Finanzreferent Klaus Wollenberg (FDP) stellte sich im Pelzgeschäft von Wolfgang Lastner den Fragen des Tagblatts – und sprach dabei auch über den Umgang der Stadt mit ihren Gewerbebetrieben.
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Finanzreferent Klaus Wollenberg (FDP) stellte sich im Pelzgeschäft von Wolfgang Lastner den Fragen des Tagblatts – und sprach dabei auch über den Umgang der Stadt mit ihren Gewerbebetrieben.

Interview

Sommergespräch mit Klaus Wollenberg: „Wir müssen unser Geld zusammenhalten“

  • Ingrid Zeilinger
    VonIngrid Zeilinger
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Seit der Kommunalwahl 2020 ist Klaus Wollenberg (FDP) Finanzreferent im Stadtrat. Und seitdem muss er sich mit den Folgen der Corona-Pandemie befassen.

Fürstenfeldbruck – Im Sommerinterview spricht der politische Einzelkämpfer über seinen Start ins Amt, wirtschaftliche Herausforderungen und seine persönlichen Erfahrungen mit der Pandemie.

Herr Wollenberg, seit der Kommunalwahl herrscht Corona. Kein leichter Start als neuer Finanzreferent der Stadt, oder?

Schwierig war er nicht. Es ist etwas Neues, das muss man mit einem gewissen Respekt angehen. Aber ich bin seit über 40 Jahren im Stadtrat. Und durch meine berufliche Tätigkeit als Dekan, Studiendekan, Kreisrat und Stadtrat habe ich auf verschiedenen Ebenen viel mit Haushalt zu tun gehabt. Ich lerne trotzdem eine ganze Menge wieder neu. Ich habe viel Positives erlebt und manches, was auch nicht so schön ist. Und zur Zeit bin ich wegen ein paar Dingen im Clinch mit dem Oberbürgermeister.

Warum liegen Sie mit dem OB im Clinch?

Clinch ist vielleicht zu hart gesagt. Wir haben eine schwierige Haushaltssituation und müssen schauen, dass wir das Geld zusammen halten. Ich engagiere mich als Referent und es gelingt in vielen Vorgesprächen, einen einstimmigen Beschluss zum Haushalt zu fassen. Ich fand das eine tolle Geste des gesamten Stadtrats, dass er mir das Vertrauen gegeben hat. Aber dann habe ich im Laufe des Jahres immer wieder das Gefühl, dass keine richtige Ordnung drin ist. Wir bilden Prioritäten, der Stadtrat genehmigt diese, und dann will man von dem einen oder anderen nichts mehr wissen und bringt eine neue Priorität rein.

Woran denken Sie?

Wir haben das neue Gutachten zum Eisstadion mit 27 Millionen Euro Baukosten. Da muss man den Mut haben und sagen, in der jetzigen Finanzsituation kann man das nur als erste Priorität machen, oder die Finger davon lassen. Wenn man es will, muss man die Einnahmenseite stärken, indem man die wirtschaftliche Struktur der Stadt erweitert. Das ist meine Hauptkritik am OB. Im Vergleich zu den anderen Kreisstädten fehlen uns mindestens zehn Millionen Euro an Einnahmen.

Aus diesem Grund wurde das Stadtmarketing- Forum gegründet. Was muss nun geschehen?

Einer muss den Hut aufhaben und das Zepter in die Hand nehmen. Wolfgang Lastner (Anm. d. Red: In seinem Pelzgeschäft fand das Interview statt) ist Mitglied im Wirtschaftsbeirat der Stadt und nachdem wir uns privat häufig treffen, ist das immer Thema bei uns. Wir stellen immer wieder fest, da geht nix voran. Die Verantwortlichen der Stadt müssen anerkennen, beim Thema Wirtschaft schlecht aufgestellt zu sein, und anfangen, Pflöcke einzuschlagen. Da wird ein Wirtschaftsempfang organisiert, der ist schön, hilft aber unserer Strukturschwäche vor Ort nicht weiter. Ich freue mich sehr, dass ich mit Philipp Heimerl, dem Wirtschaftsförderreferenten der Stadt, vielfach in die gleiche Richtung argumentiere. Ich habe dem OB vorgeschlagen, mit Mitarbeitern von der Hochschule die Umsatzsteuerstatistik auszuwerten. Da würde man erkennen, welche Art von Betrieben, welche Stärken und Schwächen wir haben. Kein Interesse.

