Ausstellung

Zeugnisse einer zerstörten  Vergangenheit

Der Krieg in Syrien droht Jahrtausende altes Kulturgut aus dem Gedächtnis der Menschheit zu löschen. Eine Fotoausstellung im Kunsthaus zeigt ein Land, das es so nicht mehr gibt.

Fürstenfeldbruck – Beim Stichwort Syrien denkt man an Krieg, fliehende Menschen, zerstörte Städte. Der kulturelle Reichtum des Landes geht dabei im doppelten Sinne unter – historische Stätten zerfallen im Bombenhagel, und das ohnehin schwach verbreitete Wissen über Syriens Jahrtausende alte Geschichte wird komplett aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Die Bedeutung der aktuellen Foto-Ausstellung des Museums Fürstenfeldbruck ist deshalb nicht hoch genug einzuschätzen. Unter dem Titel „Fragmente einer Reise, Fragmente einer Zeit“ sind im Kunsthaus mehr als 70 Bilder aus dem Nachlass der Fotografin Yvonne von Schweinitz zu sehen. Sie zeigen Syrien in den Jahren 1953 und 1960 – eine Welt, die es so nicht mehr gibt.

Als junge Frau in ihren Dreißigern bereiste Yvonne von Schweinitz, geborene Gräfin von Kanitz, mehrmals den Vorderen Orient. Sie besuchte unter anderem die heute weitgehend zerstörten Städte Damaskus, Homs, Hama und Aleppo, die Wüstenoase Palmyra, das Alawitengebirge und die Kreuzritterburg „Krak des Chevaliers“.

In beeindruckenden Schwarz-Weiß-Fotos und Farb-Dias hielt sie historische Bauwerke, Landschaften, Menschen und Alltagsszenen fest. Sie zeigen ein weltoffenes Land, in dem unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen miteinander auskamen. Und sie zeigen Schnittstellen zwischen Christentum und Islam, die hier einst friedlich koexistierten – die Omayyaden-Moschee in Damaskus zum Beispiel, im Stile einer antiken Basilika über dem Grab Johannes des Täufers errichtet.

Mit der Ausstellung hat das Brucker Museum einen echten Coup gelandet, denn die Bilder waren noch nie öffentlich zu sehen. Die beiden Hamburger Kuratoren Claus Friede und Mathias von Marcard entdeckten sie im Nachlass der 2015 verstorbenen Fotografin und waren gleich begeistert. Von den historischen Negativen ließen sie in einem Speziallabor großformatige Abzüge herstellen, deren Qualität erstaunlich ist. Gleiches gilt für die über 100 Farbdias aus dem Jahr 1960, die auf einem Monitor in Dauerschleife laufen.

Im Raum verteilt hängen begleitende Texte, die Erklärungen und Hintergrundwissen vermitteln. „Wir wollen Syrien in seiner kulturellen Bedeutung und seiner Schönheit zeigen, Aufklärung leisten und einen Kontrapunkt zur Kriegsberichterstattung setzen“, sagt die stellvertretende Museumsleiterin Eva von Seckendorff. „Und wir wollen Hoffnung machen, dass es mit der reichen Geschichte des Landes eines Tages weitergeht.“

Viele der in den Fotos gezeigten Stätten sind UNESCO-Weltkulturerbe – beziehungsweise waren es. Zwei Satellitenbilder des bombardierten Aleppo holen den Betrachter in die Gegenwart. Etliche der historischen Gebäude, die Yvonne von Schweinitz mit ihrer Leica verewigte, sind heute verschwunden. Claus Friede ist überzeugt, dass uns das mehr angeht, als viele wahrhaben wollen. „Was in Syrien zerstört worden ist, wird auch in unserem kulturellen Gedächtnis zerstört.“

Eva von Seckendorff hat sich im Vorfeld mit dem Deutsch-Syrischen Verein in München in Verbindung gesetzt. Sie wollte wissen, wie Syrer selbst die Ausstellung empfinden würden. „Alle waren sehr froh und dankbar.“ Aus dem Kontakt hat sich eine Begleitveranstaltung ergeben, die noch interessantere Einblicke verspricht als die Ausstellung allein. Der deutsch-syrische Ingenieur Ziad Nouri wird am 7. Mai (18.30 Uhr) und am 4. Juli (18.30 Uhr) im Kunsthaus zu Gast sein und über sein Land erzählen. Die Entwicklung der neueren Geschichte soll dabei ebenso Thema sein wie persönliche Erinnerungen des Ingenieurs, der als Mitglied deutscher und arabischer NGOs für Kulturaustausch immer wieder in Syrien unterwegs ist. (Ulrike Osman)

Die Foto-Ausstellung

„Syrien – Fragmente einer Reise, Fragmente einer Zeit“ ist bis zum 29. Juli im Kunsthaus Fürstenfeldbruck zu sehen.

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