Osman)

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