Was braucht Bruck?

Der Abschnitt der Augsburger Straße von der Eisdiele bis hin zur Gabelung ist noch ein Stück Fürstenfeldbruck, wo es mittelgroße, inhabergeführte Geschäfte gibt. Dieses Geschäft von Wolfgang Lastner wird in dritter Generation geführt, seit 75 Jahren. Die Stadt hat das Jubiläum nicht zur Kenntnis genommen. Hier wird eines der ältesten Handwerke betrieben, man hat ein Vorbild. Diese handwerkliche Tradition und Qualität muss man öffentlich herausstellen. Und man muss versuchen, die Bevölkerung zu animieren, nicht alles im Internet zu kaufen. Damit ist das Thema Kaufkraftbindung vor Ort angesprochen. Wenn man – siehe Hasenheide – überhaupt kein Interesse hat an einer gewissen Heimeligkeit, Standort- und Aufenthaltsqualität aufbringt, dann bekommt man die Toner-Auffüllläden und Tattoo-Studios.

Thema Kaufkraft: Wie geht es der Stadt?

Fürstenfeldbruck liegt bei jährlich von der GFK aufgestellten Kaufkraftstatistik der Landkreise bundesweit auf Platz fünf bis sieben. Wir haben eine herausragend hohe Kaufkraft auf die Gesamtbevölkerung gesehen. Aber wir haben gut 30 bis 35 Prozent Kaufkraftabfluss, weil bestimmte Segmente von Geschäften gar nicht hier sind, oder deren Qualität schlecht ist. Kaufkraft kann man binden, indem man die Vorteile dieser kleinen Geschäfte herausarbeitet. Es ist dort auf den ersten Blick teurer als im Internet. Aber wenn etwas defekt ist, ist der Handwerker relativ schnell da, wenn man ihn kennt. Und unser Landkreis weist die höchsten Auspendlerzahlen auf, mehr wohnen und arbeiten am Wohnort muss Zukunft werden, auch aus dem Klimaschutz heraus gedacht.

Viele nennen Verkehr und Parkplätze als Problem.

Der Autoverkehr wird rausgeekelt. Die Gesellschaft wird immer älter, viele sind nicht mehr so aktiv mit dem Radl und zu Fuß unterwegs. Was sollen die machen, wenn es keine Parkplätze gibt? Das eine oder andere Beispiel, wo man das umgesetzt hat, da ist die Innenstadt tot. Siehe Landsberg – das Paradebeispiel für sterbende Innenstädte. Dem Thema muss man sich stellen.

Corona hat die Lage in den Betrieben durch zwei Lockdowns verschärft. Sie sind Wirtschaftsfachmann. Wie lange dauert es, bis die Krise überstanden ist?

Der unberechenbare Teil war und ist die jeweilige Landespolitik mit ihren Corona-Regelungen. Wir haben bei den hohen Infektionszahlen Auflagen gehabt, die waren dumm. Beispiel Veranstaltungsforum Fürstenfeld: In die 1300 Quadratmeter große Stadthalle durften 20 Menschen hinein. Da lass ich lieber zu. Und der Gastro- und Hotelbereich wurde in Besonderheit mit Berufsverbot bestraft. Irgendwann wird man hoffentlich sagen, Corona ist vorbei, wir machen einen Strich. Ich habe nicht die Sorge, dass wir die Schulden gleich zurückzahlen müssen. Die werden so zurückgezahlt, wie es immer war: über die Generationen hinweg. Das ist eine sonderbare Mentalität, die Familien oft haben. Warum müssen die Eltern das Haus alleine abbezahlen, wenn die Kinder es erben? Auch bei den Schulen ist klar, dass sie von den Generationen, die in die Schule gegangen sind und sie nutzen, weiterbezahlt werden.

