Rinder als Botschafter der Landwirtschaft

Wo Kühe noch auf die Weide dürfen

Kühe, die gemütlich auf der Weide grasen: Was auf dem Land einst Gang und Gäbe war, und zum Klischee von Oberbayern wurde, ist heute selten geworden. Doch manche Landwirte denken um – und lassen ihren Rindern wieder mehr Freiheit.

Fürstenfeldbruck – Annabell kann gar nicht genug kriegen von den Streicheleinheiten. Voller Vertrauen legt sie ihren gigantischen Kopf in die Arme von Andreas Schmid und lässt sich kräftig durchkraulen. „Die Annabell ist eine ganz gemütliche“, sagt Schmid und lächelt. Die Fleckvieh-Dame kann es ja auch ruhig angehen lassen. Den Tag verbringen Annabell und ihre rund 50 Kolleginnen samt Nachwuchs auf einer großen Wiese am Ortsrand von Aich. Grasen, wiederkäuen, herumliegen – so lässt es sich aushalten.

Die Rindviecher von Andreas Schmid genießen ihre Freiheit allerdings erst seit kurzem. Erst seit diesem Frühling dürfen sie auf die rund zwei Hektar große Weide. Davor standen sie, wie viele ihrer tierischen Artgenossen, im Stall. Doch das war den Schmids schon länger ein Dorn im Auge. Also errichteten sie einen Zaun um die große Wiese neben seinem Hof. Den Augenblick, als die Tiere zum ersten Mal auf die Weide durften, wird Schmid so schnell nicht vergessen. Buckelnd, schnaubend und voller Lebensfreude stürmten die mehr als 500 Kilo schweren Tiere in die Freiheit. Diese bewegenden Momente hat der Landwirtschaftstechniker sogar in einem Video festgehalten.

Doch warum haben er und sein Vater Hans sich zu diesem Schritt entschlossen? „Den Tieren geht es einfach besser. Sie haben Bewegung, Sonne und frisches Gras“, sagt Andreas Schmid. Außerdem seien sie gesünder und allgemein robuster. Dafür nimmt der 23-Jährige auch mehr Arbeit in Kauf. Zaun aufstellen und in Schuss halten, Wasser rausbringen und die Tiere zum Melken wieder einsammeln: „Der Aufwand ist schon ein bisschen mehr. Aber das ist es uns wert.“

Tipps für die Weidehaltung haben sich die Schmids von ihren Nachbarn, der Familie Maugg, geholt. Dort dürfen die Kühe schon seit Jahrzehnten auf die Wiese. Nachteile sieht Markus Maugg kaum. Die Milchleistung stehe der der Stallhaltung in nichts nach. Dass andere dem Beispiel folgen, gefällt Maugg. Er sieht die Tiere auch als Botschafter für die Landwirtschaft – der Anblick der grasenden Wiederkäuer rufe den Berufsstand bei der Bevölkerung wieder in Erinnerung.

Die Kühe und ihr komplexes Sozialverhalten beobachten können die Menschen auch bei Puch beziehungsweise St. Ottilien. An beiden Standorten grasen die Angus-Rinder von Ludwig Reitmair. Für den Biobauern kommt nur Weidehaltung in Frage. „Anders möchte ich es nicht haben“, sagt Reitmair. Seine Tiere dienen der Fleischproduktion. Und der 56-Jährige ist überzeugt: Das Fleisch von glücklichen und freien Tieren schmeckt besser. Außerdem seien die Rinder, die von April bis November draußen sind, robuster.

Auch deshalb wehrte sich Reitmaier, als seine Tiere vor knapp zehn Jahren zwangsweise gegen die so genannte Blauzungenkrankheit geimpft werden sollten. Und auch die Tiere selbst zeigten den Veterinären damals, was sie von den Plänen halten. Weil ihnen die Rinder zu wild waren, musste das Impf-Kommando unverrichteter Dinge wieder abziehen. Mehr als 10 000 Euro sollte Reitmair als Zwangsgeld dafür bezahlen. Am Ende setzte er sich aber vor Gericht durch.

Die Justiz hat Josef Unglert aus Puchheim zwar nicht beschäftigt. Aber auch der Biobauer schwört auf die Weidehaltung. Seine Pinzgauer, eine vom Aussterben bedrohte Rasse, suchen sich ihre Nahrung auf den Wiesen rund um den Hof der Unglerts. „Die Tiere brauchen frische Luft und Bewegung“, sagt er. „Und die gönnen wir ihnen.“ Das Modell der Weidehaltung hat Josef Unglert bereits von seinem Vater übernommen. Sein Motto: So viel Natur wie möglich. Und manchmal erlebt er dank dieser Einstellung auch eine Überraschung. So ist es schon mehrmals vorgekommen, dass am Abend mehr Tiere in den Stall zurückkommen, als ihn am Morgen verlassen haben. Denn auch das Wunder der Geburt spielt sich bei den Unglerts nicht selten auf der Weide ab. (Tobias Gehre)

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