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Zeitzeuge erinnert an das dunkelste Kapitel der Geschichte

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Betroffen hörten die Jugendlichen der Lebensgeschichte von Abba Naor zu. Der 94-Jährige erzählte von der Judenverfolgung im Dritten Reich.
Betroffen hörten die Jugendlichen der Lebensgeschichte von Abba Naor zu. Der 94-Jährige erzählte von der Judenverfolgung im Dritten Reich. © peter weber

Die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte wurden zu seinem Schicksal: Abba Naor hat den Holocaust überlebt.

Fürstenfeldbruck – Der 94-Jährige reist noch immer von Schule zu Schule, um über das zu berichten, was sich niemals wiederholen darf.

Vor gut 50 Jugendlichen der Fachober- und Berufsoberschule erzählt Abba Naor zunächst von einer guten, friedlichen Kindheit mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern in Litauen. „Es war wunderschön dort“, wiederholt er immer wieder. Er erzählt von der Landschaft seiner Heimat, dann stoppt er plötzlich und fokussiert einen Punkt in der Ferne des Klassenzimmers. „Und dann kamen die Deutschen.“

Empfang der Wehrmacht

Am Anfang sei die Wehrmacht noch mit Blumen und Glückwünschen von den Litauern begrüßt worden. Das verstehe er, denn vom Osten seien die Russen gekommen. „Litauen ist streng katholisch und das passt mit dem Kommunismus einfach nicht zusammen.“ Nach dem Einmarsch der Sowjets habe es Erschießungskommandos gegeben – auf offener Straße, für alle mit anzusehen. Deshalb seien seine Landsleute erleichtert gewesen, als die Deutschen kamen.

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Naor war damals elf Jahre alt. Er berichtet von der schrittweisen Ausgrenzung der Juden: „Wir durften nicht mehr zur Schule gehen.“ Väter und Söhne seien verschleppt worden. Es gab Gerüchte, sie seien erschossen worden. Er erzählte von der Hinrichtung einer Gruppe von Männern aus seiner Heimatstadt Kaunus. Naor erinnert sich an warnende Worte seiner Mutter, die Angst in den Gesichtern und die Flucht der fünfköpfigen Familie in eine vermeintlich sicherere Zukunft.

Wegweisend

Der 94-Jährige zählt die Ereignisse der europäischen Geschichte auf, die für ihn wegweisend für den Holocaust waren: der Erste Weltkrieg und die Weimarer Republik. Die Menschen litten unter den Folgen des verlorenen Krieges. „Die Politiker suchten nach Schuldigen“, sagt Naor. „Und das waren die Juden.“

Der Zeitzeuge erzählt von der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, dem Ausschluss der deutschen Juden aus dem Allgemeinleben, der Flut an immer weitläufigeren Verboten und von der Vernichtung „volksfeindlicher Literatur“. Ein Bekannter habe damals gesagt: „Wenn sie schon Bücher in Deutschland verbrennen, werden sie später Menschen verbrennen.“ Naor hält inne. „Er hatte recht gehabt.“ Auch der 94-Jährige litt unter der NS-Herrschaft. Er floh, kam in ein Getto, ins Arbeitslager und schließlich ins Konzentrationslager Dachau. Den Todesmarsch von 1945 überlebte er.

Er wisse, dass es schwer sei, seine Geschichte anzuhören, sagt Naor zu den Jugendlichen. Auch für ihn selbst sei es nicht einfach, davon zu erzählen. Was ihn dazu bewegt: Nur Wissen und die bewusste Abkehr von derartigen Gräueltaten könne vor einer Wiederholung der Geschichte schützen. Denn es gebe immer wieder Menschen, die ihm nicht glaubten. „Den Menschen sage ich: Ich muss die Wahrheit erzählen. Die Wahrheit, die ich kenne.“ (CHRISTINA STROBL)

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