Sie sehen also nicht schwarz für die finanzielle Lage in Fürstenfeldbruck?

Die Stadt Fürstenfeldbruck, wie ich sie in über 40 Jahren kennengelernt habe, ist weder reich noch arm. Sie ist eine ganz normale Durchschnittsstadt. Die Stadträte möchten sich immer ganz viel leisten, und vergeben ein Gutachten nach dem anderen, damit sie Aktionismus zeigen. Danach stellt man fest, dass kein Geld da ist. So ist es auch beim Eisstadion. Bruck ist im Kulturbereich in den letzten Jahrzehnten gut vorangekommen, das könnte im Sport auch so sein. Aber die Finanzen geben es im Moment nicht her.

Angenommen, ein Investor würde ein Projekt realisieren. Was machen Sie?

Ich würde in Fürstenfeld den letzten nicht renovierten Teil der wunderbaren Anlage – das Torbogenhaus – für eine öffentliche Nutzung herrichten. Wahrscheinlich ist das der älteste Trakt in Fürstenfeld, noch aus der Zeit von Abt Dallmayr Ende des 17. Jahrhunderts. Das würde zwischen fünf und sieben Millionen Euro kosten. Der Oberbürgermeister hatte mich ermutigt, in dem Zusammenhang viele Gespräche mit der Kirche zu führen. Aber die Finanzkammer der Erzdiözese hat nicht mitgemacht. Und wenn wir ein bisschen mehr Geld hätten und die Bundesrepublik den Fliegerhorst frei gibt, würde ich dort den Wappensaal mit dem Nibelungenfresko für eine kulturelle Nutzung herrichten lassen.

Der Fliegerhorst ist derzeit ohnehin ein Streitthema, im Stadtrat und mit den Nachbarkommunen.

Jetzt wollen wir diesen Realisierungs-Wettbewerb durchführen, und die anderen Gemeinden gehen, mit Recht finde ich, auf die Barrikaden. Man muss wissen, was man will. Wohnen und Arbeiten, ein Forschungszentrum, eine Hochschule, oder am besten von allem etwas – das ist ein Rumgeeiere. So kommt kein Konzept zustande. Was die kommunale Zusammenarbeit angeht, da muss der Stadtrat über den eigenen Schatten springen. Gibt es kein gemeinsames Konzept, bei dem man den Gewinn und Verlust zusammen trägt, dann wird es keine gemeinsame Lösung geben. Man will sich verheiraten, aber so ganz richtig doch nicht. Wir müssen vertrauensbildende Maßnahmen schaffen. Es wird doch möglich sein, dass man die zehn Punkte, die sich die Stadt in einer Hochzeit von Euphorie gegeben hat, so zusammen bringt, dass die anderen Gemeinden damit leben können.

Wie ist derzeit die Zusammenarbeit im Stadtrat? Belastet Corona sie?

Corona belastet sie insofern, dass man sich relativ selten trifft. Nach der letzten Sitzung im Juli sind wir erstmals wieder zusammen weggegangen. Ich denke, dass ich quer durch den Stadtrat einen guten Kontakt habe. Man muss politisch streiten, damit man am Ende eine gute Lösung zusammen bringt. Das Klima war schon mal schlechter.

Wie ist es Ihnen in der Zeit ergangen? Sie haben bestimmt auch Veranstaltungen vermisst.

Natürlich. Das Schlimme ist: Man gewöhnt sich dran, nicht wegzugehen. Ich vermisse Veranstaltungen sehr, mal über den Mief der Provinz herausschauen. Daher vermisse ich auch meine Tätigkeit als Kulturreferent. Es ist aber nicht schlecht, dass ein Feld, das 30 Jahre von einer Person beackert wurde, neue Impulse bekommt. Frau Jäger ist Neuling im Stadtrat und als Kulturreferentin. Wenn sie dabei bleibt, wird sie ihren Weg machen.

