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Nur der eigene Vorteil zählt bei den Charakteren von Wassa Schelesnowa.

Premiere an der Neuen Bühne Bruck

Ein Stück so kalt wie der sibirische Winter

„Wassa Schelesnowa“ heißt das Stück, das im Theater 5 an der neuen Bühne Bruck aufgeführt wird. Die kalte Atmosphäre lässt die Zuschauer erschaudern. Unsere Kritik.

Fürstenfeldbruck – Ein Tipp an alle, die sich „Wassa Schelesnowa“ im Theater 5 anschauen wollen: Behalten Sie den Samowar im Auge, zumindest gegen Ende des Stücks. Nur dann werden Sie – vielleicht – das Rätsel lösen können, mit dem die Zuschauer am Ende zurückbleiben.

Wassa Schelesnowa drängt ihren Ehemann zum Selbstmord

Doch selbst wer von der Dramatik der Handlung so einfangen wird, dass er den Samowar vergisst, wird einen gelungenen Abend erleben. Wassa (Eva-Maria Gruber), Chefin einer Reederei und des dazugehörigen Familienclans, ist so kalt wie ein sibirischer Winter. Mit harter, schneidender Stimme dirigiert sie Bedienstete und Angehörige. Den Ehemann (Jupp Peters) drängt sie zum Selbstmord, weil er Schande über die Familie zu bringen droht, und als er nicht spurt – nun ja, irgendwann ist er trotzdem tot.

Die Töchter sollen verheiratet werden, der Sohn liegt irgendwo im Ausland im Sterben. Alle Hoffnung auf einen Erben ruht auf dem fünfjährigen Enkel. Und ausgerechnet den will seine Mutter Rachel (Anne Urbanek), eine gesuchte Revolutionärin, mit in die Schweiz nehmen. Wassa wäre nicht Wassa, wenn sie das einfach so hinnehmen würde. Autor Maxim Gorki schrieb zwei Versionen dieses Stücks, das Theater 5 hat sich für die neuere von 1935 entschieden und eine Übersetzung aus den 1970er Jahren gewählt. Das macht die Sprache angenehm zeitgemäß, und Garderobe und Musik holen das Stück noch weiter in die Gegenwart.

Regisseur Matthias Weber lässt seine Darsteller in einem konventionellen Bühnenbild mit wuchtigem Schreibtisch, Chefsessel und gediegen-bürgerlichem Mobiliar agieren. Doch auf dem Boden liegt kein Teppich, sondern Stroh - wie in einem Stall.

Glänzende Premiere an der Neuen Bühne Bruck

Die Bourgeoisie, die Gorki hier darstellt, kennt keine höheren Werte. Es geht nur um den eigenen Vorteil und unmittelbaren Lustgewinn. Vor Wassas Brutalo-Bruder Prochor (Alexander Beer) ist keine Frau sicher, schon gar nicht die wechselnden, austauschbaren Dienstmädchen – Neuentdeckung Leandra Frey zeigt hier erstaunliches Wandlungsvermögen. Tochter Natalja (Aline Pronnet) ist trotz ihrer Jugend schon verbittert und verlebt, Tochter Ljudmila (Eloise Sanders) flüchtet sich in einen naiven Kleinmädchen-Modus. Kühl betrachtet Schwiegertochter Rachel diese „hoffnungslos kranke Bande“. Das Ende kommt mit einem Paukenschlag – aber wie ist das nur zugegangen? Wüsste man es, wenn man den Samowar im Auge behalten hätte?

Die Premiere gelang dem tollen, textsicheren Ensemble glänzend. Dafür gab es begeisterten Applaus von den Zuschauern in der ausverkauften Neuen Bühne – und vom Regisseur für jeden seiner Stars eine rote Rose.

Weitere Termine für „Wassa Schelesnowa“ an der Neuen Bühne Bruck

Die nächste Vorstellungen von „Wassa Schelesnowa“ des Theaters 5 finden am Freitag, 7. Juli, Donnerstag, 13. Juli, Montag, 17. Juli, und Samstag, 22. Juli, jeweils um 20 Uhr an der Neuen Bühne Bruck statt. Weitere Infos unter theater5.de.

von Ulrike Osman

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