Auch Ihre Familie konnten Sie lange nicht besuchen.

Ja, ich war seit zwei Jahren nicht mehr bei meiner Familie in Kanada. Sie besteht mittlerweile aus acht Nationalitäten. 2019 hat mein jüngerer Neffe eine Kanadierin geheiratet, deren Eltern aus dem Iran stammen. Da habe ich erstmals eine Großfamilie erlebt, 160 Leute, Oberhaupt ist die Großmutter. Das finde ich spannend. Wenn wir zusammen sind, entwickelt sich da eine tolle Situation. Auch die Tagungen in den USA auf wissenschaftlicher Ebene vermisse ich.

Man vereinsamt mit Online-Vorlesungen?

Ja. Ich habe als Prüfungsleistungen Projekt- und Modularbeiten angeboten. Es war eine Wahnsinnsarbeit. Ich bin nach einem Dreivierteljahr erstmals wieder in die Fakultät gefahren. Das war wie ein Hochsicherheitstrakt, alles verschlossen. Sie verlieren den sozialen Kontakt total. Dabei ist das im Bildungsbereich Dreh- und Angelpunkt. Die Studenten, die ins vierte Semester kommen, waren noch nicht ein einziges Mal an der Fakultät, in der Mensa und Bibliothek. Sie haben keine neuen Leute kennengelernt, wissen nicht, wie studentisches Leben abläuft. Das ist ganz blöd.

Gehen Sie wieder in Präsenzunterricht?

Es wird hin und her diskutiert. Ich habe meine Vorlesung online angekündigt. Wir müssen Hygienevorschriften einhalten. Und wenn 100 bis 200 Leute kommen, gibt es keinen ausreichend großen Lehrsaal. Daher werden eher kleinere Veranstaltungen aus dem Masterstudium real durchgeführt, größere virtuell.

Wie haben Sie die Zeit genutzt?

Ich habe in der Zeit viele Rezensionen und Aufsätze geschrieben. Das ist der positive Effekt, da man sonst nichts anderes zu tun hat außer den Garten zu pflegen und sich zu versorgen. Beim Basketball waren wir zweimal vom Lockdown betroffen. Wir gehen hinterher immer ins Venezia. Also habe ich über Zoom unsere Basketball-Venezia-Runde gemacht, damit man zusammen blieb und jeder ein bisschen reden konnte. Es war schön, als wir uns wieder real treffen konnten. Ich verstehe nicht, dass die Regierung sich beim Thema Impfen so schwertut. Als der Sicherheitsgurt im Auto eingeführt wurde, war es auch eine ewige Diskussion. Jetzt ist es verpflichtend. Es ist nie gut, wenn man Leute zwingt. Aber es würde der Gesamtgesellschaft helfen, wenn sich mehr Menschen freiwillig impfen lassen würden.

2023 stehen OB-Wahlen an. Wird Ihre Partei einen Kandidaten stellen?

Wir haben vor ein paar Wochen einen neuen, starken Vorstand gewählt. Der Landesgeschäftsführer der Bayern-FDP, Marius Gauland, ist der neue Ortsvorsitzende. Wenn wir einen Kandidaten haben, der keine Alibinummer ist, sondern Erfahrung und Wissen hat, vielleicht in der Stadt bekannt ist, werden wir ernsthaft darüber nachdenken.

Wäre es eine Alternative, die neuen Kooperationspartner von CSU oder Grünen zu unterstützen?

Ich bin Einzelkämpfer und habe von CSU und Grünen Sitze in Ausschüssen bekommen, damit wir zusammen eine Mehrheit bilden. Ich fühle mich wohl und bin dankbar. Es wäre durchaus denkbar, wenn die FDP keinen Bewerber aufstellt, einen oder eine Kandidaten/in unterstützt. Ich fände es gut, wenn jemand OB wird, der vom Alter her nicht nur eine Periode schafft, sondern die Chance erhält, eigene Vorstellungen, neue Ideen und Konzepte einzubringen und den Dornröschenschlaf zu beenden.

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